Kürzlich ist eine Farm am unteren Rand meines Bildschirms eingezogen. Das ist eher ungewöhnlich für mich, weil sich Spiele bei mir normalerweise über den gesamten Bildschirm ausbreiten dürfen. Na gut, in gewisser Weise trifft das auch auf das Idle-Game Petunia’s Purgatory zu. Denn abhängig vom Geisteszustand der namensgebenden Petunia breiten sich Bildeffekte über den gesamten Bildschirm aus.
Tatsächlich bin ich in erster Linie aufmerksam geworden, da die Entwickler Dead Possum Games zwei Leute sind, die zuvor auch an Die Sims 3 und 4 gearbeitet haben. Ähnlichkeiten gibt es zwar nicht wirklich, aber so habe ich mir Petunia’s Purgatory genauer angeschaut, statt das Spiel trotz des Farmings als Idle-Game zu verwerfen. Denn eigentlich sind diese nicht unbedingt mit meiner typischen PC-Nutzung verträglich.
Drei Arten von Pflanzen
Petunia’s Purgatory benötigt erst einmal ein wenig Setup. Zu Beginn stehen mir zwei verschiedene Feldfrüchte zur Verfügung, deren Samen ich einpflanzen kann. Ein Klick auf die Scheune in der Mitte der Farm verrät mir, was für Feldfrüchte der Älteste Gott gerade verlangt.
Die Gekräuselte Karotte und die Geäderte Tomate sind noch vergleichsweise harmlos. Die sehen womöglich etwas ungewöhnlich aus, aber das war es auch schon.
Nachdem ich die ersten Aufträge ausgeführt habe, steigt Petunias Farm jedoch im Rang auf und weitere Pflanzen werden verfügbar. Der Dendritenmais ist mir etwas suspekt, aber spätestens der Kürbeißer ist doch ein wenig gruselig (auf die niedliche Art). Diese Pflanzen sind es auch, die an Petunias Verstand nagen. Ein ausgefüllter Hirnumriss verrät mir Petunias Geisteszustand; halte ich den Mauszeiger darüber, erhalte ich auch Zahlenwerte für den aktuellen Zustand und gefüllten Wert. Dabei lässt sich der Verstand auch über diesen Wert hinaus steigern. Doch unheimliche Pflanzen wie der Dendritenmais senken den Verstandswert.
Um Petunia zu beruhigen und ihren Verstand wiederherzustellen, pflanze ich Blumen. So beruhigt die Feuer-Lilie Petunia allmählich. In den Statistiken sehe ich Gewinn- und Verlusttempo des Verstandes. Daneben schalte ich nach ein paar Stufen auch Dekorationen für den Hof frei, die Petunias maximalen Verstand erhöhen.
Bei neu freigeschalteten Samen nehmen die Kosten für Samen ebenso zu wie die Gewinne für geerntete Feldfrüchte. Ebenso wachsen höherrangige Pflanzen häufiger nach. Gleichzeitig erhöhen sich auch die Werte für den Zuwachs oder die Abnahme von Verstand. Zu Beginn hatte ich dabei immer wieder Geldprobleme, die später weitgehend verschwunden sind. Stattdessen mangelte es mir eher an einer anderen Ressource, aber dazu später mehr.

Der Verstand
Je geringer Petunias Verstand, desto häufiger und intensiver werden verschiedene Bildeffekte. Bezogen auf ihre Farm bedeutet das, dass die Pixelwelt unterschiedliche Farben annimmt. Mal richtig schön bunt in unterschiedlichen Farbtönen, mal aber auch entsättigt in Grau. Letzteres wirkt ein wenig bedrohlich. Manchmal wird die Farm sogar gespiegelt. Jumpscares gibt es dabei nicht, alles taucht sehr behutsam auf und erschafft eine angenehme Gruselatmosphäre. Da ist es fast ein wenig schade, Petunias Verstand zu erhöhen. Aber sinkt er auf 0, steht die Farmarbeit still, und das will ich ja auch nicht.
Über den gesamten Bildschirm ziehen sich Risse, Fliegen sausen über meine Dokumente, sogar ein kleiner Mauszeiger bewegt sich eigenwillig. Besonders gefällt mir auch die unleserliche Schrift, die manchmal am oberen Bildschirmrand auftaucht.
Ein einzelner der Effekte ist aber richtig gruselig, denn wer ihn kennt, wird sich sofort sehr alt fühlen.

