Wir leben in einem Zeitalter, in dem immer mehr Entwicklerstudios geschlossen werden oder zumindest ein großer Teil der Belegschaft gefeuert wird, selbst dann, wenn sie gerade einen großen Erfolg veröffentlicht haben. Es scheint, als wären dies häufig Entscheidungen von irgendwelchen Anzugträgern, die vielleicht die Zahlen lesen können, aber weder ernsthaft Ahnung von Spieleentwicklung und erst recht nicht von Spielekultur haben.
Dennoch ist es wahr, dass der Markt umkämpft ist wie lang nicht. Als jemand, der vielleicht ein toller BWLer ist, aber eben diese Spielkultur nicht kennt, ist es sicherlich eine sehr logische Entscheidung, dass neue Spiele einfach versuchen das, was gerade angesagt ist möglichst zu kopieren. Zusätzlich versucht man es durch jede Menge Marktforschung dann noch möglichst jedem recht zu machen. Denn wenn das Spiel absolut nichts hat, was irgendjemanden stört, dann muss es doch einfach ein fantastischer Hit werden, oder?
Probleme bei Single- und Multiplayerspielen
Die Ergebnisse sind dann glattgebügelte Spiele, mit denen gar nicht unbedingt etwas nicht stimmt – sie bieten aber auch einfach keinen einzigen Grund sie zu spielen. Damit sich dann auch keiner beschweren kann, dass die Spiele immer teurer werden versucht man natürlich auch noch sie möglichst lang zu machen, ganz egal, ob die Mechaniken so lang Spaß machen oder der Content dann reines Füllwerk ohne spielerischen Nutzen ist. Doch dieses Thema bietet Stoff für einen eigenen Artikel. Und das sind nur die Probleme, die aktuelle Singleplayerspiele haben.
Der Multiplayermarkt wirkt für mich, als Außenstehender, der sie nicht spielt, wie ein reines Glücksspiel. Titel, die für meinen subjektiven Blick toll aussehen, wie Marathon, werden zu Flops und das schon lang bevor sie überhaupt erschienen sind. Das Internet beschließt einfach per Würfel, welches Spiel jetzt totgeredet wird und welches auf einmal durch irgendwelche Streamer extrem berühmt und zum super Hit wird. Gerade Sony beißt sich daran ja schon länger die Zähne aus und vernachlässigt das, was so lang für sie geklappt hat, nämlich tolle Singleplayererfahrungen.

So oder so – Fakt ist, dass der Markt gerade in einer schwierigen, hart umkämpften Situation ist und alle versuchen irgendwie Risiken zu vermeiden. Ist es da nicht fantastisch, dass Nintendo einfach darauf scheißt und ihr Ding durchzieht? Sie haben so viele Marken, die sie einfach nach Schema F runterrattern könnten und die Menschen wären SEHR lang glücklich, bis sie ernsthaft anfangen sich zu beschweren (Hallo Pokémon!). Und dennoch sind sie gerade in einer Phase, in der sie absolut überall experimentieren und Erwartungen komplett ignorieren. Das funktioniert nicht immer und ein paar Mal hat mir das Ergebnis nicht sonderlich gefallen. Aber gerade das ist ja das tolle. Ich bin Hardcore Nintendo Fan erster Stunde mit insgesamt fünf Nintendo Tattoos und sie trauen sich, mich zu enttäuschen. Und das nicht, weil die Spiele schlecht sind, das können andere auch. Sondern einfach, weil sie nicht sind was ich wollte.
Ein paar Beispiele:
Donkey Kong Bonanza
Ein 3D Donkey Kong ist etwas, das Fans sich schon sehr lang wieder wünschen. Klar, es gibt Donkey Kong 64, das hat aber massive Probleme durch die wirklich wilde Entscheidung, dass man jedes Level mit vier verschiedenen Affen abrennen muss und ist außerdem ja auch schon fast 27 Jahre alt. Jetzt wäre es ja naheliegend, einfach nochmal ein Collectathon zu veröffentlichen, entweder mit nur einem Affen oder mit der Möglichkeit, diese weniger nervig wechseln zu können. Das wäre sogar genau das, was ich mir gewünscht hätte! Doch was macht Nintendo stattdessen? Ein Spiel mit dem Fokus darauf, einfach alles kaputt zu schlagen und dabei Massen an goldenen Bananen zu sammeln. Das ist total bescheuert! Ich mag es auch nicht sonderlich, da viele Bananen repetitiv sind und die interessanten spielerischen Aufgaben Mangelware. Ich hatte zwar schon Spaß, hab aber nach dem Abspann direkt aufgehört, und Nintendo Spiele fangen heutzutage ja normalerweise da erst an. Trotzdem habe ich großen Respekt vor der Entscheidung, eine so große Marke so unerwartet umzusetzen.

