Will: Follow the Light (Review)

Artwork zu Will: Follow the Light

Als Kind empfand ich Leuchttürme immer als etwas ganz Besonderes. Meine Mutter hatte ein Faible für die Nordsee, weswegen wir öfter an der Küste waren. Ausflüge zum jeweils lokalen Leuchtturm waren selbstverständlich inbegriffen. Ich mochte den Gedanken dieses ganz speziellen Gebäudes, mit einer ganz speziellen Verantwortung, die es so in der Form in meiner Heimat nicht geben konnte. Dieses besondere Gefühl hat sich später, als ich an der Küste gewohnt habe, verflüchtigt, dennoch glaube ich, dass Leuchttürme und deren Wärter narrativ ganz besondere Rollen einnehmen können. Oder du machst es wie Will: Follow the Light

Folge dem Licht

Hier treffen wir den Leuchtturmwärter Will, der auf seiner Schicht plötzlich von einem unbarmherzigen Sturm überrascht wird. Also ein Tag wie jeder andere in den harschen Nordmeeren. Doch diesmal ist alles anders. Ein Erdrutsch hat weite Teile unserer Heimatstadt unter sich begraben. Menschen sind unter den Ruinen verschüttet und Vermisste werden von Angehörigen betrauert und gesucht. 

Für Will ist dies aber nicht das Schlimmste. Sein Rabenvater, mit dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr pflegt, ist an diesem Abend plötzlich aufgetaucht und hat unseren Sohn auf eine Segeltour mitgenommen. Sofort machen wir uns auf den Weg, reparieren unser altes Segelschiff und folgen der Spur unseres Vaters.

Die Ausgangslage von Will: Follow the Light wirkt in meinen Augen stark konstruiert. Wir haben einerseits die Naturkatastrophe, die sich im Ort ereignet und die bereits eine fantastische Bühne für Narrative und Gameplay geboten hat. Und andererseits das Vater-Will-Sohn-Dreieck, welches den emotionalen Kern der Handlung darstellen soll, aber uns im Endeffekt auf eine Schnitzeljagd durch die Meere schickt. 

Aber dies hat Will: Follow the Light selbst erkannt. Denn nach der ersten Stunde, wenn wir in den Irrungen und Wirrungen der Katastrophe endlich unsere Molly reparieren konnten, wird das Setting komplett fallen gelassen. Und in den restlichen fünf Spielstunden nie wieder Thema. Dies hat mich zugegebenermaßen während des Spielens sehr irritiert und wilde Theorien in meinem Kopf ausgelöst. Die allesamt nicht gestimmt haben, wodurch sich der Beginn – obwohl atmosphärisch stark – als komplett überflüssig darstellt. Auch für die überspannenden Leitmotive wie Einsamkeit und Trauma hat die Katastrophe keinerlei Relevanz, obwohl das Spiel prinzipiell den Themen genug Platz einräumt.

Seemannsgarn

Spielerisch geht die Verwirrung weiter. Will: Follow the Light ist ein Ego-Adventure, was im Grunde bedeutet, dass wir weitestgehend lineare Abschnitte erkunden und dort mit Interaktionspunkten oder NPC interagieren. Es gibt abseits von vereinzelten Sammelgegenständen leider wenig abseits des vom Spiel vorgegebenen Pfades zu entdecken. So rennen wir dann beispielsweise im ersten großen Abschnitt von einem Punkt zum nächsten, reden mit den überlebenden Anwohnern auf der Suche nach unserem Sohn. Hier gibt es dann klassische Fetchquests sowie vereinzelte kleine Puzzle. 

Screenshot aus Will: Follow the Light
Verflixte Technik!

Deren Schwierigkeitskurve war…seltsam. Zuerst reparieren wir ohne Probleme (und ohne Hinweise) den Zapfhahn in der Kneipe. Dann kriegen wir plötzlich das oben abgebildete, komplexe Puzzle zum Bau einer Schiffsschraube serviert. Dass sich hier die Markierung der kleinen Einzelteile zuweilen grausig steuert, ist da nur die Kirsche auf der Sahne.

Nichtsdestotrotz ist Will: Follow the Light sehr bemüht, uns genug spielerische Abwechslung zu bieten. Ein Umstand, der in meinen Augen vielen Ego-Adventures komplett abgeht. Was ich ebenfalls lobenswert hervorheben will, sind die Segel-Abschnitte. Einerseits sehen diese atemberaubend aus, sei es wegen der Wasserphysik oder Beleuchtung. Andererseits spielen sie sich in meinen Augen sehr entspannend. Wir müssen beide Segel setzen, aber auch deren Winkel manipulieren, um den Wind perfekt einzufangen und dementsprechend schnell Geschwindigkeit aufzunehmen. Segeln ist nicht wirklich anspruchsvoll, aber es hat mir viel Freude bereitet. 

So wechseln sich die Gameplay-Abschnitte ab und schwanken dabei von belanglos, über entspannend bis hin zu komplett frustrierend. Ganz besonders das Hundeschlitten-Fahren hat meine Nerven überstrapaziert. Viel Spaß dabei, sollte euch meine Review Lust auf Will: Follow the Light machen!

