Als ich auf einer Importseite die Angebote durchstöbert habe, ist mir auch Evermaiden Daraku no Sono no Otometachi (oder エヴァーメイデン~堕落の園の乙女たち ~ ) aufgefallen. Durch den Stil hat es sich gleich abgehoben, und die Beschreibung klang interessant genug. Es ist dem Adventure-Genre (hierzulande gerne auch Visual Novel genannt) zugeordnet. So wie es japanische Videospielunternehmen gerne machen genauer als Yuri mystic horror adventure. Wer sich in japanischer Popkultur halbwegs auskennt, wird den Begriff Yuri sicher schon kennen. Er bedeutet Lilie, wird aber gerne für Romantik/Beziehung zwischen zwei weiblichen Beteiligten genutzt.
Daraku no sono no Otometachi übersetze ich mal nonchalant als Mädchen des verdorbenen Gartens, und da mag so manche Lilie wachsen. Allerdings gelten im Internat strenge Regeln, und „üble Saaten“ sollen nicht erblühen.
Lasset uns beten
Evermaiden beginnt mit etwas viel bildhaften Ausdrücken. Zwei Mädchen sitzen auf einer Blumenwiese, das eine schenkt der anderen eine Blumenkrone. Dann endet der Traum. Die erwachte, Rook, betet wie es sich dort für jeden Morgen gehört.

Oh, ewige Jungfrau, Mutter von allem, Braut aller Menschen.
Verwandle deine Weisheit in Segen, beschütze unser Beet.
Lasse keinen dreckigen Regen auf diese Erde fallen.
Lasse keine üble Saat erblühen.
Lasse Wurzeln sich ausbreiten, Blätter wachsen, aber nicht in Begierde ertrinken.
Gib uns Ketten für Hände und Füße, Dornen dem Haar, die Peitsche für das Tier im Innern.
Möge keine Blume in deinem Garten gepflückt werden.
Willkommen(?) im Puellarium
Dann geht der normale Alltag im Internat weiter. Verschiedene Personen werden eingeführt. Mit honigfarbenen Locken und feurigen roten Augen stolziert Averla zum Rosenbeet und gibt strenge Urteile. Die rothaarige Robin mit gelben Augen, wie die heißeste Stelle einer Flamme, brennt förmlich Löcher in Buchseiten. Die blonde Canary mit veilchenfarbenen Augen und Haut so weiß wie eine Lilie versucht anderen Schülerinnen zu helfen. Derweil weckt die von den Regeln eingenommene Macaw die eher schlaffe Pavone.
Es ist wieder ein Gebetstag. Vor der eindrücklichen Statue der großen Jungfrau sitzen die Schülerinnen still in den Reihen, die Schritte der Lehrerin Adler hallen bleibeschwert. Alle mögen beten. Doch dann stürmt Macaw mitten im Gebet hinein, obwohl sie schon dabei teilnehmen sollte. Unerhört. Sie hat ein Mädchen am Tor gefunden. Dieses steht nun in eine Decke gehüllt an der Tür.

Nachdem Adler erst mal Macaw bezüglich Prioritäten zurechtgewiesen hat, wendet sie sich harsch an das Mädchen. Sie möchte das Gesicht sehen, woraufhin die Decke zu Boden gleitet. Die Schülerinnen reagieren schockiert, denn so viel nackte Haut ist hier verboten. Die Lehrerin ruft zur Ruhe auf und löchert das Mädchen unbewegt mit Fragen. Als sie sich als Alouette vorstellt, erdröhnt plötzlich die Glocke des Uhrenturms. Sie kann sich nicht erinnern, wie sie hier hin kam. Aber sie fühlt, dass sie an ihrem Ziel angekommen ist.
Die Schülerinnen der Spezialklasse sollen ihre Meinung äußern, wie zu verfahren sei. Die Diskussion, geht in Richtung Rauswurf. Manche fordern das bestimmt, mal emotionaler, mal rationaler. Argumente anderer werden in diese Richtung verdreht. Und die Glocke sei ein Warnzeichen. Doch Rook verweist auf den Zweck des Internats. Alouettes Eignung sei der einzige richtige Anhaltspunkt für die Entscheidung.
Denn das Puellarium soll möglichst viele „Maiden“ hervorbringen. Auf einem seltsamen Stuhl sitzend wird Alouette angewiesen, in einem Glasdom Blumen erblühen zu lassen. Wer geeignet ist, könne dies. Mit etwas Verwirrung und Zögern versucht Alouette es, und tatsächlich erblühen vielerlei Blumen. Nicht nur ist Alouette geeignet, sie erfüllt auch die Voraussetzung in die Spezialklasse zu kommen, in der auch die anderen vorgestellten Schülerinnen sind. Nicht alle sind glücklich damit, aber Schulregeln sind Schulregeln.

