Replaced (Review)

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Replaced hatte es echt nicht leicht. 2021 angekündigt – ganz ehrlich, ich hätte schwören können, dass es früher war! – wurde es fest für 2022 versprochen. Ihr erinnert euch an die Grafik auf der auch Silksong drauf war? Sollte ja alles innerhalb eines Jahres kommen. Silksong kam nicht. Replaced auch nicht. Dann hat man länger nichts gehört, plötzlich kamen neuen Infos, neue Verschiebungen. Aber da letztes Jahr dann sogar wirklich Silksong erschienen ist, konnte das dystopisch-philosophische Abenteuer auch nicht weit sein!

Aber abseits dieser ominösen Microsoft-Grafik haben die beiden nicht wirklich viel gemeinsam. Also ignorieren wir einfach mal die Käfer und stürzen uns in ein alternatives Amerika in den 80er Jahren. Dort hat eine Nuklearkatastrophe gewütet und aus den Asche heraus ist besonders eine Stadt – Phoenix City – gestiegen. Ein großer Konzern hat sich dort niedergelassen und vertreibt menschliche Körper(-Teile) wie Ware. Denn wenn ich wichtiger Staatsbürger nun ein neues Bein bekommt, so soll er dieses auch bekommen.

Schöpfer und Schöpfung

Vor diesem Hintergrund treffen wir erst einmal Warren, den Erschaffer der Research Engine for Altering and Composing Humans, die ein besonderes Herzstück für die Machenschaften der Phoenix Coporation darstellt. Und da das nicht ganz so schön von der Zunge rollt, wird die Engine schlichtweg R.E.A.C.H. genannt. Nun, es kommt wie es kommen muss, es kommt zu einem Streit zwischen Schöpfer und Erschaffenem, ein bisschen Drama, eine Prise Explosionen und Bumms – als Warren schließlich aufwacht… ist es eigentlich gar nicht Warren. R.E.A.C.H. nimmt also sofort die Beine in die Hand, denn die Sicherheitsleute auf die er trifft, die wirken einfach so gar nicht freundlich. Unter heftigem Schussgewitter flieht er also heraus aus der Firma und muss sich plötzlich mit der gesamten Realität auseinander setzen, die so für ihn eigentlich in seinem System gar nicht vorgesehen war.

Hier zeigt sich auch ganz klar die Stärke von Replaced. Denn wenn das Spiel eines besonders kann, dann ist es eine Welt erschaffen, die unglaublich dicht erzählt wird und an jeder Ecke glaubwürdig ist. Die eigene Mission wieder zurück zu kommen und das Missverständnis aufzuklären – und auch Warren wieder seinen Körper zu überlassen, ist dabei eigentlich sehr klein: doch man merkt schnell, dass der eigentliche Fokus nicht auf einem selbst liegt.

Arme und Beine zum Schnäppchenpreis

Das Worldbuilding ist dabei phänomenal. Besonders wenn man recht früh das erste Mal in Slums kommt, in denen Menschen leben, die bereits Teile ihres Körpers verloren haben – gegen Ihren Willen. Wir wandern durch die Straßen, lauschen den Gesprächen von Bewohnern und erfüllen für manche kürzere Botengänge. Ganz besonders Veronica hat es mir dabei angetan, die Freundin von einem unserer engsten Verbündeten. Einst eine Sängerin, waren ganz besonders ihre Stimmbänder begehrt. Doch als sie das Angebot ablehnte, wurde ihr diese stattdessen einfach mit Gewalt wortwörtlich entrissen.

Screenshot zu Replaced
Wir können auch ganz schön austeilen.

Und gerade solche Einzelschicksale sorgen dafür, dass all das was wir erleben erst so richtig greifbar wird und wir Schritt für Schritt gemeinsam mit der „naiven“ K.I. menschliche Schicksale, aber auch Abgründe entdecken, die mit den Daten, mit denen er gefüttert wurde, eigentlich so gar nichts gemein haben. Die Unwissenheit von R.E.A.C.H. funktioniert dabei hervorragend um auch uns nach und nach tiefer in die Welt eintauchen zu lassen. Besonders toll fand ich die Nebenmissionen, die uns allen Voran noch ein Stück weiter in die Welt eintauchen lassen. Ein paar spielerische Goodies, wie verbesserte Heilung oder mehr Lebensenergie gibts allerdings auch als Belohnung.

