Bei Roguelites aus der Vogelperspektive, die von Mythologie inspiriert sind, habt ihr vielleicht euer eigenes Bild im Kopf. Realm of Ink von Leap Studio und Publisher 4Divinity entführt uns in ein von asiatischer Mythologie inspiriertes Reich. Wie endet das Abenteuer, wenn der letzte Pinselstrich getan und die Tinte trocken ist?
Der vorgegebenen Geschichte folgen?
Protagonistin von Realm of Ink ist Red. Zu Beginn bekämpft sie Fuchsdämonen und eine Stimme will sie leiten. Aber sie weigert sich. Deshalb wird sie in die „Wastelands“ geworfen. In diesem ersten Run kann man schon NPCs treffen. Nach dem ersten Ableben dort findet Red sich im Spirit Fox Inn wieder. Die Besitzerin Miss Ching habe ihr mit Fuchsblut-Tinte die Unsterblichkeit gegeben. „Es“, das die Quelle der Stimme sei, habe dort keinen Einfluss. Mit den neuen Kräften zieht Red also los, sich ihre Freiheit zu erkämpfen. So oft, wie nötig.

Und das sind mindestens ein paar Mal, denn ein erfolgreicher Sieg gegen den Übeltäter bringt sie nach einer kurzen Szene wieder zurück ins Gasthaus. Insgesamt sechsmal musste ich erfolgreich sein, um danach ein weiteres „Kapitel“ im Run zu erreichen. Der Gehalt der Szenen auf dem Weg dahin ist aber mager und rechtfertigt für mich nicht die Anzahl der nötigen Erfolge. Zwar haben auch Bosse verschiedene kurze Texte, aber diese geben ebenfalls nicht viel her sondern fühlen sich bald überflüssig an. Außerdem sind selbst die Biome, die man durchschreitet, nicht auswählbar und jedes der ersten vier „Kapitel“ eines Runs hat je nur zwei verschiedene, die auftreten können.
Auch Red hat im Run kurze Sprachfetzen, die sich zu oft wiederholen. Auch Probleme mit dem Gedächtnis scheint sie zu haben, so oft wie sie sich über Affen in Rüstung gewundert hat. Oder sie sagt immer wieder nach dem Kampf zu ihren besiegten Gegnern, ihre Schädel seien toll zum Schärfen ihres Schwerts.

Leicht, schwer, Dash und mehr
Das grundlegende Kampfsystem in Realm of Ink ist recht simpel und somit zugänglich. Red kann leichte und schwere Angriffe ausführen. Der schwere Angriff lässt sich aufladen. Hauptsächlich für das Ausweichen ist der Dash-Move gedacht, mit dem sie sich schnell etwas nach vorne bewegt. Allerdings braucht sie dafür eine Dashladung. Standardmäßig kann sie zwei haben, die Wiederherstellung pro Ladung dauert eine Sekunde. Man kann also nicht wild über das Kampffeld dashen, aber im Normalfall ist das völlig ausreichend. Das Kampfsystem geht gut von der Hand und hat eine solide Geschwindigkeit.
Viele gegnerische Angriffe warnen durch rote Zielmarkierungen vor, die keine schnelle Reaktion benötigen. Vereinzelt greifen Gegner aber auch ohne extra Vorwarnung an, teils als eine Art Kombo. Bei manchen Bossen lernt man diese Angriffe aber leicht kennen und sollte nicht zu viele Probleme haben.

Als zusätzliche Elemente gibt es dann noch bis zu zwei Relikt-Skills mit Cooldown und den Ultimativen Skill des tierischen Begleiters Momo, der einen längeren Cooldown hat.
Man muss in Räumen jeweils alle Gegner besiegen, um den nächsten betreten zu können. Heilmöglichkeiten sind übrigens begrenzt. Zufällige Drops heilen sehr wenig. Vor Zwischenbossen und Bossen gibt es eine Ruhezone, die unter anderem Essen zur Heilung und für Buffs bietet.
Relikte, Curios, Elixire und die Qual der Wahl?
Als Roguelite möchte Realm of Ink eure Runs natürlich mit zufallsabhängigen Zutaten für die Charakterentwicklung würzen. Diese treten in verschiedenen Kategorien auf
Bis zu zwei Relikte kann Red tragen. Diese bringen diverse Boni, die durch Upgrades noch verbessert werden können. Auch die Relikt-Skills hängen ihrem Namen entsprechend von den ausgerüsteten Relikten ab. Kurze Angriffe, Statuseffekte, schädigende Felder für eine gewisse Zeit und mehr stehen zur Auswahl.

