Vor vier Jahren machte ein Clip im Netz die Runde, welcher schnell eine Welle der Begeisterung ausgelöst hat. In ihm zu sehen: Ein Spinosaurus Aegyptiacus, animiert im wilden Tanz mit einem Großschwert. Typisches Dino-Gebrüll inklusive! Mich beeindruckte damals weniger die Idee, als vielmehr die beeindruckende Animationsfertigkeit des Clips. Die kommt aber auch nicht von ungefähr, wenn man sich andere Arbeiten von Jean Nguyen anschaut (wie z.B. hier). Dem Clip folgte schon bald eine Finanzierungs-Kampagne, welche nun in diesem Juli in Dinoblade mündete. Das Spiel sprach mich schon mehr an, als der Clip einst. Doch abseits seiner Animationen und seines “herrlichen Schwachsinns” bietet Dinoblade noch eine ganze Menge mehr. Im Guten, wie im Schlechten.
Pakt mit dem Dino-Teufel
Vor 25 Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass der Held des Spiels eher zum Schlechteren gehören würde. Zu plump fand ich damals in Jurassic Park III, wie der Spinosaurus das Franchise-Maskottchen in Windeseile platt gemacht hat. Fast schon traumatisch gezeichnet habe ich dies dem Film ewig übel genommen. Zugegeben, ich finde es heute immer noch plump, aber ich verstehe, was die Macher:innen des Films bewerkstelligen wollten. Und es gelingt ja auch, spätestens mit der komplett skurrilen “Spino taucht am Waldrand auf und das Telefon klingelt”-Szene hat der Spinosaurus für mich längst einen gewissen Kultstatus erreicht. Die Melodie des Telefons kann ich (leider?) immer noch.
Einen solchen Spinosaurus Aegyptiacus spielen wir in Dinoblade. Ohne Telefon zwischen den Zähnen, aber dafür mit einem Problem. Denn wir sind in eine finstere Höhle gefallen und stehen kurz davor, das Zeitliche zu segnen. Doch eine dämonische Präsenz nähert sich uns und bietet uns einen Pakt an. Sein Schwert und seine Kraft, dafür verpflichten wir uns dazu, Jagd auf die anderen Dinosaurier zu machen. Anstatt zu sagen »Hey, ich hab schon einmal Videospiele dieser Art gespielt, du wirst mich sicher hintergehen!«, machen wir »Brüll« und schwingen fortan mit feurigem Schrecken das Großschwert.

Style over substance?
Die meiste Zeit hält sich Dinoblade ansonsten mit einer stringenten Narrative zurück. Wir durchlaufen die fünf Kapitel, treffen auf kleinere und größere Gefahren. Manchmal gibt es stylische Cutscenes, um die Stimmung des folgenden Bosskampfes einzuordnen. Oder dementsprechend zu enden. Sie waren wirklich cool und mancher Finisher hatte schon einen brachialen Style zu bieten. In den letzten, geschätzt zehn Prozent des Spieles vollführt Dinoblade allerdings eine Wendung, bringt dämonische Fehden und anderen Kram ins Spiel, die mich ratlos zurückgelassen haben.
Das größte Manko dürfte sicherlich sein, dass Dinoblade sich in jeder Sekunde zu ernst nimmt. Das Konzept “Dinos gehen mit Schwertern aufeinander los” hat in meinen Augen viel Potenzial dafür, komische Momente zu liefern. Einen solchen in Dinoblade, wenn ein Tyranno- oder Gigantosaurus zu Beginn des Kampfes einen Ankylosaurier als Waffe gegen mich missbraucht, ist ein solcher Moment, der aus der Prämisse entspringt. Aber weitere Szenen dieser Art sucht man vergebens, weswegen die Neuartigkeit des Spiels im Vergleich zur großen Masse an ähnlichen Titeln schnell verpufft. Und mit dem finalen Kapitel narrativ die Krone aufsetzt.
Solide Actionkost
Gerade im Action-RPG/Soulslike-Genre tummeln sich mittlerweile enorm viele Vertreter, die allesamt um unsere Gunst balgen. Dinoblade hebt sich selbstverständlich mit seiner Prämisse ab, doch auch spielerisch gibt es zuweilen echt gute Ideen. Prinzipiell würde ich das Spiel als Soulslike-light bezeichnen. Das fundamentale Kampfsystem sowie die durch Atmosphäre und Gegnerdesign angelegte Stimmung beim Spielen sind in meinen Augen klar “Souls-y”. Das Highlight sind definitiv die Bosskämpfe, denn deren Muster zu lernen und mit den Mitteln des Spiels sowie den eigenen Fähigkeiten irgendwann den Sieg zu erringen, macht durchaus Spaß.
Gleichzeitig muss man aber die Betonung klar auf “-light” legen. Grundsätzlich spielt sich Dinoblade wie ein Action-Adventure mit leichten Rollenspielelementen. Wir erhalten durch Kämpfe mit Standardgegnern oder durch Entdeckungen in der Spielwelt Seelenpunkte, welche wir in vier der Statuswerte von unserem Spino stecken können. Mehr Leben? Bitte hier, friss Seelen. Mehr Ausdauer? Seelen-Nachschub kommt sofort! Kein Wunder, dass die Dinos ausgestorben sind, wenn sie am Ende der Kreidezeit nichts Nahrhaftes zu sich genommen haben.
Schnapp dir alle Dinos!
Gleichzeitig bekommen wir natürlich auch Erfahrungspunkte, welche das Level steigern. Dadurch werden wir einerseits stärker, andererseits schalten sich aber auch neue Möglichkeiten im Talentbaum frei. Hier können wir in fünf verschiedenen Fähigkeiten mit der Zeit immer brachialere Angriffe beschwören. Um sie nutzen zu können, brauchen wir lediglich Bossseelen.