Voller Körpereinsatz mit Fremdkörper

Zunächst aber wollen wir zurück. Zurück in die Stadt, zurück um Antworten zu finden und zurück um Warren seinen Körper wieder zu geben. Als Maschine im Mensch nutzen wir die Bewegungsfreiheit, die wir gewonnen haben arbeiten uns Schritt für Schritt vor. Auch wenn wir, zugegeben, einen Großteil der Zeit damit verbringen einfach nach rechts zu laufen. Na, gut manchmal auch nach links! Hin und wieder darf ein bisschen geklettert und gehüpft werden, später kommt auch noch eine Spitzhacke dazu, mit der wir uns in marodem Mauerwerk einhaken können. Und dann treffen wir regelmäßig auf größere Gegnergruppen, die uns an den Kragen wollen. Wir wehren uns ja schließlich nur! Ein Angriffsknopf, einer zum Rüstungsbrechen, einer zum Ausweichen und zuletzt einer zum Kontern: das Kampfsystem ist eher simpel gehalten. Dazu kommt noch ein Schusswaffen-Finisher, der mit normalen Angriffen erst einmal aufgeladen wird. Dann aber haben auch große Gegner keine Chance mehr!

Ein bisschen mehr Komplexität hier und da hätte dem Spiel aber auch gut gestanden. Ich mein, R.E.A.C.H. ist eine technische Höchstleistung, da wäre bestimmt noch mehr drin gewesen! Gestört hat mich das allerdings nie so richtig, da durch kleinere Variationen der Spielfluss nie eintönig wurde. Mal ein paar Kisten schieben, ein paar zwielichtige Gestalten vermöbeln und dann wieder einen dunklen Gang entlangschleichen und nebenher verhindern, dass wir in den Schatten einem Attentat heimfallen. Nebenher gibt es noch jede Menge kleinere Objekte und Dokumente zu finden, die uns vor allem super viele Details über die Welt erzählen. Ich habe jeden Schnipsel aufgesogen und hatte zugleich sehr viel Spaß jeden Winkel der Umgebung genauestens zu untersuchen. Toll wäre gewesen, wenn Kampf und Kletterei ein bisschen mehr Herausforderung bieten würden. Denn die paar Mal in denen ich das Zeitliche gesegnet habe, lagen eher an suboptimalem Gegner-Timing, so dass ich schlicht nicht allem ausweichen konnte. Naja, und ich einfach gepennt hab.

Atemberaubende Dystopie

Hab ich schon einmal erwähnt, dass Replaced wunderschön ist? Jede einzelne Szene ist dabei ein Kunstwerk, jeder einzelne Kamerashot. Der ungewöhnliche Stil mit den pixeligen Sprites für Charaktere und sorgfältig modellierten 3D-Modellen funktioniert dabei hervorragend und überzeugt mit einer Liebe zum Detail, die man in dem Ausmaß wirklich selten zu Gesicht bekommt. Dazu kommt ein gelungener Einsatz von Licht und Schatten, um sich noch einmal ganz besonders in Szene zu setzen. Und spätestens bei der Kameraarbeit weiß man ganz genau: die Köpfe hinter Replaced wissen ganz genau was sie tun. Durch die dynamische Kameraarbeit wirkt das Spiel so wesentlich cineastischer als ein 2D Spiel jedes Recht dazu hat. Visuell liebe ich einfach alles daran!

Screenshot zu Replaced
Einmal Grafik-Showoff bitte!

Innerhalb der ungefähr 11 Stunden erlebt man in Phoenix City so mancherlei Auf und Abs. Besonders die Atmosphäre trägt enorm über die gesamte Spielzeit hinweg und auch die Geschichte über Menschlichkeit hat mir sehr gut gefallen. Natürlich, insbesondere das Gameplay selbst kratzt eher an der Oberfläche, und insbesondere beim manchmal etwas trägen Klettern und dem simplen Kampfsystem hätte ein bisschen mehr Feinschliff das Erlebnis drastisch verbessern können. Und gerade Gameplay-Puristen müssen entsprechend auch etwas zurückstecken. Jetzt bin ich aber die Art Spielertyp, die sich unfassbar von Atmosphäre und gut geschriebenen Geschichten fesseln lässt, und da ich auch noch für diese Art von Sci-Fi-Dystopien ein Faible habe, kann ich über genau diese spielerische Schwächen hinwegsehen. Wenn ihr da auch nur ein bisschen wie ich tickt, dann kann ich euch Replaced definitiv ans Herz legen!

Auf dem Steam Deck von einer KI ersetzt worden. Den Text hab ich trotzdem selbst geschrieben! Vielen Dank an Sad Cat Studios für die Bereitstellung des Testmusters.