Schulalltag
Nach und nach lernt Alouette also erst mal, wie sie sich dort grundlegend verhalten solle. Außerdem muss sie im Unterricht mitkommen. Maiden werden benötigt, damit spezielle Maschinen aus dem Äther Dinge erschaffen können. Dafür müssen die Maiden allerlei Details kennen und üben. Die Kapitel orientieren sich dann teils an den Unterrichtsthemen. Es beginnt mit dem Garten, vorgegebene Rosen sind entscheidend für das bestehen. Kleidung und Accessoires folgen, sowie mechanische Vögel. Allerlei Werke erschaffen zu können wird schließlich erwartet.
Die Schülerinnen können natürlich nicht alle einfach alles gleich makellos. Verschiedene Probleme treten auf. Auch der emotional Zustand ist wichtig für diese Art von Schöpfung. Aus unterschiedlichen Sichtpunkten erleben wir allerlei Szenen.
Und immer wieder tauchen Träume auf. Und die Frage, ob dahinter mehr stecken mag. Gerade bei Alouette, die sich an kaum etwas erinnert. Warum ist sie ins Puellarium gekommen?

Ich fand die Schulszenen unterhaltsam, es gibt darunter auch mal Humor, mal Anspannung mit den Problemen der Charaktere und den Träumen. Alouette hat immer wieder Probleme damit, dass sich die strengen Regeln falsch anfühlen.
Blüten des Bösen in der Nacht?
Für manchen mag Internatsleben mit strengen Regeln ja schon genug Horror sein, aber dabei bleibt es in Evermaiden nicht. Schon gleich in der ersten Nacht erwacht Alouette und blickt einer gruseligen Gestalt entgegen. Sie ähnelt der Jungfrauenstatue, aber aus ihrer Brust bricht ein rotes Gebilde hervor, nicht ungleich einem Blumenstrauß. Ihre langen Arme strecken sich nach Alouette aus, die Berührung ist eiskalt.
Nach einem etwas seltsamen Traum erwacht Alouette gesund am frühen Morgen. Sie möchte auf andere Gedanken kommen und geht spazieren. Dabei trifft sie auf die normale Schülerin Olor, erinnert sich aber nicht daran, dass sie sie im Traum gesehen hat. Olor bringt sie davon ab, in den nördlichen Wald zu gehen. Eines der sieben Mysterien des Internats, der Garten des Ruins, sei dort. Daraufhin erkundigt sich Alouette, ob es auch ein Mysterium bezüglich der Statue aus der Nacht gibt. Und das sei tatsächlich der Fall. Die verzerrte Braut führe diejenigen, die ihr begegnen, vom rechten Pfade weg.

In einer anderen Nacht erwacht Alouette in der Gebetshalle. Außen ist der Boden in grünlich leuchtenden Nebel gehüllt. Dieser erinnert daran, wie aus Äther geschaffenes wieder in Äther zurückverwandelt wird. Alouette findet Fragmente, die sich beim aufheben auflösen, aber Sprachfetzen ertönen lassen. Diese erzählen bruchstückhaft über die Beziehung zweier Personen. Eine wurde von der anderen mit einer Clematis verglichen.
Und erneut sieht sie die verzerrte Braut. Diese lässt zwei Schülerinnen fallen. Alouette kann nicht still halten und geht näher. Doch aus den Körpern brechen Ranken hervor, an denen Clematis-Blüten blühen. Die Gestalt sucht jemanden und ergreift Alouette mit ihren Ranken. Diese entziehen ihr Energie. Plötzlich taucht Rook auf und befreit Alouette mit einer Kettenpeitsche. Doch die schwache Alouette wird erneut ergriffen und ihre Brust durchstochen. Die Glocke des Uhrenturms läutet erneut.
Schließlich erwacht Alouette erneut unbeschadet in der Frühe. Auch diesmal trifft sie Olor und will mehr über die verzerrte Braut wissen. Mehrere Schülerinnen sollen ihr begegnet sein, drei davon wurden bestattet. Olor hat keine Zeit, mehr zu erzählen, also fragt Alouette als nächstes Canary. Aber die Bestattung ist offenbar ein emotionales Thema, das die Schülerinnen beunruhigt. Deshalb lässt es Alouette erst mal behutsamer angehen.
Unsicher darüber, was Traum ist und was real, mischt sich Alouette bei ihren „nächtlichen Ausflügen“ in die Tätigkeit der Rook dort ein. Welches Ende wartet auf dem Weg, auf dem sie mehr über sich selbst und das Puellarium erfährt?

