The Posthumous Investigation (Review)

Artwork zu The Posthumous Investigation

Wir stehen in einer dunklen Gasse. Kalter Regen verschafft sich über unseren Nacken Zutritt in die Wärme unseres Trenchcoats. Doch wir zittern nicht, denn wir haben uns mittlerweile an den Regen gewöhnt. Und an den Anblick der gezeichneten Umrisse eines verstorbenen Körpers auf dem Boden, die von den Tropfen weggewaschen werden. Zu oft standen wir hier und kamen einer Lösung unseres Falles keinen Schritt weiter. Wir zerreißen den mittlerweile aufgeweichten Brief unseres Auftraggebers und kehren zurück in die Straßen der Stadt. Sie sind uns nur allzu bekannt. Denn wir erleben in The Posthumous Investigation denselben Tag jeden Morgen aufs Neue. Und erleben dabei ein Detektiv-Adventure, welches uns in den meisten Facetten ebenfalls nur allzu bekannt erscheint.

Kuckuck

Doch zurück an den Anfang. Wir erwachen eines Morgens in unserem Büro. Dieser verdammte Kuckuck über uns wird uns unzählige Male aus dem Schlaf reißen, doch heute wischen wir dies mit einem Lächeln beiseite. Ein neuer Tag heißt vielleicht auch, dass ein neuer Fall wartet! Und wer hätte es gedacht, unter unserer Tür wurde wie in alten Groschenkrimis üblich ein Brief durchgeschoben. Wir öffnen den Umschlag und sehen auf den ersten Blick, dass die Nachricht enorm wichtig ist. Denn sie stammt von Brás Cubas, einem einflussreichen Unternehmer Rio de Janeiros. Brás Cubas ist allerdings tot.

Zumindest behauptet der Brief dies und zugleich werden wir beauftragt, den ungewöhnlichen Mordfall aufzuklären. Natürlich vergewissern wir uns erst einmal, ob sich da niemand einen Scherz mit uns erlaubt. Doch wirklich, nur wenige Straßen entfernt befindet sich ein abgesperrter Tatort. Brás Cubas ist wirklich tot. Seine Schwester Sabina steht dabei und selbstverständlich nehmen wir direkt die Ermittlungen auf. 

Schnell wird uns klar, so wirklich trauert Sabina Cubas nicht. Vielmehr ist sie nur an zwei Dingen interessiert: Was wir als “Journalist” (versucht ihr mal, den Menschen als Ermittler einen anderen Eindruck zu vermitteln) für ein Bild von ihr zeichnen mögen. Und der Fundort des Löwenschlüssels, der den Zugang zu Brás’ Anwesen ermöglicht. Selbstverständlich.

Screenshot aus The Posthumous Investigation

Und so verbringen wir unseren Tag mit gründlichen Ermittlungen. Wir verschaffen uns Zugang zum Tatort, befragen einen angrenzenden Apotheker und stolpern über den ein oder anderen Charakter, der wichtige Dinge über Brás zu sagen hat. Fast schon wie auf Schienen folgen wir den Menschen und entdecken dabei ein Rezept für eine Medizin, die wir in der geschlossenen Apotheke mutig zu uns nehmen. Mutig oder eher naiv. Auf alle Fälle werden wir uns Fragen, was wohl passiert wäre, wenn wir anders gehandelt hätten. Anderen Menschen gefolgt. Oder einfach NICHT etwas uns komplett Unbekanntes getrunken zu haben. Kein Wunder, dass wir seit Wochen keinen Fall mehr hatten. Muss sich herumgesprochen haben, wie naiv wir sind.

Kuckuck, kuckuck

Dann geht alles plötzlich ganz schnell. Wir wachen in einem kleinen Raum auf, schwindlig von der unbekannten Medizin. Uns sitzt plötzlich Brás Cubas gegenüber. Er versichert uns, dass er tot ist, wir aber nicht. Unser Treffen findet im Limbo statt, einem Raum zwischen dem Dies- und Jenseits. Brás will natürlich wissen, wie wir mit unseren Ermittlungen vorankommen. Und weil er dabei so wenig Zeit wie möglich verstreichen lassen will, schickt er uns fortan jeden Abend zurück an diesen ereignisreichen Morgen. Inklusive Kuckuck.

Fortan bestimmen die Ermittlungen unser Leben. Jeden Morgen weckt uns der Kuckuck, dann gehen wir auf Spurensuche. Befragen einen abwechslungsreichen Cast von in der Summe fünfzehn Charakteren oder folgen diesen bei ihrem Tag nach dem Mord. Jeder hat dabei sein eigenes, dunkles Geheimnis in Posthumous Investigation. Und jedes einzelne Geheimnis ist wichtig, wenn wir den oder die Mörder:innen von Brás aufspüren wollen.

