Ballerburg
Januar 2003 war irgendwie noch mal ein starker Monat für die PSOne gewesen. Sonys letztes Spiel, das passable Hüpfspiel Jinx, erschien und mit Ballerburg ein paar Tage vorher auch noch ein recht ungewöhnliches Stück Software, das alles andere als Shovelware gewesen ist.
Ich finde es übrigens ziemlich irre, dass das Spiel mit dem Namen sogar in den USA auf den Markt kam. Das lag vielleicht daran, dass es ein C64-Spiel gleichen Namens gab, das in den 80ern wohl einiges an Bekanntheit erlangt hatte, aber ob das 2003 in den Staaten noch groß präsent war bei potenziellen Käufern und ausgeglichen hat, dass der Titel für Englischsprechende reines Kauderwelsch ist?
Ich finde es auch irgendwie komisch, dass man 2003 versucht hat, ein relativ aktuelles PC-Spiel auf die PSOne zu quetschen. Das muss sehr anstrengend gewesen sein. Wäre die PS2 nicht besser gewesen? Aber in Deutschland scheint es wohl nicht so schlecht gelaufen zu sein. Es war relativ mühsam, die Erstauflage mit gelbem USK-Logo aufzutreiben. Die spätere(n) Auflage(n) mit grünem USK-Logo sind offenbar zahlenmäßig viel größer gewesen.
Also, worum geht es? Ums Burgenballern. Vier Schwestern, die Wald-, Wüsten-, Eis- und Vulkankönigin kämpfen um die Herrschaft. Und weil die vier Königreiche so mit Burgen übersät sind, dass sich immer welche in Schussreichweite befinden, braucht es keine Armeen, sondern nur Katapulte und Kanonen.
Das Spiel besteht also vorrangig darin, dass man seine Waffen ausrichten und die gegnerische Burg nach und nach in Klump schießen muss. Man zielt nicht direkt, sondern drückt mit dem Steuerkreuz Koordinaten für die Ausrichtung und Entfernung ein. Lediglich Zeppeline und Ballisten (zur Abwehr von Zeppelinen) steuert man direkt mit Zielkreuz.
Es braucht also bestimmt mehrere Probeschüsse, bis man den ersten Schaden anrichtet. Erschwert wird es durch eine Streuung des Zielbereichs und teilweise dem Wind.
Wenn man mit einer Waffe gefeuert hat, kann man sich die Einschlagsstelle näher ansehen und erst dann auch einen näheren Blick auf die gegnerische Burg werfen, sofern der Schuss nicht in die Pampa ging. Dann erst kann man abschätzen, wo man eigentlich wirklich treffen will.
Es ist nicht immer eine Burg gegen eine Burg. Manchmal gehen die Schwestern Bündnisse ein und dann beschießt man mit einer CPU-Verbündeten eine gegnerische Burg oder muss sich mehrerer Burgen erwehren.
Manchmal gibt es Ausnahmen (überlebe eine bestimmte Zeit, baue bestimmte Strukturen), aber meistens endet eine Mission, wenn man den Palast der gegnerischen Burg zerstört hat.
Daneben hat das Spiel ein Aufbauelement. Man braucht bestimmte Gebäude zum Forschen und Bauen von Waffen oder zum Erwirtschaften von Gold, das man nicht nur zum Bau der Waffe braucht, sondern für die Munition. Jeder Schuss geht ins Geld. Und natürlich muss man beschädigte Gebäude oder Mauern reparieren oder ersetzen.
Während das Zielen auf dem PC anscheinend auch mit den Pfeiltasten der Tastatur geschah, so dass das Steuerkreuz keinen Nachteil hat, so hat ein Blick auf Youtube gezeigt, dass das Platzieren von Gebäuden auf dem PC mit Maus sehr viel schneller klappt. Insgesamt ist die Steuerung trotzdem gelungen. Über die Schultertasten kann man alle Menüs blitzschnell aufrufen. Trotzdem habe ich sicher die schwieriger zu bedienende Variante des Spiels beendet. Ich weiß nicht, ob die Balance angepasst wurde, insgesamt ist der Schwierigkeitsgrad moderat, aber man merkt schon, dass die CPU es leichter hat, gleichzeitig zu Bauen und zu schießen. Und man muss beim Gebäudeplatzieren genau sein. Wenn man etwas dort baut, wo es nicht durch eine Mauer vor direkten Beschuss geschützt wird, dann existiert es keine zwei Minuten.
Überhaupt ist meine große Kritik, dass das Bauen und Forschen (z.B. verbesserte Zielgenauigkeit) generell zu kurz kommt. Reparaturen und Schüsse kosten quasi das ganze Budget, so dass kaum etwas zum Ausbau bleibt. Der Schlüssel zum Erfolg ist, irgendwann zu merken, was man in der Mission braucht, um genau das zu bauen und zu forschen und in nichts zu investieren, das nur Nice to have wäre, aber nicht dringend notwendig ist. Das hat auch was, das Spiel fühlt sich irgendwie arcadig an dadurch, weil ständig Action ist, aber dadurch gibt es so viel im Spiel, das man faktisch nicht nutzt, weil man es nicht erforschen kann, weil einem die Konkurrentin in Grund und Boden ballert, wenn man es versucht. Das liegt auch daran, weil die CPU definitiv die Entfernungen besser einschätzt und weniger Probeschüsse braucht, bis man die ersten Schäden erleidet.