Auch die nächtlichen Szenen wussten mir zu gefallen. Diese bieten mehr Anspannung und Dramatik.
Enden und mehr
Über weite Teile haben wir in Evermaiden übrigens nicht wirklich Einfluss auf die Geschichte. Zwischendurch gilt es zwar öfter, Orte auszuwählen. Dann wählen wir aber nur die Reihenfolge verschiedener Szenen, die meist andere Personen beinhalten. Erst spät im Spiel gibt es Entscheidungen, die tatsächlich zu verschiedenen Enden führen.
Je nach Ende kann es dann sein, dass kürzere Zusatzszenarien im Extra-Menü freigeschaltet werden. Diese spielen aber nicht zwangsläufig später und sind meist auch kurz. Als Extra sind sie aber nett. Eines ist auch immerhin etwas länger.
Vögel im verdorbenen Garten
Mal offensichtlicher, mal weniger, haben die Namen der Personen in Evermaiden etwas gemeinsam. Es handelt sich um Vögel. Unsereiner versteht das zum Beispiel bei „Adler“ natürlich gleich. Ob sie mit Adleraugen über die Schüler wachen mag? Bei anderen ist es durch die gewählten verschiedenen Sprachen etwas schwerer zu merken. Allzu tief interpretieren möchte ich nicht.
Alouette ist französisch für Lerche. Die Lerche wird bisweilen mit Freiheit und Unbeschwertheit in Verbindung gebracht. Das passt oft zu ihr.
Rook ist das englische Wort für Saatkrähe, und sie hat tiefschwarzes Haar. Rabenvögel gelten als intelligent und Rook ist die Klassenbeste. Saatkrähen können der Saat schaden, teils aber wohl auch ungewollte Schädlinge bekämpfen. So wie Rook nachts?

Macaw ist eine englische Bezeichnung für Aras, aber viel interpretieren kann ich da nicht. Sie kennt die Regeln und verweist bisweilen darauf, aber spricht sie nicht speziell wie ein Papagai nach.
Pavone ist Italienisch für Pfau. Einen gewissen Sinn für auffällige Designs hat sie, aber oft sticht doch mehr ihre…legere Arbeitsmoral hervor.
Canary ist naheliegend der Kanarienvogel. Auch wenn sie oft gehalten werden, sind sie angeblich etwas scheuer als andere Haustiervögel. Sie stehen für Freude, Hoffnung und Positivität.
Robin ist englisch für Rotkehlchen, dabei ist ihr Haupthaar rot. Es kann für Neuanfang und Hoffnung stehen. Robin fühlt sich mit ihrer Wissbegierde eingeengt und würde sicher gerne woanders neu anfangen.
Averla ist wieder Italienisch und kann Neuntöter bedeuten. Ein sehr freundlich klingender Name. Für manche steht er aber für Weitblick, Geduld und innere Stärke.
Olor schließlich geht auch auf einen Vogelnamen zurück, der Cygnus olor ist der Höckerschwan. Dieser hat einen schwarzen Höcker am Schnabel, Olor hat immerhin eine schwarze Haarstelle im weißen Haupthaar. Der Schwan steht für Licht und Reinheit. Ob ihre Erzählungen der Mysterien Licht ins Dunkle bringen mögen?

Blumen im verdorbenen Garten
Desweiteren tauchen diverse Blumen in Evermaiden auf, deren Bedeutung man passend interpretieren kann. Ohne zu detailliert zu werden oder Details der Geschichte aufzugreifen, nenne ich ein paar.
Ironischerweise sollen die Schülerinnen für eine Prüfung rote Rosen erschaffen. Diese stehen für Liebe, Leidenschaft und Romantik. Gleichwohl sollen sie solche Gefühle dabei nicht in sich tragen.
Blaue Rosen dagegen stehen für das Unerreichbare, unerfüllte Sehnsucht und Einzigartigkeit.
Die Clematis als Kletterpflanze steht für Ehrgeiz und Anpassungsfähigkeit, und den Weg zur Erleuchtung. Als Bachblüte Nummer 9 soll sie dagegen gegen Tagträumerei helfen.
Sonnenblumen stehen unter anderem für Lebensfreude, Wärme und Liebe. Da sie der Sonne folgen stehen sie auch für Loyalität und Bewunderung.
Lorbeer steht für Sieg, Ruhm und Weisheit. So erhielt man früher auch mal einen Loorberkranz als Sieger.
Die schwarze Dahlie gilt als Symbol für Geheímnis, Eleganz und Schönheit. Teils aber auch für Verlust und Trauer.
Nur bildhaft taucht die Ruhmeskrone auf, sie steht für Ruhm und Erfolg, aber auch Leidenschaft und Kraft.
Die Prärielilie schließlich steht für Demut, Dankbarkeit und Wiedergeburt.

Fazit
Ich habe ohne konkrete große Erwartungen zu dem Spiel gegriffen. Aber die Mischung aus Schulalltag, Mysterium um die Träume und die Vorkommnisse in der Nacht konnten mich überzeugen. Nicht allzu gern habe ich mitten in Geschehnissen pausiert. Auch der etwas außergewöhnliche Stil gefällt mir, wobei es keine Animationen und nur Änderungen der Posen und Mimik gibt. Diverse Vollbilldillustrationen gibt es ebenfalls.
Die Musik war gut genug, dass ich beim Blick in die Galerie überrascht war, wie wenig Stücke es doch sind. In den dutzenden Stunden wurde mir keines der nur neun Stücke inklusive Opening-Lied zu viel oder schien fehl am Platz. Die japanische Sprachausgabe gefällt mir ebenfalls. Anfangs kamen mir die bildhaften Vergleiche etwas zu oft vor, der Eindruck hat sich aber später gelegt.
Insgesamt hat mir Evermaiden Daraku no Sono no Otometachi als Importspiel gut gefallen.

Japanische Switch-Version getestet auf Nintendo Switch 2.