Vor drei Jahren fand bei mir in meinem Kaufverhalten ein großer Wandel statt. War ich vorher ein Verfechter des “NUR PHYSISCH”-Credos, wandelte sich das in dieser Zeit. Industria war einer der ersten Nutznießer auf PlayStation – abseits von Steam. Erwartet hatte ich nach den Trailern ein abstraktes Eintauchen in eine von K.I. zerstörte Welt, gepaart mit Realwelt-Verknüpfungen durch das Setting im Berlin des Kalten Krieges. Bekommen habe ich…ein bisschen davon? Eine Art Half Life-light mit ganz coolen Ideen im Worldbuilding und einem Ende, das Gemüter spaltet, aber meines Erachtens zum Ton der Story gepasst hat. Mochte ich es? Nicht genug, um ein Industria II zu wünschen, weswegen mich die Ankündigung letztes Jahr komplett überraschte. Doch dies sollte jetzt, nachdem ich es für euch gespielt habe, nicht die einzige Überraschung bleiben.
Überraschende Wendungen
Im Vorgänger schlüpften wir in die Rolle von Nora Solheim. In den Wirrungen des Mauerfalls verschwindet unser Kollege Walter Rebel spurlos und Agenten vernichten unsere bisherigen Forschungsergebnisse. Doch Walter ist nicht, wie man aufgrund des zeitlichen Zufalls denken dürfte, in den Westen abgezischt, sondern in eine parallele Dimension. Denn unser Forschungsobjekt, die künstliche Intelligenz ATLAS, hat seinen Weg dahin gefunden. Und wir sind dafür verantwortlich.
Ich möchte an dieser Stelle das Ende von Industria nicht vorwegnehmen, da – obwohl ich wahrscheinlich immer andere Shooter eher empfehlen würde – ich auch nicht vom Spielen abraten kann. Wichtig zu wissen für Industria II ist für dieses Review lediglich, dass wir Walter hinterher reisen und am Ende in der unwirtlichen Dimension gestrandet sind. Wie lange seit dem ersten Teil vergangen ist, wurde mir nicht klar, aber es muss viel Wasser die Spree heruntergeflossen sein, als Nora eines Nachts in der fremden Dimension Schüsse in einer nahen Siedlung mitbekommt. Zudem deutet eine Signalfackel darauf hin, dass sich wirklich noch ein anderer Mensch in die Dimension verirrt zu haben scheint.
Nach einer kurzen Einführung in die Spielmechaniken treffen wir auf eine Frau, die sich als Teil einer Rettungsmission ausgibt. Außerdem weiß sie, wie wir verdammt nochmal aus dieser Hölle herauskommen! Also nichts wie weg hier.
Die Story von Industria II ist in meinen Augen das Glanzstück des Spiels. Den Ersten muss man nicht zwingend gespielt haben. Es hilft aber sicherlich, um alle Zusammenhänge und kleineren Wendungen zu verstehen. Ganz besonders erfreut mich, dass anders als im ersten Industria hier das “Reale Welt”-Setting Sinn und Zweck hat. Doch ist es die Story alleine wert, sich auf einen knapp vier bis fünfstündigen Trip in Industria II zu begeben? Ich nehme es vorweg: nein.
Überraschende Technik
Meine Reise durch die unwirtliche Welt begann holprig. Und damit mein ich nicht nur den Framerate-Schluckauf, der war schon schlimm genug. Industria II ist von beeindruckend “klarer” Hässlichkeit, das heißt, es gibt Texturen, die alle ästhetischen Maßstäbe ignorieren, aber wenigstens hochauflösend sind. Nora bewegt sich wie ein Sack Zement auf zwei Beinen durch die linearen Level und wenn sich mal ein Gegner in unseren Weg stellt, fühlen sich Schüsse oder Hiebe an, als würde ich auf Pudding hauen. Die zugehörigen Soundfiles erwecken den Eindruck zum Glück nicht – sofern sie denn abgespielt werden.