Es gibt eine Menge Relikte, deren Boni und Skills man sich vermutlich nicht alle merken wird. Und da manche Boni auch erst bei höherer Upgradestufe überhaupt erscheinen, kann man sie recht leicht übersehen. Zwar kommen später im Run auch Relikte höherer Stufe, aber wenn man schon zwei ausgewählt hat und diese in Ordnung findet, möchte man dann noch die Details anderer Relikte lesen, statt sie in eine nützliche Währung zu zersetzen? Relikte haben auch jeweils ein Element, und die Kombination der beiden Elemente bestimmt dann die Form und Fähigkeiten des tierischen Begleiters.
Curios sind Items mit einer großen Vielfalt von Effekten. So kann man zum Beispiel situationsabhängig ein Schutzschild erhalten, oder zusätzliche Angriffe beim Ausweichen ausführen. Diverse Curios unterstützen sich auch gut, wenn zum Beispiel die erhaltene Schildmenge erhöht wird und man mehrere verschiedene Wege hat, Schild zu erhalten. Manche Curios sind besonders mächtig, eines zum Beispiel schadet allen Gegnern im Kampf gegen Elitegegner oder Bosse sehr stark, wenn man zum ersten Mal im Raum einen Reliktskill ausführt.

Elixire dagegen sind hauptsächlich für Statusboni wie erhöhte Chance kritischer Treffer oder Schadensboni verschiedener Angriffskategorien zuständig. Auch mehr Lebenspunkte oder eine Schadensreduzierung kann man oft erhalten.
Beim Raumwechsel hat man teils die Auswahl, welche Art von Belohnung man bevorzugt. Relikte, Geld, Curios und Elixire können zur Auswahl stehen. Daneben gibt es teils auch schwerere Räume mit größerer Belohnung. Außerdem hat man im Fall von erhaltenen Curios oder Elixieren je die Wahl aus drei Stück, und eine vorgegebene Zahl von Rerolls, falls man auf etwas besseres hofft.
Das Geld kann man auch in einem Laden für Curios nutzen, der alle paar Räume in einer Ruhezone zu finden ist. Die Rerolls dort kosten ebenfalls Geld und werden immer teurer.

Begegnungen
Manchmal taucht nach Abschluss eines Kampfes auch ein zufälliger NPC auf. Neben Währung ist teils auch Lebensenergie gefragt, für bestimmte starke Items sogar gleich eine Verringerung des Maximums. In der Regel hatte ich allerdings keine Schwierigkeiten, mich zu entscheiden.
Am wenigsten mochte ich den NPC für verfluchte Curios und habe mich oft nicht auf einen Handel eingelassen. Denn dieser kostet zwar nicht direkt etwas, aber bei der Auswahl dreier verfluchter Curios muss man eines auswählen und hat keine Rerolls. Verfluchte Curios haben neben Boni auch teils starke Mali. Mehr Geld zu bekommen zum Beispiel mag nett sein, aber wenn man dann abhängig von der Geldmenge deutlich langsamer wird, geht der Spaß schnell flöten. Mit gar nicht so viel Geld 90% langsamer laufen? Wer möchte das?
Lustigerweise gibt es ein verfluchtes Curio, das den Schaden für alle mit 1,5 multipliziert, was schon bei einem halbwegs soliden Build aber ein überraschend akzeptabler Preis ist.

