Werbung soll eigentlich dazu dienen, ein Produkt potenziellen Interessenten schmackhaft zu machen, manchmal hat sie aber auch den gegenteiligen Effekt. Pipistrello and the Cursed Yoyo wurde als „erstes Yoyovania“ beworben, was in mir den Eindruck erweckt hat, dass es ein Metroidvania mit einem recht technischen Kampfsystem wäre. Im Ergebnis habe ich das Spiel, bis mir Kollege Sascha das Spiel noch einmal nachdrücklich empfohlen hat, weitgehend ignoriert. Wie sich herausgestellt hat, ist Pipistrello nämlich kein kampf-fokussiertes Metroidvania, sondern ein Zelda-Like.
In Pipistrello and the Cursed Yoyo schlüpft man in die Rolle des titelgebenden Pipistrello, dem Neffen der mächtigen und reichen Vorsitzenden eines mächtigen Firmenkonglomerats, das in der Welt von Pipistrello nicht nur gefürchtet ist, sondern auch die Kontrolle über den Großteil des Wirtschaftsgeschehens hat. Zu Beginn des Spiels erfahren wir, dass Pipistrello eine sehr komplizierte Beziehung zu seiner Tante hat, denn er möchte eigentlich lieber ein Yoyokünstler werden, als in ihre Fußstapfen zu treten. Trotz der Spannungen zwischen den beiden wird Pipistrello im Spiel aber nicht umhin kommen, viel mit seiner Tante zu interagieren, denn in einem Angriff auf die Familie wird die Tante von ihrem Körper getrennt und ihr Geist steckt fortan in Pipistrellos Jojo fest. Die Tante dient so im Verlauf des Spiels nicht nur als Ratgeber, sondern auch als etwas sarkastischer Kommentator der Bemühungen Pipistrellos.

Pipistrello spielt sich auf den ersten Blick sehr ähnlich wie ein klassisches 2D Zelda. Man steuert Pipistrello aus der Vogelperspektive, kämpft gegen zahlreiche kleine Gegner, sucht in einer vertrackten Oberwelt nach den Zugängen zu den vier Dungeons und rätselt sich durch diese hindurch. Allerdings spielt das Jojo eine besondere Rolle in der Interaktion, denn abgesehen vom Laufen hat nahezu jede Aktion im Spiel mit dem Jojo zu tun. Der Standardangriff ist beispielsweise, Gegner mit dem Jojo zu schlagen. Zum Glück bewegt das Jojo sich aber so schnell, dass man durch das Jojo nicht länger in einer Animation feststeckt, als man es mit Links Schwert täte.
Hinzu kommen aber auch abgefahrenere Aktionen mit dem Jojo, beispielsweise das Jojo abschießen und automatisch weiter vorwärts durch das Level rollen lassen, oder aber auf dem Jojo reiten. Das ergibt zwar nicht erst bei näherem Hinsehen nicht allzu viel Sinn, macht aber Spaß und wird auf sehr interessante Weise für Rätsel eingesetzt. Wie es sich in Zelda-Likes gehört, hat man in Pipistrello aber nicht alle Fähigkeiten gleich vom Spielstart weg zur Verfügung. Stattdessen bekommt man immer in der Mitte eines Dungeons eine neue Fähigkeit, die es einem dann erlaubt, an vielen Stellen, an denen man im Dungeon bislang nicht weiterkam, neuen Fortschritt zu machen. Durch die thematische Anbindung an das Jojo sind die Fähigkeiten in Pipistrello ziemlich frisch und nicht allzu eng angelehnt an den etablierten Zelda-Items. Dennoch sind sie flexibel einsetzbar, teilweise kombinierbar und ergeben eine Menge Raum für interessante Rätsel, der sehr gut ausgenutzt wird.