Deren Herkunft erklärt sich von selbst. Dinoblade hat eine große Riege von mal mehr, mal weniger außergewöhnlichen Bossen. Der Löwenanteil besteht aus verstärkten Varianten vorhandener Standard-Dinos, bieten aber zugleich neben den Bossseelen auch spezielle Beschwörungen. Diese bieten einerseits passive Perks wie mehr Schaden oder größere Parierfenster, andererseits aber auch eine beschwörte Bestie auf dem Feld als zusätzlichen Magieangriff.
Gemeinsam mit den Schwertern, die sich im Laufe des Spiels finden lassen und die ebenfalls passive Fertigkeiten versprechen, bieten sich so zahlreiche Kombinationen, um individuelle Taktiken für Kämpfe auszuprobieren. Ich mochte es beispielsweise sehr, meine Geschwindigkeit zu erhöhen, aber zugleich auch mehr Raum zum Parieren zu bekommen. Da nahm ich es gerne in Kauf, weniger Schaden anrichten, wenn dafür das Spielgefühl stimmt.
Ödnis, wohin man blickt
Und dieses Spielgefühl war im Laufe meiner knapp sieben Stunden enorm schwankend. Wenn Dinoblade ins Rollen kommt und der Boden der Steppe vom Getrampel der Kolosse erzittert, kommt auch dementsprechend Spielspaß auf. Dies gelang dem Spiel aber nur zu selten und – wenn überhaupt – in Bosskämpfen. Doch die meiste Zeit bewegt sich das Spiel wie sein Held extrem träge vorwärts. (Und vor allem in den Kämpfen habe ich die Schleicherei des Spinosaurus verflucht!)
Größtes Manko ist hier mit Abstand das Leveldesign. In fünf Kapiteln gibt es nur einen Abschnitt, den ich sowohl visuell als auch spielerisch eindrucksvoll fand. Und zweiteres lag nur daran, weil ich vorher durch einen Tunnel geschleust wurde. Verworrene und komplex miteinander verzahnte Level, die Spezialität der besten Soulslikes, werden hier gar nicht erst versucht.
Stattdessen laufen wir durch die Level, suchen uns eine Gegnerhorde hier. Oder eine Gegnerhorde da, weil da auch Seelen liegen. Und, huch, da ist ja plötzlich Speicherstein. Dann ist ein Bossgegner sicher nicht weit. Wenn wir dann Glück haben, dürfen wir auch den Gegner sehen. Denn bei Dinoblade gilt, je kleiner, desto fieser wird die Kamera.
Allgemein ist der technische Zustand von Dinoblade zum aktuellen Zeitpunkt ein weiteres, großes Manko. Die farbliche Abmischung der Level, die Stabilität der Framerate oder die Beweglichkeit der Kamera – all dies macht Dinoblade unnötig sperriger, als ihm gut tut. Da Dinoblade ein prinzipiell anspruchsvolles Spiel ist, helfen diese Umstände sicherlich nicht. Oder es greift aktiv in einen Bosskampf ein, indem der einzige Doppel-Bosskampf aufgrund eines sehr kuscheligen Baumes dann doch ein Eins-gegen-Eins wurde. Quälerei des verbliebenen, festhängenden Dinos inklusive. So kann keine Spezies sein Aussterben verhindern.
Identitätskrise
So schlagen, ach, zwei Herzen in meiner Brust. Das eine Herz will Dinoblade lieben, denn die Idee ist so unglaublich verrückt, aber zugleich auch nicht das einzige Highlight. Dinoblade ist fordernd und die Bosskämpfe sind konzeptionell ebenfalls gut designt. Mit seiner kurzen Spielzeit und seiner doch eher starken Anleihe an Action-Adventure-Titeln was Progression und Fähigkeiten angeht, könnte dies ein guter Einstieg in das eher sperrige Genre der Soulslikes sein.

Doch in seinem Herzen kann Dinoblade nie diesen Status erreichen. Einerseits werden (zum Wohle des Spiels sicherlich) zu viele Struktur- und Progressionelemente aus leichter zugänglichen Genres implementiert. Andererseits fehlt es Dinoblade an seiner eigenen Identität. Den Status des Memes von vor vier Jahren hat Dinoblade nie verlassen können, es wird kaum narrativ oder spielerisch auf dieser skurrilen Idee aufgebaut. Vielmehr wiederholt sich das Spiel, verflacht im Verlauf aufgrund seines langweiligen Leveldesigns und frustriert vielmehr wegen seiner technischen Defizite anstelle eines klugen Spieldesigns.
Grund für die Auslöschung einer ganzen Spezies auf PC gewesen. Ein herzlicher Dank geht an Team Spino für die Bereitstellung eines Mustercodes.
Vergleichbare Spiel-Empfehlung
Dinoblade ist aus einem Meme gewachsen und hat ein solides, aber in weiten Teilen oberflächliches Action-Spektakel geschaffen. Dabei bietet es sich als eine Art Brücke an, um Neulinge in das anspruchsvolle, aber auch sperrige Genre der Soulslikes entführen zu wollen. Dies gelingt aber aus diversen Gründen nicht, weswegen ich an dieser Stelle lieber ein anderes Spiel nennen möchte, was in vielen Dingen vergleichbar scheint: Another Crab’s Treasure. Das Abenteuer der Krabbe mit zu hohem Hauskredit ist ein reinrassiges Souls-like, welches aber gleichzeitig seine verrückte Idee sowohl im Leveldesign, als auch den Bossen und der umspannenden Narrative einzusetzen und auszureizen vermag. Auch wenn Krabben sicherlich nicht so cool wie Dinosaurier sind, lohnt sich hier ein Blick für Neulinge sicherlich mehr.
