Donutal (Review)

Artwork und Logo zu Donutal

Es ist wahrscheinlich nicht allzu weit hergeholt, wenn ich behaupte, dass wir alle in den vergangenen Jahren das ein oder andere Scherflein zu tragen hatten. Der Druck auf unsere Gesellschaft und das Individuum wird von Woche zu Woche stärker. Vertrauen wird getrübt oder erlischt. Und Hoffnung kühlt vielerorts auf Sparflamme herunter. Videospiele, wie auch andere Medien, bieten oftmals eine große Portion Weltflucht. Oder du hast ein Spiel wie Donutal vor dir. Dann siehst du mit jeder vergangenen Spielstunde mehr Parallelen zur eigenen Realität. Und vielleicht…vielleicht…kann sich so die Flamme der Hoffnung wieder ein wenig mehr erwärmen.

Klopf, klopf, lass mich rein

Ich kann persönlich wenig klagen. Die vergangenen Jahre entwickelten sich mit jeder abgeschossenen Silvesterrakete, jedem frisch geschlüpften Blümchen auf der Wiese, jeder (viel zu) heißen Sommernacht und jedem gefallen Blatt besser für mich und meine Familie. Sicherlich haben wir ebenfalls düstere Nächte, doch vom “Weltschmerz”, der vor sich geht, werden wir nur sehr wenig betroffen. Die meisten Krisen dieses Planeten gehen (noch) an und vorbei. Vielleicht könnten ja ein paar Aliens aushelfen?

Dies ist zumindest Teil der Prämisse von Donutal [welches sich ständig in “Donautal” unkorrigiert!]. Die Erde befindet sich am Scheidepunkt diverser gesellschaftlicher, politischer und existenzieller Krisen. Und plötzlich stehen Aliens wortwörtlich vor unserer Tür, welche die Erde besuchen wollen. Aber selbstverständlich ist die Menschheit nicht vorbereitet und es dauert Jahrzehnte, bis endlich Grenzkontrollen starten können. 

Screenshot der Raumstation aus dem Adventure Donutal
Ob wir irgendwann auf die Erde zurückkehren dürfen?

Als es dann endlich soweit ist, erwachen wir auf der ehemaligen ISS aus dem Kälteschlaf. Während wir vor uns hin geschlummert sind, wurde die internationale Raumstation kurzerhand in einen Umschlaghafen für die Beziehungen zwischen der Erde und außerirdischen Lebensformen umgebaut. Wir sind nun der erste Mensch, der mit Hilfe des Androiden Dolphin, die Auswahl trifft, welche Aliens den Weg auf die Erde finden dürfen und welche nicht. Kein allzu beliebter Job, darum stehen wir jetzt auch nur inmitten des Weltalls aufgrund exorbitant hoher Schulden. Was müssen wir nur für ein Leben auf der Erde geführt haben?

Die Frage stellen wir uns im Verlauf häufiger, denn als Folge des Kälteschlafs fehlen uns eine ganze Menge Erinnerungen. Classic, aber wenigstens nicht tot, wie alle anderen menschlichen Zollbeamte.

Von Tentakeln, aufreizenden Miezen und Heilsbringern

Auch wenn wir das Jahr 2206 schreiben, Bürokratie wird noch immer ganz groß geschrieben. Und weil alle Energie der Menschheit in die Errichtung von Schutzschild und ISS-Hafen gegangen ist, fehlen leider die notwendigen Papiere. Unser einziges Mittel, um herauszufinden, welchen Aliens Asyl oder Besuche gestattet werden, ist ein grober Fragenkatalog und ganz viel einfühlsame Kommunikation.

Jeden Tag kommt so eine Reihe von bis zu acht Aliens zu uns. Jeder hat seine eigene Motivation, seine eigenen kulturellen Hintergründe und passt daher dementsprechend besser zu uns Erdlingen oder eben nicht. Im Grunde gibt es nicht viel, was gegen einen Aufenthalt spricht. Sicherlich sind die Drogen in der Tasche des Marsianers verdächtig. Dieser eher nicht. Und der Yeti, der gerne die Köstlichkeiten der Erde probieren will? Kann durch. Eine übermächtige Entität, die alles Übel des Universums ausrotten will? Ist sicherlich missverstanden.

