Dungeons & Degenerate Gamblers (Review)

Artwork und Logo zu Dungeons & Degenerate Gamblers

Vor zwei Jahren nahm Balatro so viel Aufmerksamkeit in meinem Videospiel-Leben ein, dass ich es kurzerhand zu meinem Spiel des Jahres kürte. Noch vor dem DLC von Elden Ring, Astro Bot oder Animal Well. Und obwohl es auf Poker, einem der populärsten Glücksspiele, basierte, musste man mitnichten ein Gustav Gans sein, um erfolgreich im Deckbuilding-Roguelite zu sein. Schon damals machten mich Freunde auf Dungeons & Degenerate Gamblers aufmerksam. Ich sollte doch mal einen Blick darauf werfen, wenn mich Balatro so begeistern konnte, hieß es. Doch diese Messlatte war zwei Jahre später einfach zu hoch.

Siebzehn und vier

Gleichzeitig sei euch versichert, dass ich Dungeons & Degenerate Gamblers während meiner Zeit am Blackjack-Tisch nicht ständig mit meinem GOTY 2024 verglichen habe. Das wäre erstens nicht zielführend, da sich alleine aufgrund des spielerischen Fundaments (Blackjack) jeglicher Vergleich erspart. Und – viel wichtiger – zweitens nicht fair. Dafür ist das Spiel auch viel zu einzigartig.

Wer Blackjack nicht kennen sollte oder eine Auffrischung braucht, für den gibt es hier eine kurze Zusammenfassung. Bei diesem Kartenspiel werden aus einem Deck französischer Spielkarten nacheinander Karten vom Geber ausgegeben. Dieser erhält zunächst eine offene Karte, seine Kontrahenten bekommen der Reihe nach so viele Karten, wie die Spieler:innen theoretisch wollen. Ziel für diese ist es, mit den Kartenwerten so nah wie möglich an die 21 heran zu kommen, ohne sie zu überschreiten. Vor allem in Casinos erfreut sich Blackjack großer Beliebtheit.

In Dungeons & Degenerate Gamblers spielt ihr allerdings nicht gegen die Bank, sondern mit eurem eigenen Kartendeck gegen einzelne Kontrahenten. Welches Deck wir wählen bestimmt, welchen Bonus wir erhalten werden. Nehmen wir die Herzkarten, heilen uns volle Blackjacks im Verlauf des Spieles. Pik-Karten geben uns stattdessen Schild, Kreuze richten Schaden beim Gegner an.

Screenshot aus Dungeons & Degenerate Gamblers
Wollen wir wirklich das Risiko eingehen?

Haben wir uns ein Deck ausgewählt, geht es sofort in das erste Gefecht mit dem Barkeeper des Startbereichs. In dessen Bar warten Gegner darauf, vom Manager in die Hinterzimmer des Etablissements gelassen zu werden. Doch nur wer sich als guter Blackjack-Spieler entpuppt, erhält eine Audienz bei ihm.

Deckbuilding auf Speed…

Doch auch bei Dungeons & Degenerate Gamblers ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Nach dem ersten, sehr simplen Duell mit dem Barkeeper erhalten wir erste Kartenoption für das Deck. Mit gesonderten Boni beim Ausspielen, auf die Hand nehmen oder Verbrennen der Karten eröffnen sich uns eine Fülle an spielerischen Optionen.

So gibt es beispielsweise eine Karte, die sich beim Ausspielen mit einer Karte des Gegners tauscht. Eine, die unsere bisher ausgespielten Karten auf den Stapel des Gegners schiebt. Oder Werte manipuliert. Und welche, die neue Karten erschaffen. Und und und. Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt, sein Deck optimal mit einer kompetenten Strategie zu versehen. Da uns einzelne Events zusätzlich mit neuen Karten versorgen können, ergibt sich hier ein Pacing, welches gerade für Deckbuilder ungewöhnlich schnell ist. 

Wenn wir den Vergleich ausnahmsweise bemühen wollen: Balatro beispielsweise spielt sich in seiner ersten Ebene zumeist sehr gleich. Es gibt vorab nur wenig Variation (nur mit später freigeschalteten Decks), die Decks sind ungemein größer und Zukauf neuer Karten oder Joker noch rar gesät. Mindestens das erste Duell, eher die ersten drei inklusive des ersten Big Blind-Boss sind oftmals sehr gleich zueinander. Ein solches langsame Pacing erkannte auch Megacrit bei Slay the Spire und passte dies in seinem Nachfolger an. Dungeons & Degenerate Gamblers ist hier viel schneller zu Beginn.

…mit anschließender Vollbremsung

Doch aus dieser Geschwindigkeit macht Dungeons & Degenerate Gamblers in einem Durchgang zu wenig, weil das Deckbuilding sehr schnell vom Spielverlauf untergraben werden kann. Was bedeutet das?

Jedes Duell besteht aus unserem Deck auf der linken, dem Deck des Gegners auf der rechten Seite. Mich hat beeindruckt, wie unterschiedlich die einzelnen Strategien ausfallen können, denn im Grunde ließe sich bei passend laufender Zufälligkeit jedes im Spiel vorhandene Deck nachbauen. Gerade weil wir mit jedem Duell die Chips des Gegners einheimsen und so immer mehr Ressourcen zur Verfügung haben, um neue Karten oder Glücksbringer zu kaufen, unterstreicht dies die Varianz und das bereits gelobte Pacing.