Denn der Sound ist wahrscheinlich die größte technische Katastrophe des Spiels. Atmosphärische Kulissen laufen in endloser Folge, außer wir übertreten eine unsichtbare Grenze. Dann bricht sie unvermittelt ab, ein anderer Soundfile wird getriggert und so weiter. Warum es Spielen der hinteren Verkaufsbänke oft so schwer fällt, hier ein Aus- und Einfädeln je nach Entfernung einzubauen, erschließt sich mir nicht. Dass die NPC manchmal reden können, ohne die Münder zu bewegen, nehme ich mal wohlwollend als Bauchreden an.
Und dann kann es vorkommen, dass der Sound komplett abbricht und Industria II komplett stumm bleibt. Da hilft dann nur ein Neustart. Vielleicht hilft dabei das Spiel sogar aus, denn vereinzelte Spielabstürze hatte ich auch auf dem PC. Doch Glück im Unglück, wenigstens konnte ich auf dem PC ins Spiel starten. Auf Steam Deck stürzt aktuell das Kompilieren der Shader jedes Mal ab, was das Spielen von Industria II unmöglich macht.
Überraschend monoton
Eine solche Masse an technischen Fehlern hatte ich lange nicht mehr bei einem Videospiel. Leider aber auch schon lange nicht mehr ein so langsames und zähes Gameplay. Die meiste Zeit schleichen wir durch lineare Korridore, weichen den Robotern von ATLAS aus oder gehen in Kampfgefechte über. Dies spielte sich bereits nach einer knappen Stunde monoton, der stärkere Fokus, im Vergleich zum Vorgänger, auf Stealth half nicht dabei.

Denn gerade beim Schleichen kommt die unglaublich schwache KI der Roboter zum Vorschein. Also doch kein so tolles Forschungsprojekt gewesen, na Nora? Bei offener Konfrontation stürmen alle auf uns zu, aber wenn wir Schusswaffen – vor allem ab dem Zeitpunkt, wenn wir die Schrotflinte besitzen – nutzen, ist auch eine Überzahl machtlos. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad spielte sich Industria II einfach so runter und verlangte selten echte Aufmerksamkeit. Gepaart mit dem linearen Leveldesign, welches abseits des Weges nur Materialien zum Craften und aufgeblasene Lore bietet, entpuppt sich Industria II als eher langweilige Nummer.
Und so gibt es für mich drei Faktoren bei der Endbewertung von Industria II: meine Vorliebe für diese Art von Stories, die wirklich haarsträubende Erfahrung des technischen Zustandes sowie die Ernüchterung, dass hier der spielerische Hauptgang weitaus schwächer ausschlägt, als noch im Vorgänger. Wenn ich diese zusammen denke, dann komme ich zu der Folgerung, dass mehr Zeit dem Spiel gut getan hätte. Weitaus mehr Zeit, denn drei, vier Monate würden vielleicht die zahlreichen Bugs ausmerzen. Aber selbst ohne diese würde das Spiel vor sich hin mäandern.
Industria II wirkt als Spiel wie die zahlreichen Horrorfilm-Sequels, die wegen eines soliden Erfolges ihrer Vorgänger mal eben schnell auf den Markt geworfen werden. Die Story wurde solide weitererzählt, aber das Gameplay wurde auf halbem Wege im Stich gelassen. Ideen, die Industria aufwarf, ob narrativ oder spielerisch, werden nur angekratzt und können in Industria II daher keine Wirkung entfalten. Und dann ist der technische Zustand der Sargnagel, der ein langweiliges Spiel komplett in den roten Bereich bewegt. Ich kann euch Industria II derzeit einfach nicht ans Herz legen. Vielleicht wird sich Bleakmill durch zahlreiche Updates einem soliden Zustand nähern und dann für Fans des ersten Spiels eine leichte Empfehlung sein. Ich hoffe es.

Durch dunkle Korridore auf PC geschlichen. Ein herzlicher Dank geht an Bleakmill und HeadUp Games für die Bereitstellung eines Mustercodes.