Donutal hat allerdings einen Kniff, mit dem wir die schier unlösbaren Fragen des Universums (und der Einreisebehörde) zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen. Wir können jederzeit zwei Aliens gleichzeitig zu einem Interview rufen. Trennen wir so zwei Liebende Loch Ness-Monster (ernsthaft jetzt!) voneinander, kriegen wir gegebenenfalls mehr Informationen aus ihnen heraus, als wenn beide vorgeladen werden. Verfeindete Rassen im selben Interview können ungewohnte Einblicke in die Kräftedynamiken der Aliens verraten. Und das richtige Paar kann Kommunikationsbarrieren überwinden. So erfahren wir beispielsweise schnell, dass der Yeti “Ukyuu” essen will. Naja, und wir sind Ukyuu. Abgewiesen, gern geschehen!

Lasst uns miteinander reden!

Natürlich sind die meisten Aliens nicht so leicht zu durchschauen. Das System, jeweils zwei Personen einzuladen und durch unachtsame Äußerungen oder das vorhandene Wissen der anderen Aliens Informationen zu entlocken, hat mir außerordentlich gut gefallen. Wir besitzen eine feste Zeitspanne und jede Aktion – also Fragen stellen oder Wechsel der Interviewten – kostet uns Zeit. 

Donutal hätte sich allerdings eine größere Fülle an Varianz in seinen Fragen gönnen können. Zu Beginn jedes Interviews haben wir einen festen Fragenkatalog und nur bei bestimmten Aliens werden zusätzliche Fäden freigeschaltet. Diese sind oftmals ersichtlich, weswegen wir schnell wissen, auf welche Aliens wir unseren Fokus setzen sollten.

Charakterartwork für einen Grey aus dem Adventure Donutal
Gegrüßt seid ihr, Erdlinge!

Dann geht es vor allem darum, herauszufinden, welche Kombination aus Aliens uns zum gewünschten Ergebnis führt. Der Marsianer, der nicht lügen kann. Der Picto, der allwissend scheint. Oder der Dogoo, der die Schlechtigkeit in den Herzen der Anwesenden spürt. Mit jedem Tag, der vergeht, lernen wir die Rassen des Universums näher kennen und können diese für unsere Zwecke besser nutzen. Denn was wäre schlimmer, als der Weltuntergang, weil wir plötzlich die Menschheit dank eines lasziven Katzenaliens in die VR-Abhängigkeit treiben?

Und so ist dieses Fundament an Aliens, die wir vor uns in Donutal haben, nicht nur aus spielerischer Sicht ein Highlight. Auch deren Hintergründe, die kulturellen Eigenheiten, biologische und psychologische Hindernisse, sind ungemein durchdacht. Außerordentlich gut gefallen mir die Sinala. Deren Planet besteht aus fliegenden Inseln. Und so sind Sinala, die keine Flügel haben, gesellschaftlich minderwertiger betrachtet als jene mit Flügel. Für solche Geschichten, egal ob wichtig für den Plot oder nicht, liebe ich Science-Fiction.

Brandaktuell

Und wisst ihr, was Science-Fiction auch gut kann? Uns Spiegel vorsetzen. Migration ist wahrscheinlich eines der lautesten und toxischsten Themen der vergangenen Jahre. In Donutal sind wir von den Irrungen und Wirrungen auf der Erde entkoppelt. Als einziger Mensch auf der ISS, umgeben von Androiden und Aliens, haben wir lediglich durch die täglichen Newsletter ein wenig Ahnung davon, was auf unserem Heimatplaneten abgeht. So sehen wir beispielsweise, was unsere durchgelassenen Aliens Gutes oder Schlechtes gebracht haben. Dass Alienrechts-Aktivisten verurteilen, wenn wir blutrünstige Aliens einfach mal eben zur Sicherheit aus der Interviewkammer gesaugt haben. Und allen voran, wie nahe die Erde vor der Katastrophe steht.

