Manche Spieletitel sind äußerst schwierig zu merken. Entgegen der landläufigen Meinung gehört The Remake of the End of the Greatest RPG of All Time jedoch nicht dazu.
Nein, ehrlich. Das mögen zwar mehr Wörter sein, als ich zählen kann, aber es steht einfach genau da, worum es sich handelt. Das Remake des Endes des tollsten RPGs aller Zeiten (und da möchte nochmal jemand behaupten, Deutsch wäre immer alles viel länger).
Wahrscheinlich habt ihr schon eine genaue Vorstellung davon, was das beste RPG aller Zeiten ist. Die populären Antworten wären Persona 5 Royal, Dragon Quest 11 und, um weiter in die Vergangenheit zu den wirklich wahren Highlights zu blicken, Final Fantasy VII oder Chrono Trigger. Um es vorweg zu nehmen: Es handelt sich bei TRotEotGRPGoAT nicht um das Finale der Remake-Trilogie von Final Fantasy VII.
Aber was ist denn nun das Greatest RPG of All Time?
Ein Remake-Projekt
Für sich genommen, hat The Remake of the End of the Greatest RPG of All Time nicht mehr allzu viel damit zu tun, was unter einem RPG verstanden wird.
Zum einen, weil es sich um die letzte Spielstunde des mysteriösen RPGs handelt, verpackt in ein Remake aus Pixelart-Charakteren in einer dreidimensionalen Umgebung. Alle Charaktere sind bereits auf Level 99, stärker wird also niemand mehr. Ausrüstung und Waffen sind auch schon vorhanden, aber zumindest kann ich sie noch austauschen. Was eines RPG-Endes gebührt, ist das vollbepackte Inventar. Mehr Items, als jemals jemand aufbrauchen könnte, aber es könnte ja sein, dass ich das später nochmal brauche. Dass später das Spiel vorbei ist, zählt nicht.
Zum anderen ist TRotEotGRPGoAT so viel mehr als das Ende eines Spiels. Eine Entwicklerdoku mit Einblicken in die Motivation für das Remake-Projekt, vielen dramatischen Momenten und Audiokommentaren. Ein digitaler Rückblick in Zeiten, als physische Anleitungen noch die Norm waren und mit persönlichen Notizen bereichert wurden. Ein Rätselspiel sowohl in den rundenbasierten Kämpfen als auch wenn es um die zentrale Frage geht, was dieses tollste RPG ist, das niemand kennt.

Puzzlespiel
Also, kürzer zusammengefasst als der Titel des Spiels, ist The Remake of the End of the Greatest RPG of All Time ein Meta-Puzzlespiel mit vielen Ebenen.
Puzzle-Kämpfe
In Bezug auf das RPG geht es um das Herausfinden, was passiert ist, wo die heldenhafte Truppe gerade steht. Was ich überhaupt tun kann. Denn Türen und Truhen öffnen sich nicht alle mit denselben kleinen Schlüsseln und Angriffe sind namenlose Icons.
Besonders das Kampfsystem gefällt mir dabei sehr. Zu sagen, dass ich in die Anleitung schaue, um auf bereits gefundenen Seiten die Lösung aus dem “Originaltext” oder nachträglich eingefügten Notizen zu entnehmen, wäre technisch gesehen nicht einmal falsch. Meist sehe ich einen Gegner und suche dann in der Anleitung nach ihm. Mal sehe ich direkt, welche Angriffe benötigt werden, zumeist steht da aber nur eine kryptische Schwäche. Wie ich sie ausnutze, finde ich dann auf einer anderen Seite. Oder ich kenne keine Schwäche und muss selbst überlegen, welche Aktionen die richtigen sind. Am liebsten sind mir die Momente, in denen ich mich zuerst frage, was die Angaben in der Anleitung bedeuten, und später mit neuem Wissen erkenne, dass die Lösung direkt vor meinen Augen steht.
Aber das ist bis jetzt alles sehr vage. Die Kämpfe finden an festgelegten Stellen statt. Zuerst wähle ich aus, welchen Gegner ich zuerst angreife. Anschließend reihe ich mehrere Aktionen aneinander. Anschließend fügen Gegner etwaige Angriffe ein, anfangs noch vorwiegend nach meinen Angriffen, später zunehmend mittendrin.
Gegner nehmen durch die meisten Angriffe keinen Schaden, daher muss ich Schwächen ausnutzen. Diese sind allerdings selten so simpel, wie einmal ein wenig Feuer auf sie zu werfen. Stattdessen kombinieren sich einzelne Angriffe in der richtigen Reihenfolge zu einem speziellen Angriff, der nach den einzelnen Aktionen durchgeführt wird. So entfesselt Anführerin Rose beispielsweise mit Axt und Wirbel eine verheerende Wirbelattacke. Doch für jeden einzelnen Aktionsslot kann ich frei entscheiden, wer agiert, weshalb die Angriffe schnell an Komplexität zunehmen. Und immer wieder entdecke ich neue Nuancen des Kampfsystems.

