Crushed in Time (Review)

Crushed in Time Artwork

Es sollte eigentlich ein Tag zum Feiern sein. Denn es ist der Erscheinungstag von einem neuen Krimi mit Sherlock Holmes und Dr. Watson in der Hauptrolle! Aber irgendwie… Moment. Da läuft doch etwas schief? Wieso ist da plötzlich ein NPC verschwunden, was soll das? Und was ist das eigentlich für ein komischer Brief, der in der Baker Street angekommen ist, der war eigentlich auch nicht so geplant. Ach herrje. Da müssen wir in Crushed in Time ja so einiges wieder gerade biegen. Oder schnipsen. Ziehen?

Dehnbare Regeln

Die gesamte Welt ist… aus Gummi. Oder zumindest fühlt es sich für uns so an. Wir steigen mehr als eine Art Beobachter ein und können keinen der Charaktere selbst durch die Gegend kommandieren. Stattdessen schnappen wir uns einfach die Maus und manipulieren die Welt drumherum. So können Objekte durch die Gegend geschubst und Türen aufgezogen werden. Alles wird elastisch. Da wird so manche Interaktion deutlich schwieriger als zunächst angenommen. Wir können nicht einfach so einen Schlüssel nehmen und zum Schloss bringen. Nein, dieser muss Stück für Stück den Weg entlangflitschen und schließlich in einem gekonnten Bogen ins Schloss geschossen werden.

Ach, und Sherlock und der liebe Herr Doktor? Die bekommen das alles nicht so richtig mit. Sie merken zwar, dass Dinge um sie herum geschehen, aber wie und warum die Welt sich verändert ist für sie ein Rätsel. Und wenn wir die beiden mal eher an einer anderen Stelle gebrauchen können, dann gibt es einfach eine saftig-elastische Ohrfeige von uns, dann ändern sie auch ganz schnell ihren Standort. Tatsächlich beschuldigt da der Meisterdetektiv meistens seinen guten Freund. Der Arme!

An die Interaktionsmöglichkeiten muss man sich erst einmal gewöhnen

Das elastischste Abenteuer der Welt!

Und wirklich jegliche Interaktion bezieht sich auf Gummi-Schnippsen. Jede. Egal ob man klassische Point and Click Rätsel löst, oder einfach nur die Location wechselt – alles wird mittels Stretchen und Loslassen initiiert. Ja sogar im Hauptmenü des Spiels geht es schon so los!

Und so begleitet uns das Ziehen und Schnippsen über viele Kapitel hinweg, während wir zunächst versuchen Emma, die Absenderin des mysteriösen Briefs, ausfindig zu machen. Denn niemand scheint überhaupt von ihr gehört zu haben. Aber auch in dem Anwesen, auf das alle Hinweise deuten, ist von ihr keine Spur. Dafür begegnen wir aber Emmett Placeholder, der nicht minder mysteriös wirkt. Kaum haben wir allerdings den Namen „Emma“ erwähnt, schon schnappt er sich unser Sherlock-O-Motive und verschwindet augenblicklich damit. Wortwörtlich! Und es liegt an uns ihn zu verfolgen – auch wenn es uns direkt in die Vergangenheit befördert. In die Vergangenheit… des zu entwickelnden Videospiels. Dabei stolpern wir durch verschiedenste Prototyping-Phasen, State Machines und frühe Konzepte. Für die Charaktere natürlich von vorne bis hinten verwirrend – sind aber auch seltsame bekannt-unbekannte Orte, an denen sie da gestrandet sind.

Wer There Is No Game: Wrong Dimension gespielt hat, der kann auch schon erahnen was ihn hier erwartet. Denn auch in Crushed in Time wartet ein ähnlicher Humor, jede Menge Meta-Kommentare und es macht einfach Spaß Sherlock und Co. durch unfertige Bereiche stapfen zu lassen und sich darüber wundern, warum alles nicht so aussieht, wie es aussehen sollte. Dabei lebt der Humor nicht nur von Referenzen, sondern vor allem davon, wie ernst Sherlock und Watson selbst die absurdesten Situationen nehmen.