Optionen
Doch die Vollbild-Effekte lassen sich auch ausschalten. Daneben bietet Petunia’s Purgatory auch unterschiedliche Zoomstufen, wobei die Standardstufe etwa ein Drittel des Bildschirms belegt. Zudem sind dabei Teile der Farm nicht zu sehen. Das ist mir allerdings erst nach fünfzehn Stunden aufgefallen, als ich die Zoomstufe zufällig verringert habe. Auf -2 ist die Farm komplett zu sehen und das seitliche Menü überlappt die Farm nur noch minimal. Allerdings ist die Farm so auf meinem 14-Zoll-Bildschirm doch ein wenig winzig.
(Einen Moment bitte, ich muss mich um die Farm kümmern.)
Daneben gibt es einen Fokusmodus, bei dem Pflanzen langsamer wachsen und verschiedene Optionen für das Streamen auf Twitch (inklusive sicherer Musik). Und die Möglichkeit, das Spiel nicht dauerhaft vor allen anderen Programmen sichtbar zu halten. Letzteres hilft dabei, mögliche Ablenkungen durch das Spiel zu verringern, schließlich bleibt es dann nicht dauerhaft im Blick. Ein Klingelton verrät, wann alle Feldfrüchte für einen Auftrag in der Scheune sind, also kann ich auch darauf reagieren und mich dann wieder um die Farm kümmern.
Da ich dazu neige, Lücken auf den Feldern möglichst schnell mit Samen stopfen zu wollen, ist es manchmal ganz gut, die kleine Farm zeitweise auszublenden. (Auch wenn dann die anderen Effekte verloren gehen.) Petunias Verstandsverlust verlangt zwar, hin und wieder einen Blick auf die Farm zu werfen, allerdings kommt sie ganz gut auch einige Minuten allein zurecht. Auch wenn es keinerlei Möglichkeiten gibt, das Anpflanzen zu automatisieren, sondern nur verschiedene Wichtel, die beim Bewässern und Ernten unerlässlich sind.
Fortschritte
Letztlich pflanze ich in Petunia’s Purgatory an, was der Älteste Gott möchte, und lasse es dann von den Wichteln und Petunia bewässern und ernten. Mit ausreichend Kleingeld schalte ich weitere Abschnitte der Farm frei, wobei weiter entfernte Abschnitte teurer sind.
Auch die Pflanzgefäße (Felder) kaufe ich erst einmal. Diese gibt es in unterschiedlichen Größen und sie werden mit jedem gekauften Feld einer Größe teurer.
Ist die Zeit egal, ist es nicht ganz so wichtig, Felder, Wichtel, Wasserlöcher und Gebäude effizient aufzustellen und zu bestellen. Gleichzeitig bietet Petunia’s Purgatory aber auch viele Möglichkeiten, Prozesse zu beschleunigen. Wobei ich so immer noch zwanzig Stunden benötigt habe, um auf der Standardfarm Stufe 26 zu erreichen und den nächsten Farmtyp freizuschalten. Allerdings habe ich auch fünfzehn davon mit einer kleineren Farm vertrödelt und noch ein paar Stunden gebraucht, ehe ich die Wichtelaufteilung besser geplant hatte. Insgesamt gibt es fünf Farmtypen, von denen vier unterschiedliche Herausforderungen bieten. Bei der zweiten etwa ist der Verstandsverlust verstärkt, was durchaus spürbar ist.
Jedenfalls kann ich die Farm in Petunia’s Purgatory aufsetzen und anschließend allem beim Wachsen zuschauen, während ich näch länger als sonst brauche, um einen Reviewtext zu schreiben. Wenn ich vor dem Ausblenden darauf achte, ein paar Blümchen zu pflanzen, kann ich sie auch eine Weile machen lassen, ohne sie zu beachten. Auch wenn es durchaus hilfreich ist, immer wieder zwischendurch kurz nachschauen zu können.