Manchmal kriegt man auch seltsame Einschränkungen wie dass man nicht forschen kann. In der Mission musste man die Schlacht mit wenigen, nicht zielgenauen Waffen gewinnen. Das war die schwerste Mission des Spiels. Im Grunde konnte man da nur direkt auf den Palast schießen und musste hoffen, ihn kaputt zu kriegen, bevor die eigenen Waffen zerstört waren oder so viele Bauernhöhe, dass man sich das Ballern nicht in der Frequenz leisten kann, die man braucht, um so oft zu treffen, dass die Schäden nicht schneller repariert werden, als man sie erzeugen kann. Mit Waffen, die weit streuen. Wenn sie zu weit streuen, sind die Schäden auch schneller repariert als erzeugt. Wohingegen die CPU die Zielgenauigkeit und alles andere erforschen kann. Ich habe zwei Abende an dieser Mission gesessen. Keine Strategie, kein Können, einfach nur Glück. Aber das war der einzige Totalausfall. Ansonsten war es schon ganz witzig und die Beschränkungen faktisch die einzige Möglichkeit des Spiels, Abwechslung zu generieren.
Speichern konnte man nur zwischen den Missionen, aber die dauern kaum mal eine halbe Stunde. Am längsten dauert eine Mission, in der es mir tatsächlich gelungen war, alle Bauernhöfe und andere Funktionsgebäude zu zerstören, so dass die CPU quasi handlungsunfähig war. Dann erkannte ich die Gelegenheit, endlich mal in Ruhe zu bauen und zu forschen, da hatte ich dann fast 50 Minuten mit der Mission verbracht.
Die vier Kampagnen sind zwar alle von Start weg anwählbar, haben inhaltlich aber eine feste Reihenfolge, weil man als General erst von der Wald- zur Wüstenkönigin weitergereicht wird, die einen dann irgendwann an die Eiskönigin weiterreicht. Der Wechsel zur Vulkankönigin wird nicht erklärt, aber dass sie chronologisch die letzte Lehnsherrin ist, wird dadurch deutlich, dass sie halt schlicht und ergreifend gewinnt, und ihre drei Schwestern am Ende im Kerker versauern. In der Reihenfolge sollen die Kampagnen auch jeweils schwerer werden, aber mit Ausnahme der Waldkönigin, deren Kampagne deutlich leichter ist, kam mir das alles ziemlich gleich schwer vor. Die Alptraummission von oben gab es mit der Eiskönigin
Sehr unangenehm fand ich den Sexismus des Spiels in den Kommentaren der Kanoniere. Ich packe das mal in Spoilertags, weil ich das echt unangenehm finde. Betrachtet es als Triggerwarnung:
„Der Schuss hat ihre Silikonkissen ganz schön wackeln lassen." „Weiter so, sie ist alt genug, um geknallt zu werden!" „Wer so rumläuft, kann einen ordentlichen Bumms vertragen." Harmlose Sprüche gab es aber auch: "Noch so ein Schuss und sie kommt sich vor wie ein Moorhuhn!" Oder „Na Klasse! Wir wollen hier eine Schlacht gewinnen, und du machts einen Weitschusswettbewerb draus!"
Jedenfalls, wenn ich das Spiel damals gekauft hätte, es fiel mir damals in den Läden nämlich tatsächlich auf und liebäugelte damit, dann wäre ich ausgerastet und hätte im alten GUF dagegen gehetzt. Damals habe ich diesen witzig gemeinten Sexismus nämlich mit Feuer und Flamme bekämpft, im Alter bin ich abgestumpft und habe eine Toleranz zumindest beim Jahrtausendwendesexismus entwickelt. Aber sonderlich begeistert bin ich von diesen Scheißsprüchen trotzdem nicht.
Die Briefings durch die Königinnen sind auch teils etwas schlüpfrig und die Beleidigungen der anderen Königinnen teils ziemlich derb, etwa
„orientalische Hure", aber es sind die Sprüche der Kanoniere, die ich wirklich schlimm finde.
Das Spiel hat einen Mehrspielermodus im Hot Seat-Modus, wo man alle 30 Sekunden den Controller weitereichen muss, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das bockt, wenn man nicht zufällig einen Mitspieler hat, der ganz genau weiß, wie das Spiel geht. Auf dem PC im Netzwerk in Echtzeit war das Spiel aber sicher eine Gaudi.
Technisch war es mit der hohen Sichtweite (sonst hätte das Spiel mal wirklich nicht funktioniert), den Gebäudeschäden, Bränden und den Tag- und Nachtwechseln passabel. Manchmal ruckelt es, aber da man ja vorrangig mit dem Steuerkreuz Koordinaten eingibt und nicht wirklich frei zielt, behindert es das Spiel nicht.
Den Verpackungstext finde ich bei einem deutschen Spiel eines deutschen Publishers allerdings peinlich, weil er schlecht übersetzt wirkt.
Humorvolle Geschichte schlechthin?
Tag- und Nacht-Realität?
Und noch eine Anekdote zu dem Betrug, der auf ebay heutzutage manchmal zu finden ist. Da ich nicht wusste, wie lange das Angebot bestünde, habe ich ein Bildschirmfoto von diesem originalverschweißten Exemplar gemacht:

- Screenshot_20260412-233512_Firefox Klar.jpg (243.78 KiB) 9 mal betrachtet
Hallo, irgendjemand soll glauben, dass in dieser Schrumpelfolie PSOne-Spiele verkauft wurden? Und dazu kommt noch, dass das offensichtlich eine Ersatzhülle ist, weil auf echten Hüllen links vom Playstationschriftzug ein Echtheitssiegel angebracht ist. Wie kann der Typ glauben, dass er damit jemanden reinlegt? Wer heute noch nach PSOne-Spielen in Folie sucht, weiß doch wohl, wie das auszusehen hat. Die Folie hatte ja auch eine Banderole mit dem Playstationlogo, also, selbst wenn irgendwelche chemischen Reaktionen die Folie zusammenschrumpeln ließen, die Banderole wäre ja trotzdem noch da.
Echt dreist! Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viel der Verkäufer sich damit ergaunern wollte.