Selbstverständlich verrichten wir unsere Arbeit immer zum Wohle der Erde. Doch was sind die richtigen Maßnahmen? Die Narrative von Donutal zeichnet da sehr gut darin aus, dass vermeintliche Heilsbringer sich schnell als das eigentliche Übel entpuppen können. Und dass das Wohl der Menschen nur durch harte Arbeit, Vertrauen und Zusammenarbeit verbessert werden kann. Der letzte Akt der Geschichte wird so zu einer extrem kniffligen Angelegenheit, denn dann müssen wir plötzlich all das, was wir zu wissen geglaubt haben, noch einmal auf die Probe stellen.

Screenshot aus einer Interview-Szene aus dem Adventure Donutal
Ukyuu?

Gerade in einer Zeit, in der sich die Menschen rechten Narrativen und religiösen Zufluchten hinwenden, ist eine solche Botschaft bemerkenswert. Ich hoffe, jetzt schreit keiner von euch “WOKE!”, klickt den Tab weg, desinfiziert sein Gerät und schreibt dem Village anschließend eine wutentbrannte Mail. Donutal bezieht hier in seiner Metaphorik Stellung in einer Thematik, die heutzutage explosiver nicht sein könnte. Und ich mag die Haltung, die gegen Ende des Spieles immer klarer wird.

Zäher Einstieg, starkes Ende

Gleichzeitig macht Donutal es uns aber auch nicht leicht. Das Pacing der ersten Tage hinter der Grenzschranke ist extrem langsam und es fehlen lange Zeit außergewöhnliche Erlebnisse. Das Puzzlen der unterschiedlichen Aliens zueinander ist zudem sehr simpel, weil uns die Narrative bewusst in seine linearen Bahnen lenken will. Sicherlich ist dies einer Visual Novel wie Donutal stärker zu verzeihen, allerdings würde dem Spiel gerade zu Beginn mehr davon zu Gesicht stehen, was sich gegen Ende offenbart.

Was mich persönlich mehr gestört hat, als es wirklich relevant wäre, ist die Präsentation von Donutal. Die Designs der Charaktere sind ganz interessant, aber bis auf minimale Animationen sehr starr. Es hilft dann auch nicht, wenn wir immer dieselben Fragen stellen und sich so in den ersten Spielstunden viele Momente doppeln oder unter einer Flut ähnlich wirkender Dialoge das Adventure sehr monoton daherkommt. Wenn mich dann noch die Musik an Genre-Kollegen wie Danganronpa oder die Zero Escape-Spiele erinnert, wird hier eine Messlatte hoch gelegt, die Donutal lange Zeit nicht erfüllen kann. Ja, dies sind zu 100% subjektive Probleme und ich hoffe sehr, dass diese bei euch in der Form nicht auftreten.

Mit seinen zahlreichen Längen und der monotonen Präsentation maskiert Donutal viel zu sehr, welche Stärken unter der Haube des Adventures verborgen sind. Das Worldbuilding, allen voran die unterschiedlichen Alienkulturen, ist richtig gut und gibt den Charakteren dementsprechende Lebendigkeit. Das Duo-Interview-System, das in einem (spirituellen) Nachfolger sicherlich nochmal zu einer ganz eigenen Klasse reifen kann, bietet einzigartige Momente spielerischer und narrativer Natur. Und wenn dann auch noch die Botschaften und Themen des Spiels in der heutigen Zeit wichtiger denn je erscheinen, kann ich Donutal einfach nur wärmstens empfehlen.

Die Grenzen und Herzen auf PC und Steam Deck geöffnet. Ein herzlicher Dank geht an Arc System Works für die Bereitstellung eines Mustercodes.