Vexx (Review)

Als Super Mario 64 1996 (bzw 1997 in Europa) zusammen mit dem Nintendo 64 erschienen ist, hat Marios Schritt in die dritte Dimension einem Großteil der Branche in verschiedentlichem Maße als Inspiration gedient. Sei es die flüssige Steuerung, die interaktive Kamera oder auch das Collectathon-Konzept, die Einflüsse des Klassikers auf 3D-Spiele lassen sich bis heute in den meisten Spielen wiederfinden. Etwas erstaunlich mag da sein, dass kaum ein Spiel sich daran gewagt hat, Super Mario 64 wirklich zu einer Vorlage im engsten Sinne zu machen – selbst die nächsten Verwandten wie Banjo-Kazooie gehen in der Regel doch recht eigene Wege. Die Ausnahme hiervon ist ein einigermaßen unbekannter Titel von der einstigen Traditionsschmiede Acclaim mit dem Namen Vexx – beworben seinerzeit als Super Mario für Erwachsene.

Was dieses „für Erwachsene“ bedeuten soll, das sieht man nach Spielstart schnell in der Präsentation des Spiels, denn Vexx ist nicht nur ziemlich düster und hat einen Helden, der alles andere als sympathisch wirkt, sondern wirkt stellenweise geradewegs gezielt rau. Insbesondere bei der Wahl der Hauptsammelgegenstände sind die Entwickler aus dem Hause Iguana – bekannt für Turok und Extreme G – in meinen Augen etwas über das Ziel hinausgeschossen. Wenn man liest, dass die Hauptsammelgegenstände in Vexx Herzen sind, mag meine Reaktion erst einmal befremdlich wirken, die genauere Beschreibung wäre allerdings: anatomisch korrekte Herzen. Es werden also nicht etwa die niedlichen Liebessymbole als Belohnungen ausgegeben, sondern schlagende Herzen. Auf das Gameplay hat das zwar keinen weiteren Einfluss, aber es ist etwas zweifelhaft, dass diese dieser Ton dem Spiel ernstlich gutgetan hat.

Doch spielt man – oder jedenfalls ich – ein 3D Jump & Run ja im Regelfall nicht der niedlichen Optik oder der ästhetisch ansprechenden Sammelgegenstände wegen, sondern für das Gameplay und obwohl Vexx gelegentlich durchscheinen lässt, dass die Entwickler nicht ganz das Fingerspitzengefühl des Mario-Teams hat, weiß das Spiel in dieser Hinsicht nicht nur zu überzeugen, sondern sogar immer wieder auch ein wenig zu überraschen, denn Vexx ist mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail designt worden.

Die Spielstruktur ist nahezu identisch zu der von Super Mario 64, allerdings ist die Oberwelt selbst nicht viel mehr als ein Raum mit verschiedenen Portalen, die zu den jeweiligen Levels des Spiels führen. Einerseits hat das den Vorteil, dass man innerhalb kürzester Zeit von Aufgabe zu Aufgabe kommt, andererseits gibt das dem Spiel einen etwas knapperen Rahmen und ein geringer ausgeprägtes Gefühl einer zusammenhängenden Welt. In der Gesamtschau ist diese Entscheidung unter Berücksichtigung dessen, dass das Spiel ca. sieben Jahre nach Super Mario 64 erschienen ist und die Erkundung einer frei begehbaren Oberwelt zu diesem Zeitpunkt keine Besonderheit mehr war, in meinen Augen die richtige.

Wenn man das Portal zu einer Welt betritt, wird man vor die Wahl zwischen verschiedenen Aufgaben gestellt, die man erledigen kann und die jeweils mit einem Herz belohnt werden. Jede Aufgabe wird meinem knappen Beschreibungstext erläutert, allerdings ist man an die gewählte Aufgabe nicht zwingend gebunden. Wenn man eine andere Aufgabe im Level erledigt, wird man ebenso mit einem Herz belohnt und wird nach dem Sammeln des Herzens aus der Welt wieder herausgeworfen. Entsprechend muss das Leveldesign auch nicht darauf achten, dass man einen guten Rundgang im Level finden kann, um alle Aufgaben zu erledigen, sondern kann ohne weiteres komplett in verschiedene Richtungen ausschlagen. Davon wird stellenweise Gebrauch gemacht, gleichzeitig haben die Entwickler aber darauf geachtet, dass Vexx nicht einfach wie ein Knoten aus mehreren linearen Pfaden wirkt, sondern dass die verschiedenen Aufgaben durchdacht und einigermaßen natürlich zu einer kohärenten Spielwelt zusammengefasst werden.

Auffällig ist, dass der Schwierigkeitsgrad von Vexx sehr klar darauf ausgelegt ist, dass der Spieler Super Mario 64 kennt und durchgespielt hat. Schon in der ersten Welt gibt es eine Reihe von Aufgaben, die das spielerische Geschick auf die Probe stellen, im weiteren Verlauf des Spiels gibt es aber immer mehr Aufgaben, die ziemlich präzises Platforming und ein gutes Gespür für Timing voraussetzen. Dabei bleibt Vexx aber immer fair und kommuniziert die Anforderungen an den Spieler transparent. Anfangs könnte man dem Verdacht erliegen, dass Vexx einen deutlich erhöhten Action-Anteil hat, denn einerseits gibt es recht viele Situationen in dem ersten Level, in denen man sich mit Gegnern auseinandersetzen muss, andererseits sind die Kämpfe durch Vexx‘ starke Fäuste recht wuchtig. Zum Glück – denn das Kampfsystem ist zwar solide, aber mitnichten die Stärke des Spiels – nimmt der Action-Anteil im weiteren Spielverlauf ab und spielt später keine entscheidende Rolle mehr.

In der Konsequenz ist allerdings die erste Welt ungewöhnlicherweise eine der schwächsten Welten in Vexx und kann das Potenzial des Spiels nicht so recht verdeutlichen. Im weiteren Spielverlauf zeigen die Entwickler aber, dass sie richtig gute Ideen für 3D Jump & Run-Level entwickelt haben und diese auch mit viel Feingefühl umsetzen konnten. Das athletische Potenzial Vexx‘ ist zwar nicht ganz so ausgearbeitet wie das Marios, ist aber doch deutlich überdurchschnittlich und trägt dazu bei, dass die Sprungsequenzen abwechslungsreich und intensiv bleiben.

Vexx ist ein Spiel, das völlig zu Unrecht kaum Aufmerksamkeit generiert hat. Das durchdachte Leveldesign und die runde Spielmechanik heben Vexx deutlich aus der Masse an 3D Jump & Runs hinter den ganz großen Namen hervor und machen es zu einem der besten Spiele dieses Genres seiner Konsolengeneration. Man könnte neben der etwas schwachen Präsentation kritisieren, dass Vexx sich vielleicht etwas zu eng an Super Mario 64 orientiert, da aber abseits des viel später erschienenen Pois kaum ein anderes Spiel dieses Konzept aufgegriffen hat, wirkt es bei Vexx immernoch frisch genug, dass es das Spiel problemlos tragen kann.

Getestet auf GameCube.