Puzzle-Meta
Die Anleitung ist also eines meiner wichtigsten Werkzeuge in The Remake of the End of the Greatest RPG of all Time. Die Seiten finde ich überall im Spiel verteilt, mal auch hinter Hindernissen, die mir anfangs noch unüberwindbar vorkommen. Tatsächlich gibt es einzelne Hindernisse, die fortschrittsabhängig sind, auch wenn sehr viele wissensabhängig sind. Was ein wenig an Tunic erinnern mag, kommt aber ohne die erhöhte Komplexität daher, eine fremde Schrift zu enthalten.
Bereitgestellt wird die Anleitung freundlicherweise von Jacob und Lucas, den Entwicklern. Die das Remake des Greatest RPG of All Time mit sehr viel Fingerspitzengefühl angehen wollen. Entsprechend die Präservation der Anleitung, auch wenn sie nicht makellos aussehen mag und manch wichtige Information überklebt ist oder anderweitig fehlt.
Was harmlos beginnt als Audiokommentar über die Kniffligkeit, Sokoban-Rätsel im Remake überzeugend umzusetzen, nimmt schnell Fahrt auf. Ein Abschnitt der Entwicklerdoku gibt einen wichtigen Hinweis darauf, eine neue Ebene zu erreichen, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und Dinge zu hinterfragen. Was darauf folgt, ist eine gelungene Mischung aus Hinweissuche, Rätseln für später, offensichtlichen Lösungen für noch nicht gestellte Rätsel und kontextgebundenen Erkenntnissen.
Es gab einzelne Rätsel, bei denen mir lange keine Lösung klar wurde. Vermutlich habe ich deshalb auch knapp über 8 anstelle der geschätzten 4-6 Stunden benötigt. Aber gerade in Anbetracht dessen, dass ich an einer Stelle wiederholt nach etwas gesucht habe, bis mir auffiel, dass ich es schon gefunden hatte, sind die Rätsel durchaus gut lösbar. Und nicht nur die, die offensichtlich sind, nachdem ich sie gelöst habe.
Am Ende sind es auch immer wieder Details, die ich für abgehakt gehalten habe, die dann doch auf einmal eine neue Bedeutungsebene oder Wichtigkeit erhalten. Alles greift überzeugend ineinander und am Ende hatte ich vielleicht sogar ein wenig 90er-Jahre-Staub in den Augen. Auch Tage nach dem Abspann denke ich noch immer wieder über TRotEotGRPGoAT nach, über die Fragen und Antworten, die ich im Spiel gefunden habe.

Fazit
The Remake of the End of the Greatest RPG of All Time ist ein vielschichtiges Meta-Puzzlespiel, bei dem sowohl das Spiel als auch die Meta-Ebene überzeugen. Hinweise verstecken sich auf vielfältige Weise und Wissen wird häufig rekontextualisiert. Fortschritte hängen teilweise an neuen Fähigkeiten und oft an neuem Wissen. Die Rätsel-Kämpfe basieren auf einem spannenden Konzept und bleiben durch immer wieder neue Ansätze frisch. Hinzu kommt die facettenreiche Meta-Ebene mit Entwicklerkommentaren und mehr, und alles greift gelungen ineinander. Und im Moment bin ich einfach glücklich, dass ich TRotEotGRPGoAT erleben durfte.

Herzlichen Dank an Lucas Immanuel und Coin Drop Games für die Bereitstellung des Testmusters. Gerätselt auf PC via Steam.