Äußerst löblich ist die dichte Gestaltung der Oberwelt, die voller Geheimnisse ist und auf jedem Bildschirm irgendwelche Zugänge, Sammelgegenstände oder wichtige Charaktere bietet. Zwar ist die gesamte Oberwelt im Grunde genommen eine einzige Stadt, die einzelnen Gebiete unterscheiden sich aber thematisch und spielerisch deutlich, so dass sich das Spiel keineswegs eingeengt anfühlt. Eine besondere Rolle spielt zudem der Untergrund, in dem man unzählige Geheimnisse und knifflige Konstruktionen findet. Die neuen Oberweltgebiete vor dem Betreten eines neuen Dungeons zu erkunden, hat selbst ein Stück weit Dungeon-Charakter und ist durchweg hoch motivierend.
In Sachen Belohnungen für Sidequests bietet Pipistrello Bewährtes, aber auch Neues. Die Herzteile im Spiel, die die Lebensleiste erweitern, müssen in Paketen von acht gesammelt werden, um ein zusätzliches Herz zu erlangen, zusätzlich gibt es eine Medaillenslotleiste, die sich durch das Sammeln jeweils zweier Erweiterungsteile vergrößern lässt. Weiterhin gibt es Medaillen bzw. Blaupausen für Medaillen zu sammeln, die man im Hauptquartier ausrüsten und so optionale Spezialfähigkeiten zu- oder abschalten kann. Hier kommt nun genau die Leiste für die Medaillenslots zum Tragen, denn diese beschränkt, wie viele Medaillen man auf einmal tragen kann. Jede Medaille kommt mit individuellen Kosten daher und bei der Kombination sollte man sich genau überlegen, wie man seine Leiste ideal ausnutzt.

Schließlich spielt die Währung im Spiel eine besondere Rolle. Man sammelt überall im Spiel Münzen und erhält auch beim Besiegen von Gegnern Münzen. Diese kann man zum Kauf von Items verwenden, aber wesentlich interessanter ist der Umstand, dass das Spiel ein Kreditsystem hat. Ein Fertigkeitenbaum von allen möglichen Verbesserungen kann im Hauptquartier exploriert werden. Die Idee ist, dass man sich eine Fertigkeit aussucht, die man gerne hätte, diese aber nicht direkt bezahlt, sondern die Kosten mit den künftigen Erträgen abzahlt. Solange man einen aktiven Kreditvertrag hat, wird die Hälfte aller aufgelesenen Münzen dazu verwendet, die Schulden abzutragen. Gleichzeitig gilt für die Zeit, die man den Kreditvertrag hält, dass man je nach Fertigkeit andere Nachteile im Spiel hat. Sie es, dass die Lebensenergie reduziert ist, oder die Angriffskraft, oder die Slots für Medaillen. Das Kreditsystem ist so balanciert, dass man ohne Grind alle Fertigkeiten im Spiel freischalten kann, aber dass man dafür die meiste Zeit des Spiels einen aktiven Kreditvertrag hat. Auf diese Weise wird effektiv das Spiel immer wieder in Nuancen anders balanciert und auch die Entscheidung, welchen Kreditvertrag man zu welchem Zeitpunkt eingeht, kann erheblichen Einfluss auf die Spielerfahrung haben. Die Idee hat mir gut gefallen, da insbesondere die Balance sehr gründlich gewählt wurde, so dass niemand angehalten wird, Münzen als Selbstweck zu sammeln.
Nicht ganz so gut hat mir leider das Kampfsystem gefallen. In meinen Augen ist Pipistrello deutlich zu vulnerabel und die Gegner stecken sehr viele Schläge ein. Besonders die Kampfarena hat mir früh im Spiel heftig zugesetzt. Allerdings kann man ohne Strafe den Schwierigkeitsgrad der Kämpfe sehr feinschrittig senken oder auch nur die Strafe für den Tod ausschalten. Insofern rechne ich das Kampfsystem dem Spiel nicht negativ an.

Pipistrello and the Cursed Yoyo ist ein einfallsreiches, sehr sorgsam designtes Zelda-like, das jedem, der dem Genre etwas abgewinnen kann, dringend ans Herz gelegt sei. Sowohl das Welten- als auch das Dungeon-Design wissen zu begeistern und die Jojo-Fähigkeiten bringen frischen Wind ins Subgenre. Nach den Ittle Dew-Spielen ist Pipistrello mein liebstes Indie-Zelda-like.

Getestet auf Nintendo Switch 2 via Abwärtskompatibilität.