Golden Sun Die vergessene Epoche (Review)

Auch wenn Camelot bereits seit geraumer Zeit nur noch über Mario Sportspiele in Erscheinung getreten ist, hat das japanische Studio eine Menge Erfahrung im Rollenspielgenre aufzuweisen. In Zusammenarbeit mit Nintendo haben sie auf Game Boy Advance und Nintendo DS die dreiteilige Rollenspielreihe Golden Sun zu verantworten. Hinsichtlich der Game Boy Advance-Teile hat sich eine besondere Situation au Grund der Platzbeschränkung der Game Boy Advance Module ergeben – Auf Grund von Platzmangel musste das als Gesamtwerk geplante Spiel in zwei Teile – Golden Sun und Golden Sun: Die vergessene Epoche – geteilt. Mit einer moderaten Verspätung von etwas über 20 Jahren habe ich dieser Tage den zweiten Teil abgeschlossen.

Wenn man Die vergessene Epoche startet, hat man zunächst die Option, mit einem recht umfangreichen Passwortsystem seinen Spielfortschritt aus dem ersten Teil in den zweiten zu übertragen. Das Passwort codiert nicht nur die Statuswerte und Ausrüstungsgegenstände des Teams am Ende des ersten Golden Sun-Teils, sondern enthält ebenfalls Informationen über abgeschlossene Sidequests und gesammelte Dschinn, die Einfluss auf das Spielgeschehen in Die vergessene Epoche haben. Allerdings setzt man das Spiel nicht einfach mit dem bekannten Team fort, im Gegenteil trifft man das Team des Erstlings erst sehr spät im zweiten Teil. Stattdessen übernimmt man die Kontrolle über ein anderes Team, geführt von Felix, der auf der Suche nach seinen Eltern ist und – ganz im Gegensatz zu den Helden des ersten Teils – die Psynergie wieder in der ganzen Welt verteilen möchte.

Die Geschichte im Spiel wird in – leider viel zu ausgewalzten – Dialogen im vorangetrieben und hat einen beträchtlichen Umfang, wenngleich die inhaltliche Substanz eher überschaubar ist. Nichtsdestotrotz wird man die Texte in Die vergessene Epoche äußerst aufmerksam lesen müssen, denn ab etwa einem Drittel des Spiels öffnet sich die Spielwelt von Die vergessene Epoche nahezu vollständig und gleichzeitig wird die Führung durch das Spiel drastisch reduziert – bis dahin, dass man nur noch vereinzelt in optionalen Gesprächen mit anderen Spielfiguren überhaupt einen Hinweis bekommt, wo man als nächstes hingehen soll. Im weiteren Verlauf des Spiels wiederholt auf einen Guide zurückgreifen müssen, nachdem ich über längere Zeit ahnungslos durch die Spielwelt geirrt bin. Dass man sich obendrein sehr langsam durch die Spielwelt bewegt und die Oberwelt an vielen Stellen äußerst verwinkelt ist, trägt zusätzlich dazu bei, dass die Erkundung in Die vergessene Epoche eine echte Geduldsprobe wird.

Die große Stärke von Golden Sun: Die vergessene Epoche ist hingegen das Dungeon-Design und damit bringt man auch einen beträchtlichen Teil der Spielzeit zu, denn Die vergessene Epoche bietet eine durchaus formidable Zahl an Dungeons – sowohl optionale als auch obligatorische. Die Dungeons haben oftmals ein komplexes Layout über mehrere Ebenen und bieten eine hohe Zahl an Rätseln, die auf der Psynergie, dem Magiesystem in Golden Sun, basieren. Diese erlaubt es den Spielfiguren beispielsweise Regen, Wirbelsturm und Pflanzenwachstum auszulösen oder Blöcke zu verschieben oder anzuheben.

Diese Fähigkeiten kommen auf verschiedene Weisen zustande. In manchen Dungeons findet man Gegenstände, die neue Psynergie-Fähigkeiten vermitteln. Damit erinnern diese Dungeons oftmals strukturell auch ein wenig an die zweiphasigen Dungeons der Zelda-Serie. Andere Psynergie-Fähigkeiten bringen neue Spielfiguren von Haus aus mit, lernen sie bei Levelaufstieg oder aber bei bestimmten Dschinn-Kombinationen. Dschinn wiederum sind Hilfsmonster, die man ausrüsten kann und die die Klasse der Spielfigur sowie Charakterwerte und Fähigkeiten modifizieren.

So interessant die Variabilität der Charakterklassen und damit einhergehender Psynergie-Fähigkeiten im Kampf ist, so sehr halte ich dieses Design aber auch für zweifelhaft, wenn es um Psynergie-Fähigkeiten für die Anwendung in Dungeons geht. Dass man mit bestimmten Dschinnkombinationen neue wichtige Psynergie-Fähigkeiten lernt oder vergisst, ist eine ziemliche Hürde, die gerade später im Spiel immer mal wieder zu wildem Herumprobieren führen kann, bis man die Fähigkeit (wieder) zur Verfügung hat, die man an der jeweiligen Stelle benötigt. In Anbetracht der großen Zahl an Kombinationsmöglichkeiten aus Dschinn und Spielfiguren ist die Suche nach der korrekten Kombination für die jeweilige Aufgabe kein Spaß.

Allerdings muss man die Flexibilität und den Möglichkeitenraum der Dschinn für den Kampf durchaus loben. Golden Sun: Das vergessene Zeitalter ist im Hinblick auf den Kampf eigentlich sehr konservativ. Das Spiel setzt auf einen strikt rundenbasierten Kampf und bietet dabei die üblichen Optionen aus physischen Angriffen, magischen (Psynergie) Angriffen und der Möglichkeit, Items zu verwenden. Hinzu kommt aber die Interaktion mit den Dschinn. Man kann ausgerüstete Dschinn im Kampf einsetzen, um mächtige Effekte auszulösen, büßt dabei aber nennenswert Charakterwerte ein, solange die Dschinn nicht mehr mit der Spielfigur verbunden sind.

Umgekehrt kann man lose Dschinn beschwören, was seinerseits nicht nur die Charakterwerte wieder anhebt, sondern Gegnern auch teils empfindlichen Schaden zufügen kann. Dass je nach Dschinn-Konfiguration die verfübare Psynergie massiv variiert, führt im Kampf zu zusätzlichen zu bedenkenden strategischen Optionen. Insofern kann man im Kampfsystem durch gute Kenntnis des Dschinn-Systems und durchdachte Vorbereitung eine Menge herausholen. Einige echt anspruchsvolle Endgegner setzen das auch geradezu voraus, wenn man nicht grinden (oder ewig lange in der Oberwelt herumirren) möchte.

Golden Sun: Das vergessene Zeitalter ist ein zweischneidiges Schwert. Das Dungeon-Design und das Dschinn-System für den Kampf wissen zu überzeugen und auch die Präsentation ist sehr gelungen. Andererseits ist die Spielführung äußerst schwach und an vielen Stellen im Spiel kann die Verfügbarkeit von Psynergie-Fähigkeiten für die Oberwelt zu einer Geduldsprobe werden. Im Endeffekt gibt die etwas zu geringe Tiefe der Rätsel in den Dungeons den Ausschlag für die schlechtere Note, aber Die vergessene Epoche ist auf jeden Fall ein Grenzgänger zwischen grün und gelb, der auch eine Menge toller Spielmomente zu bieten hat.

Getestet auf Game Boy Advance.