Was von Runs bleibt
Da es sich bei Realm of Ink um ein Roguelite handelt, geht das meiste verloren, das man in Runs sammelt. Lediglich drei bestimmte Währungen bleiben erhalten. Mit Fuchsbluttinte kann man an einer Stele diverse bleibende Boni freischalten. In den erzwungenen Runs und mit 2-3 Fehlschlägen konnte ich dort das meiste freischalten. Allerdings hatte ich bis dahin auch nicht die zwischenzeitlich andere verfügbare Verwendung genutzt, am Anfang eines Runs ein Relikt und ein Curio zu kaufen.
Eine neue Haut kann man mit Jade Ink kaufen, die man nach Bossen erhält. Diese Skins beeinflussen aber in der Regel nicht nur das Aussehen, sondern auch den Kampfstil. Manche sind zum Beispiel stärker auf Fernkampf fokussiert. Für noch mehr Spezialisierung kann man in Runs mit etwas Glück seine zwei Relikte gegen ein dann für den Run fixes „Primal Ink“- Relikt eintauschen. Diese haben sehr starke Effekte.
Die Jade Inks kann man später auch für eigene bleibende Boni eintauschen, was teils sehr teuer ist. Irrerweise musste ich nach dem Grinden von 100 Stück dann feststellen, dass man in einem Run dann nochmal 30 Stück ausgeben muss, um nach einem Boss…in das nicht vom Spiel gewählte Biom gehen zu können. Toll.

Zuletzt kann man mit Dumplings den tierischen Begleiter stärken. Dadurch fügt er mehr Schaden zu und auch seine Cooldowns können kürzer werden.
Fazit
Realm of Ink nutzt bekannte Zutaten für ein zugängliches Roguelite-Erlebnis. Ich mochte den Stil und die Mythologie dahinter, die Musik gefiel mir ebenfalls. Gleichwohl konnte mich nicht jeder Pinselstrich des Gamedesigns überzeugen.
Auf dem Steam Deck kam es vor, dass sich Elemente des User Interface überlappten oder Erläuterungstexte über ihre Textbox hinausgingen. Und die Schwarzblende war in 16:9, obwohl das Spiel den 16:10-Bildschirm ausfüllt. Vereinzelt passt auch die Übersetzung an verschiedenen Stellen nicht ganz zusammen. Außerdem schaltet man Features frei, die teils nicht gut genug erklärt werden und man leicht übersehen kann. Einen Endlosmodus gegen Gegnermassen zum Beispiel.

Das Kampfsystem an sich ist durchaus spaßig für eine Zeit. Aber die heftige Ansammelei vieler verschiedener Boni und Zusatzeffekte in einem Run lassen die Übersicht leiden, sowohl im Menü als auch in den Kämpfen. Gleichwohl ist es in den Runs recht wahrscheinlich, dass man sich sehr starke Builds zusammenstellen kann. Selbst auf höchster Schwierigkeitsstufe ist es oft genug passiert, dass HP-Leisten der Bosse innerhalb weniger Sekunden dahinschmolzen.
Somit habe ich die jeweils höheren Schwierigkeitsgrade auch durchgespielt, als ich wiederholt Runs durchspielen musste, um das wahre Ende zu erreichen. Dort ging es immer wieder durch die gleichen Gebiete und gegen die gleichen Bosse. Je Kapitel gibt es nur zwei verschiedene, die zufällig ausgewählt werden. Immerhin die freischaltbaren Skins mit eigenen Kampfstilen bringen etwas Abwechslung.
Nach rund 12-15 Stunden hatte ich den wahren Boss besiegt. Wer dann noch alles freischalten möchte, wird noch einige weitere Runs brauchen. Etwas habe ich dafür auch noch den ein oder anderen Run gespielt, aber für alles mangelt es mir dann doch an Abwechslung.
Insgesamt ist Realm of Ink zwar unterhaltsam, wenn auch nicht völlig überzeugend. Wem es nach mehr isometrischen Roguelites dürstet, kann es aber ruhig in Betracht ziehen.

Vielen Dank an 4Divinity für die Bereitstellung des Testmusters. Getestet auf PC (Steam Deck).