Doch dies fällt uns nicht leicht. Denn auch wenn wir den Tag endlos Murmeltier-Style wiederholen können, bleibt die Zeit trotzdem niemals stehen. Verdächtige wandern durch Rio und verheimlichen uns natürlich ihre wahren Beweggründe. Am Ende hat jeder ein Motiv, aber dieses herauszufinden ist eine schier endlose Suche nach Informationen, Indizien und Beweisen.

Kuckuck, kuckuck, kuckuck

Je öfter wir den Loop wiederholen, desto mehr fallen uns Risse in Rio de Janeiro, aber auch in Posthumous Investigation auf. Manche Dialoge ziehen sich auch am fünfzigsten Tag ins Endlose, wieder andere ermöglichen uns im Handumdrehen eine Abkürzung. Immer wieder laufen wir zudem in eine Sackgasse hinein. Nicht in unseren Ermittlungen, sondern im Verlauf des Tages. Wenn abends noch mehrere Stunden übrig sind, aber wir nicht mehr die Möglichkeit besitzen, diese optimal zu nutzen, bleibt nur das Vorspulen. Die Verknüpfung dieser beiden Designentscheidungen kann frustrierende Ausmaße in unseren Ermittlungen annehmen. Aber okay, ich muss halt mit Brás Cubas als Unterstützung klarkommen und nicht mit dem Tod höchstselbst

Aber wir werden den Tag verfluchen, an dem wir die Medizin getrunken und den Auftrag von Brás angenommen haben. Denn wirklich ermitteln, das überlässt uns der reiche Unternehmer nur bedingt. Wir dürfen Informationen beschaffen, Verdächtige identifizieren und die Ereignisse des Mordtages rekonstruieren. Doch Schlüsse aus unseren Ermittlungen ziehen, die Hinweise verknüpfen und Theorien austesten, dies fällt in Posthumous Investigation flach. Zwischen den Zeitschleifen übernimmt Brás Cubas diese Rolle. Er trägt die gefundenen Enthüllungen zusammen und erstellt für jeden Charakter seine ganz eigene Hinweiswand. 

Screenshot aus The Posthumous Investigation

Deduktionen sind auf diese Weise für uns niemals möglich. So kann es vorkommen, dass wir zwar als Ermittler:innen außerhalb des Spiels Theorien, Vermutungen oder sogar Wissen besitzen, welches aber noch nicht nutzbar ist, weil Brás diese noch nicht kennt. So offenbart sich Posthumous Investigation eher als etwas anders strukturierte Form des Point’n’Click-Adventures. Wir brauchen x für y, damit z. Wenn wir uns an Tag 1 noch auf sowas wie The Seance of Blake Manor oder eines der zahlreichen Sherlock Holmes-Abenteuer von Frogwares gefreut haben, entdecken wir schnell, dass wir eine Detektivgeschichte miterleben, anstatt diese zu gestalten.

Kuckuck4

Und wenn wir uns nach zahlreichen Loops genau darauf eingelassen haben, dann kommt die Erkenntnis, die alle Detektive in jedem Krimi zum Beginn des dritten Aktes erwischt hat. Unsere Ermittlungen in Posthumous Investigations haben wenige Freiheiten und sehr wenige Elemente, in denen wir wirklich tüfteln müssen. Was war die Schatzsuche für eine wundervolle Ausnahme im sich wiederholenden Gemenge aus Befragungen, Schnüffeleien und Laufarbeiten.

Stattdessen ermitteln lassen wir die Geschichte sich ausbreiten. Erzählt mit bekannten Klischees des Genres – sei es die Femme fatale, der dümmliche Muskelprotz oder der schmierige Geschäftsmann -, welche aber vielschichtige Charaktere auf diesen einen Tag in Rio loslassen. Mit einem hübschen Artstyle, handgezeichnet und klar angelehnt an Noir-Stories. Sowie die ein oder andere amüsante Episode.

Und so passt unser allerletzter Akt in diesem Kriminalfall exakt auf das, was Posthumous Investigation sein will. Das Ende mag vor allem aus gamedesign-technischer Sicht in der Form zu erwarten gewesen sein. Doch unsere Ermittlungen haben auch gezeigt, dass die Wahrheit oftmals mehrere Facetten, mehrere Perspektiven besitzt. Wenn wir zum Schluss Brás Cubas zuletzt gegenübersitzen, sich unsere Wege trennen werden, verweilen wir im Limbo und fragen uns, was wäre wenn. Denn nur eines ist wirklich sicher: The Posthumous Investigation ist ein gutes Adventure für Freunde langsam erzählter Kriminalgeschichten. Behält aber unsere Zügel in der Hand, wenn wir wirklich mitdenken wollen.

Dem Kuckuck irgendwann auf dem Steam Deck an die Gurgel gegangen. Ein herzlicher Dank geht an die Mother Gaia Studios und CriticalLeap sowie Infini Fun für die Bereitstellung eines Mustercodes.