Um die Ecke gedacht

Und überall warten andere Herausforderungen auf uns. Recht früh müssen wir uns beispielsweise überhaupt erst den Brief wiederbeschaffen, der einfach so an der Decke klebt. Das komische Ding! Aber gleichzeitig will er nicht an der Tür des Speiseaufzugs kleben bleiben, damit er überhaupt in Reichweite der beiden Protagonisten kommt. Was also tun?

Am Ende müssen wir also erst einmal den Honig in den Speiseaufzug bugsieren, natürlich Sprung für Sprung. Diesen nach oben in Sherlocks Büro schicken und von dort in eine leere Schublade stecken. Alles nach oben an die Decke katapultieren und damit den Brief von oben bis unten einsauen. Und JETZT will er endlich an der Klappe kleben bleiben, hurra!

Screenshot zu Crushed In Time
Wo sind wir denn da schon wieder hineingeraten!?

So oder ähnlich laufen dabei viele Rätsel ab, aber eines haben sie alle gemein – es muss gezogen und gezerrt werden. Und oft genug spielt auch das Timing eine wichtige Rolle, gerade wenn wir die Charaktere dazu bringen wollen, etwas Bestimmtes zu tun. Meistens war mir auch schon recht klar was zu tun war, das ein oder andere Adventure habe ich schließlich auch schon auf meinem Durchgespielt-Stapel liegen. Oder irgendwie eher Dutzende. So oder so gibt es aber auch einen sehr sinnvollen Hilfe-Modus, der einem in mehreren Stufen mit Rat und Tat zur Seite steht. Naja, zumindest mit Rat.

Ich muss sagen, ich hab mir schon ein bisschen Sorgen gemacht. Dieses ganze Konzept mit dem super-elastischem Gameplay klingt ja auf dem Papier erst einmal ganz lustig – aber ob es auch wirklich über mehrere Stunden tragen könnte? Aber ja, das kann es! Eigentlich gab es nur eine einzige Stelle im Mittelteil, bei der ich mir eine klassische Steuerung gewünscht hätte, da wirkte die Schnippserei einfach super ungenau und gimmikhaft. Aber wir reden hier eigentlich nur über ein kleineres Minispiel, das war da nicht weiter wild.

Mehr gestört hat mich ein Abschnitt fast direkt am Ende des Spiels, der ein bisschen wie Spielzeitstreckung wirkt, da wir viel zu oft eine recht ähnliche Aufgabe ausführen müssen und es sich auch inhaltlich sehr an diesem einen Wahnwitz aufhängt. Gerade weil Crushed in Time ansonsten so viele tolle Ideen mitbringt, immer wieder etwas Neues probiert und dabei nie zu lange auf derselben Idee herumreitet, wirkt diese Stelle eher deplatziert und deutlich zu lang. Aber zum Glück ist es auch nur ein – wenn auch etwas längerer Abschnitt – und direkt danach kehrt die gewohnte Abwechslung auch schon wieder zurück.

Elementary!

Ja, schaut nur zu, wie sich der gute Doktor da abmüht…

Schon nach nur ein paar Minuten war mir klar: Crushed in Time ist wieder etwas ganz Besonderes. Denn das elastische Gameplay fügt sich wunderbar in ein klassisches Point and Click-Adventure ein und ermöglicht mit seinem stretchy-Twist ganz neue Interaktionsmöglichkeiten. Über die etwa 8 Stunden andauernde Spielzeit gibt es ständig neue Ideen und der altbekannte Humor und Meta-Anspielungen haben schon in There Is No Game: Wrong Dimension begeistert – und zünden auch hier wieder einwandfrei. Nur an einem Punkt hat es das Spiel für meinen Geschmack dann doch zu weit getrieben – spielerisch und inhaltlich. Adventure-Liebhaber und Freunde von einer gekonnt eingesetzten Meta-Ebene sollten Crushed in Time aber ganz klar im Auge behalten, eine Liebe zum Chaos natürlich vorausgesetzt!

Ausgedehnte Stunden auf einem Windows Laptop verbracht. Ein herzlicher Dank geht an Draw me a Pixel für die Bereitstellung des Testmusters.