Doch dieses Pacing wandelt sich innerhalb weniger Runden. Ein Deckbuilder zeichnet sich dadurch aus, dass wir unsere Karten derart manipulieren, dass wir unsere Strategien mit so wenig Zufall wie möglich durchbekommen. Dungeons & Degenerate Gamblers erfordert allerdings sehr viel Zeit und Aufwand dafür. Karten zu bekommen ist sehr einfach, sie zu löschen oder direkt zu manipulieren langsam. So haben wir – zumindest war dies meine Erfahrung bisher – in den ersten Gebieten, die alle eine ähnliche Struktur, aber unterschiedliche Gegner haben, oftmals den Zufall im Nacken sitzen, wenn es ins direkte Duell geht.

Screenshot aus Dungeons & Degenerate Gamblers
Easter Eggs und Andeutungen wie der Dunkle Magier gibt es zahlreiche

Kontrollverluste

Denn im Verlaufe eines Duells haben wir wenig Spielkontrolle. Abwechselnd sagen wir und der Gegner, dass wir eine neue Karte wollen. Und irgendwann sagen wir, dass es ausreicht. Vielleicht ist das Risiko zu hoch, die 21 zu übersteigen. Vielleicht haben wir bereits den Wert des Gegners überschritten. Handkarten kriegen wir nur, wenn wir entsprechende Karten in unser Deck aufnehmen. Und abseits davon, dass wir mit der Fähigkeit “Vorahnung” die ersten Karten des Nachzugstapels anschauen können, fehlte mir persönlich die Manipulation des Ziehens. Es macht ja Sinn, die Kontrolle über das Nachziehen nicht komplett aus der Hand zu geben. Aber dadurch katapultierte mich das Spiel immer wieder in einen Zustand der Hilflosigkeit.

Denn wenn aufgrund der sehr langsam rein tröpfelnden Möglichkeiten Karten aus dem Deck in irgendeiner Form wegzubekommen, bleiben viele Karten übrig, die uns keineswegs aushelfen. Das hat zur Folge, dass sich diese Karten in Fallen entwickeln. Je nachdem, welche Strategie wir verfolgen, kann eine 2 bis 6, aber auch eine Dame zum Problem werden. Soll ich dann wirklich mit 12 Punkten schon aufgeben, wenn mein Deck mit 10-er Werten geflutet ist?

Jeder Punkt Unterschied zwischen mir und meinem Gegner bedeutet Schaden. Wenn ich die 21 übersteige, wird mein Wert zur Abwehr auf 0 gesetzt. So passiert es sehr oft, dass ich keine Chance habe, dem Gegner Schaden zuzufügen, weil mir der Zufall ein Schnippchen schlägt. Oder ich bekomme aufgrund der krummen Kartensummen extrem viel Schaden. Eine zu defensive Spielweise – also Aufhören bei einem niedrigen Punktestand – streckt das Problem gegebenenfalls nur in die Länge. Wenn es uns zudem nicht gelingt, bis in die späteren Bereiche das Problem der überflüssigen Karten zu beheben, können die strategisch versierten Gegner ein extremes Problem darstellen.

Mit Fortuna an meiner Seite

Eher ungewöhnlich verhält es sich mit der Kehrseite der Medaille. In den ersten Bereichen kann auch unser Gegner am Zufall leiden und Lücken in seiner Defensive oder Spielweise aufzeigen. Dann erledigen wir innerhalb kürzester Zeit und ohne großen, strategischen Aufwand den Gegner. Diese Situationen haben mich besonders geärgert, weil ich „meines“ Spiels beraubt wurde. Und was ist schöner? Deine Strategie (und somit Mühen) aufgehen sehen? Oder den Sieg geschenkt bekommen? Wieder und wieder? Ich weiß, welche Antwort ich da wählen würde.

Blackjack ist ein seltsames Spiel. Im Zentrum steht das Glück, seine Kartenwerte einem exakten Wert anzunähern. Kein Wunder, dass es gerade in Casinos so populär geworden ist. Dungeons & Degenerate Gamblers versucht alles, um diese fundamentale Eigenheit von Blackjack auszulöschen. Die speziellen Spielkarten, Glücksbringer und das schnelle Deckbuilding-Pacing geben uns sehr viele Freiheiten, um Strategien frühzeitig zu finden und auszubauen. Und spätere Gegner zeugen davon, wie viele Möglichkeiten im Roguelite stecken.

Doch der Zufall lässt sich nur sehr schwer ausschalten. Viele Duelle haben entweder Momente oder laufen komplett nach einem komplett wirren Schema ab, in denen Strategie und Deckbuilding nicht zur Geltung kommen können. Das frustriert einerseits, wenn wir dadurch auf zähe und unkontrollierbare Weise verlieren. Oder es raubt den Spaß, wenn wir einen Gegner viel zu locker und ohne das Spiel abseits von Blackjack zu nutzen bezwingen. Dungeons & Degenerate Gamblers ist eine Empfehlung. Aber ihr solltet an dem Tag, an dem ihr es spielt, vorher ein vierblättriges Kleeblatt gefunden haben.

Mich auf PC und Steam Deck über den furchtbaren Namen des Spiels aufgeregt. Ein herzlicher Dank geht an Purple Moss Collective und Yogscast Games für die Bereitstellung eines Mustercodes.