Blut
Ein paar Zähnchen sorgen allerdings nur für ein bisschen Unheimlichkeit (außer bei Fischen). Bereits zu Spielbeginn steht ein Opferaltar vor Petunias Scheune. Ein paar Level später findet er auch erste Benutzung. In Verbindung mit einem Köder, der aus Feldpflanzen hergestellt wird, und einem passenden Wichtel, sammle ich auf dem Opferaltar Blut. Feldpflanzen füge ich manuell hinzu.
Blut ist eine wichtige Ressource für verschiedene Pflanzen und den zweiten Feldtyp. In Blutpflanzgefäßen wachsen weitere Arten von Pflanzen heran, nicht jedoch beruhigende Blumen. Verständlicherweise.
Dadurch teilen sich die Feldfrüchte, die Petunias Verstand schwächen, noch weiter auf. Einige wachsen auf Standardfeldern, benötigen beim Anpflanzen jedoch Blut. Andere wachsen auf Blutfeldern ohne weitere Blutzugabe. Oder sie benötigen an beiden Stellen Blut oder überhaupt nicht.
Wähle ich einen Typ Samen aus, sehe ich sofort, auf welchem Feld ich sie anpflanzen kann. Geht mir das Blut aus, sehe ich das auch. Wo die Pflanzen nicht wachsen können, kann ich sie auch nicht anpflanzen. Wähle ich ein Feld aus, sehe ich, wie viele Pflanzen welcher Art auf ihm wachsen. Allerdings habe ich keinen Überblick darüber, wie lange Pflanzen voraussichtlich noch wachsen (was aber variabel ist) oder wie oft sie schon gewachsen sind.
Gemüsepresse
Daneben verwerte ich Feldpflanzen in Petunia’s Purgatory auf eine weitere Weise. Handwerkswichtel pressen verschiedene Feldfrüchte zu Gelee, sofern sie Zugang zur passenden Presse haben. Das geschieht automatisch und ich schalte Pressen bei Bedarf ab, etwa wenn ich die dafür benötigte Feldfrucht für einen Auftrag sammeln möchte.
Dabei gilt für Ernte-, Wasser-, Blut-, Blumen- und Handwerkswichtel, dass sie alle lediglich in einem Umkreis um ihr Zuhause agieren. Um Petunia zu entlasten (und das Tempo zu erhöhen), achte ich also darauf, möglichst alle Felder und Fertigungsstätten abzudecken. Auf dem kleinen Platz, den die Farm bietet, habe ich daher mehrfach Felder und Wichtel neu arrangiert und Dekorationen gekauft oder entfernt. Manchmal entstehen auch Lücken zwischen den Feldern, bei denen ich dann überlege, ob ich sie mit Dekorationen für Petunias Verstand oder mit Einzelfeldern befülle.

Fazit
Für ein typisches Idle-Game lässt sich in Petunia’s Purgatory vielleicht etwas zu wenig automatisieren. Für ein Farmspiel, das sich komplett auf die Feldpflanzen fokussiert, ist die Progression gut gelungen. Ich schalte immer wieder neue Feldpflanzen frei und zu Beginn auch neue Fertigkeiten auf dem Hof. Alles ist sehr eingängig und mit etwas Vorbereitung kann ich Petunia und ihre Wichtel auch eine Weile allein lassen, um konzentriert zu arbeiten.
Besonders gefällt mir die amüsante und niedliche Gruselatmosphäre durch die putzige Pixelgrafik und viele (Vollbild)-Effekte. Es ist nur ein wenig schade, dass ich mich zwischen einer angenehmen Bildgröße und einer komplett sichtbaren Farm entscheiden muss.
Während ich die letzten Zeilen schreibe, hat Petunia übrigens gerade ihren Verstand verloren. Sie wird mich wohl noch eine Weile begleiten, wenn ich den PC nicht nur dafür starte, ein Videospiel zu spielen.

Herzlichen Dank an Level Up Gaming für die Bereitstellung des Testmusters. Verstand beruhigt und verloren auf PC via Steam.