Vaterunfreuden

Aber Dreh- und Angelpunkt des Spiels bleibt die Narrative. Nachdem wir die Naturkatastrophe hinter uns gelassen haben, übernahm die Odyssee über das Nordmeer die Ruder. Wir besuchen eine Vogelinsel und stellen uns dem Geist unserer verstorbenen Frau. Besuchen unsere alte Heimat und stellen uns den Geistern der Vergangenheit. Besuchen verfallene Leuchttürme und stellen uns irgendwelchen anderen Geistern. Will: Follow the Light spaziert auf diese Weise in sehr erwartbaren Pfaden. Aber wirklich viel nachhaltige Erzählung gibt es am Ende nicht.

Im Kern steht die Dynamik aus den Vater-Sohn-Beziehungen. Unser Vater hat uns einst, nachdem seine Frau verstorben ist, vernachlässigt und ist lieber in die Kneipe gegangen, anstatt sich um uns zu kümmern. Und jetzt, Jahre später, haben wir, nachdem unsere Frau gestorben ist, unseren Sohn vernachlässigt und sind…naja, wie eigentlich? Das Spiel gibt uns lediglich “Arbeitet zu viel” als plausible Erklärung und will dennoch eine Parallele zwischen den Generationen erzeugen. Dies gelingt nur bedingt, weil sich das Spiel zu wenig Mühe gibt, die Beziehung zum eigenen Sohn in das passende Licht zu rücken. Wenn ich etwas fühlen soll, dann erzähle mir nicht bloß davon, was passiert ist, sondern lass es mich am Leib erfahren. Es bleibt auf diesem Wege einfach extrem oberflächlich.

Screenshot aus Will: Follow the Light
Wunderschöne Segelei zur Entspannung

Zugleich hat mich die Art und Weise, wie Will: Follow the Light das Thema “Vater-Sohn” anfasst, besonders wütend gemacht. Mit meinen eigenen Dämonen belastet fühlte es sich plump an, wenn der gesamte Arc von Will darin besteht zu erkennen, dass er ja eigentlich nicht anders war als sein alter Herr. Dies lediglich mit ganz wenigen Aspekten untermauert zu sehen, fühlt sich extrem falsch an. Aspekte, wie beispielsweise der Tod der jeweiligen Mutter, wirken komplett konstruiert.

Opa des Jahres

Will mag vielleicht in seiner Arbeit als Leuchtturmwärter stärker versunken sein. Emotionale Bewältigung zeigt oftmals ähnliche Ausprägungen. Und ja, sein Sohn wird dadurch ebenfalls weniger Aufmerksamkeit bekommen. Aber ich würde diverse Gegenargumente vorbringen wollen. Da wäre einerseits das Trinken von Wills Vater. Wir können nicht annehmen, dass Will hier genauso im Alkohol versinkt. Aber auch nicht, da ist das Adventure leider recht sparsam mit Erklärungen. Gleichzeitig gibt es klare Hinweise darauf, dass Will im Begriff ist, den Verlust seiner Frau zu verarbeiten. Zumindest deutet eine angehende Beziehung sowie der optionale Dialog am Grab seiner Frau darauf hin. Aber okay, diese sind Bestandteil der ersten Stunde, die Will: Follow the Light eh ignoriert.

Und wenn wir uns dann auf der Zielgeraden unserer Reise befinden und wir Lawinen, Wale und Eisbären überlebt haben, dann wird es komplett Banane. Das Ende hat mich nicht nur ernüchtert zurückgelassen, sondern zugleich ein wenig sprachlos. Ich hatte vermehrt das Gefühl, dass Tomorrowhead Studios versucht haben, eine emotionale Geschichte zu erzählen. Aber nicht die richtigen Werkzeuge in der Hand hatten. Und sich dadurch in manche Sackgasse geschrieben haben. Oder warum muss ich am Ende meiner Reise erfahren, nachdem ich Gefahren über Gefahren überstanden habe, dass mein Vater seinen Enkel alleine zurückgeschickt hat. Echt der Opa des Jahres!

Das Licht, dem wir als Will gefolgt sind, entpuppte sich am Ende als Irrlicht. Will: Follow the Light hat einige gute Ideen, vor allem die spielerische Abwechslung kommt nicht zu kurz. Und Segeln könnte ich auf diese Weise ein ganzes Spiel hindurch. Doch vom starken Beginn und vereinzelten das Spiel durchziehenden Motiven abgesehen lässt die Narrative auf fast allen Ebenen zu wünschen übrig. Allen voran der emotionale Kern will einfach nicht landen, weil die handwerklichen Mittel des Storytelling oder der Inszenierung fehlen. Dabei wäre alles ja irgendwie vorhanden, aber wie die Stadt zu Beginn lassen sich die Überreste einer soliden Geschichte unter dem Erdrutsch nur erahnen.

Wegweisenden Lichtern auf PlayStation 5 gefolgt. Ein herzlicher Dank geht an Tomorrowhead Studios für die Bereitstellung eines Mustercodes.