Pokopia
Bis ich ein richtiges Pokémonspiel für seine Kreativität lobe wird wohl noch viel Zeit vergehen müssen. Aber dieses spin-off verdient trotzdem eine kurze Erwähnung. Das Spiel hat mich gerade am Anfang so süchtig gemacht, wie seit dem ersten Pokémon auf dem Gameboy nicht mehr. Langfristig war das zwar auch wieder nichts für mich, weil ich mir nichts daraus mache etwas schön aufzubauen und einfach nur funktional alles irgendwo hinklatsche, aber auch dieses Spiel war nicht das was man erwartet hat und kreativ!

Yoshi und das geheimnisvolle Buch
Yoshi musste in seinem Leben ja schon für so einige Experimente herhalten. Er wechselt nicht nur ständig seinen Artstyle und sogar sein Material (ich liebe Wollyoshis!), er muss auch Experimente mit der Gravitation erdulden oder sich auf dem DS antatschen lassen. Hier überrascht es also am wenigsten, dass Nintendo wieder experimentiert, aber das Ergebnis ist das wohl kreativste Spiel dieser Liste. Als ich den ersten Trailer gesehen habe und danach noch gehört hab, dass man nicht sterben kann dachte ich, dass es mal wieder ein super anspruchsloser Plattformer wird und wollte es mir erst gar nicht kaufen. Ich musste erst verstehen, dass es eher darum geht die kleinen Level zu erkunden und die Spielwelt, fast wie in einem Rätsel, für mich zu nutzen, um die vielen kleinen Aufgaben zu erfüllen. Was hier an Kreativität und Niedlichkeit drinsteckt ist beispiellos. In diesem Spiel 100% zu holen grenzt in meinen Augen an Masochismus, auf jeden Fall empfehle ich aber das Spiel zu spielen und zwar alle Welten, auch die, die erst nach dem Abspann verfügbar ist. Die wohl magischste Spielerfahrung des Jahres!

Splatoon Raiders
Der neuste Streich! Als nicht Multiplayerspieler mochte ich die Splatoon Reihe zwar, war aber nie ein großer Fan. Ich habe den Multiplayer im ersten Teil zwar 1-2 Wochen ausprobiert, hat Spaß gemacht, aber das bin ich einfach nicht. Es gab zwar immer Singleplayerkampagnen, die sind aber ja eher kurz und haben mich nicht mehr motiviert den dritten Teil überhaupt zu spielen. Als es dann hieß, dass ein Splatoon mit Singleplayerfokus erscheint freute ich mich sehr und habe einen umfangreichen Plattformer mit Shootereinlagen erwartet. Aber da habe ich Nintendos derzeitige Kreativität schon wieder unterschätzt! Denn sie haben die Erwartungen wieder ignoriert und einfach ihre Interpretation eines Monster Hunter / Lootershooters rausgebracht. Das klingt schon wieder bescheuert, aber es funktioniert unglaublich gut. Ich will gar nicht zu viel vorwegnehmen, da mein Kollege derzeit noch einen Test schreibt, aber mich hat das Spiel komplett gepackt und ich habe es trotz des beachtlichen Umfangs in wenigen Tagen durchgespielt. Zumindest die Story. In diesem Genre ist es ja absolut üblich, dass der wahre Spaß erst danach beginnt. Das muss ich noch sehen.

Macht weiter so, Nintendo!
Keines dieser Spiele ist mein neues Lieblings-Nintendospiel oder auch nur ein Kandidat für mein Spiel des Jahres. Ich hätte viel lieber ein ganz normales 3D Mario gehabt oder zumindest ein Colllectathon Donkey Kong. Und trotzdem bin ich derzeit so begeistert von Nintendo, wie schon viele Jahre nicht mehr. Einfach weil sie sich etwas trauen und gerade in diesen schweren Zeiten Videospiele rausbringen, die mir das Gefühl geben, dass ich das so das erste Mal spiele und das ist ein Zauber, den ich eigentlich schon für verloren gehalten habe. Macht also bitte weiter so, ich bin gespannt, womit ihr mich als nächstes überrascht!

