In meiner Neva-Review habe ich eine Bitte an die Videospiel-Studios rund um den Erdball gerichtet: Bitte, wenn ihr ein Spiel entwickelt, welches künstlerische Ästhetik und vielschichtige Ebenen der Präsentation im Fokus zu haben scheint, dann fokussiert euch auf die Kernelemente eures Gamedesigns. Zur Not macht ihr kürzere Titel. Nomade Studios scheint nur letzteres mitbekommen zu haben, denn mit Neva: Prologue brachten die Spanier einen DLC für ihren von den meisten Kritikern geliebten Action-Platformer, der gerade einmal knapp über eine Stunde an Inhalt bietet. Doch ansonsten könnte ich mein Review von damals hier einfach dreist reinkopieren.
Und täglich grüßt das Murmeltier
Daher eine Warnung zu Beginn: Wenn ihr der Ansicht seid, dass Nomada Studios mit Gris und Neva zwei komplett unfehlbare Spiele (ich übertreibe hier bewusst!) erschaffen haben, dann werdet ihr auch beim DLC nicht allzu glücklich mit meinen Worten werden. Aber glaubt mir, wenn ich euch sage, dass mich dieser Umstand selbst frustriert.
Rückblick auf Gris – Ich mag das Spiel an vielen Stellen. Vor allem ästhetisch sucht es seinesgleichen und die Ebenen der Trauer sind – wenn auch stark offensichtlich – in meinen Augen sehr gut dargestellt. Lediglich das Spielerische ließ in meinen Augen zu wünschen übrig. Nicht weil es schlecht wäre, sondern weil einerseits zu viel Leerlauf und Belanglosigkeit vorgeherrscht haben. Und andererseits, weil die spielerischen Ideen immer nur für kurze Momente erkundet werden. Es gab so viele gute und kreative Ideen, aber es fehlte mir – vor allem im Laufe der Level – stets die Substanz. Wäre aber auch kontraproduktiv, da zu viel Anspruch das Erlebnis in eine andere, nicht intendierte Richtung getrieben hätte.

Neva hatte in meinen Augen ein ähnliches Dilemma. Das Spielerische war dem Künstlerischen untergeordnet. Beide Dimensionen verzahnen sich thematisch oder spielerisch kaum, sondern leben weitestgehend autark voneinander. Theoretisch ist dies in Ordnung, wenn beide Dimensionen für sich stehend brillieren können. Neva gelang dies aber in meinen Augen ebenfalls nicht. Im Gegenteil, die Ästhetik fand ich schwächer, die spielerischen Elemente weitestgehend frustrierender, da erst gegen Ende wirklich fesselnd.
Neva: Prologue verwirrt mich
Fesselnd empfand ich den DLC Neva: Prologue leider ebenfalls nicht. Wir springen einige Jahre zurück, als Alba in der gefährlichen Wildnis einen kleinen Wolfswelpen findet. Wer das Hauptspiel gespielt hat, könnte nun annehmen, dass es sich hierbei um die zu Beginn des Hauptspiels von der Dunkelheit getötete Mutter von Neva handelt. Scheinbar hieß diese Mutter auch Neva, denn nach Abschluss bekommen wir in den Endcredits ihren Namen gehaucht. Vielleicht ist Neva aber auch die Bezeichnung für die Wolfsart! Egal wie, ich bin verwirrt.
Ansonsten ist der Neva-DLC nicht allzu verwirrend, sondern folgt weitestgehend der etablierten Formel. Wir hüpfen und kämpfen uns in der ersten Hälfte des Spiels durch weitestgehend längere Segmente mit einem Wechsel aus Leerlauf und spielerischem Einsatz auf Sparflamme. Doch dies ändert sich in meinen Augen relativ schnell. Spätestens wenn wir das Wolfsjunge finden, baut sich langsam eine Spannungskurve auf. Dunkelheit greift nach uns und wir müssen das richtige Timing abschätzen, um Sprungpassagen oder auch Kämpfe gefahrlos absolvieren zu können.
Und anders als noch im Hauptspiel baut Prologue zusehends auf diesen ersten, etablierten Elementen auf! Platforming-Level werden länger und auch anspruchsvoller, sei es durch das Design der Hindernisse oder durch Verlust der Mobilität, weil wir das Wolfsjunge auf dem Arm tragen. Gepaart mit der größeren Dringlichkeit durch eine rasante Verfolgung durch ein großes Schattenwesen sowie der Abwechslung mit einer Stealth-Passage im Lichte von Blitzen, ist dies genau das, was ich mir vom Hauptspiel gewünscht hätte.
Viel zu schnell vorüber
Im Finale gibt es dann noch einmal einen der Abschnitte, in denen wir Lichter an zwei verschiedenen Bereichen des Levels aktivieren müssen. Dieses Design hat Nomada schon in Gris genutzt und ist meistens dafür gedacht, die Ideen voneinander zu separieren. In Prologue allerdings gibt es hier zwei Variationen davon, wie sich das Licht-Schatten-Thema aus dem Stealth-Abschnitt zuvor unterschiedlich nutzen ließe.
Ich mochte beide Variationen. Der eine Pfad, in dem die Blitze die notwendigen Lücken im Leveldesign sichtbar machten, hat mir zwar weniger gefallen, passte für mich aber in die Stimmung des Finales hinein. Hätte nur in meinen Augen ein wenig anspruchsvoller sein dürfen, aber meinetwegen. Dieses Thema will ich jetzt auch nicht überstrapazieren und muss akzeptieren, was Nomada hier erreichen will.

Der zweite Pfad gefiel mir hingegen richtig gut. Hier werden Plattformen und ganze Levelsegmente von den Blitzen erst materialisiert. Vor allem das Timing, wann ein Blitz den festen Boden unter unseren Füßen erscheinen lässt oder wie schnell wir uns zu einem wieder sicheren Bereich bewegen können, hat einige tolle Stellen gewährleistet. Dies kulminiert am Ende dann in einer kleinen Kampfarena, in der auch die Gegner nur durch das Licht materialisiert werden. Was unfair klingt, wuchs zu einem spannenden Reaktionstest an. Da Neva: Prologue nur eine überschaubare Menge an Gegnern bietet, hat man diese im Vorfeld gut genug verinnerlicht.
Ein narrativ zahnloser Prologue für das Hauptspiel
Leider war diese Arena für mich persönlich das letzte Highlight von Neva: Prologue. Der abschließende Bosskampf des DLC war ganz okay, wirkte aber im direkten Vergleich zum letzten Boss des Hauptspiels sehr zahm. Zudem gab es kaum echtes Trefferfeedback in einem mehr oder weniger schwammigen Gegner. Leider kein schöner Abschied aus dem Spiel hinaus. Dazu kommt, dass narrativ der DLC keine wirklich große Rolle für das große Ganze von Neva spielt. Es ist eine Vorgeschichte, eine Ergänzung, die aber keine neue Perspektive auf die vorherrschende Katastrophe mit der Dunkelheit oder die Beziehung von Alba und Neva-Mama (oder Neva?) eröffnet.

Auch wenn sich Neva für mich ein wenig mit diesem DLC im Sande verläuft, kann ich Neva: Prologue allen Käufern des Hauptspieles nur wärmstens empfehlen. Prologue hat spielerisch dieselbe, wenn nicht bessere Qualität, als der letzte Akt des Hauptspiels. Und weiß darüber hinaus seine kreativen Ideen über einen längeren Zeitraum zu nutzen. Kann ich daher mit dem DLC nun Neva allgemein mehr empfehlen? Jein. Die Schwächen, die Neva: Prologue plagen, finden sich auch im Hauptspiel wieder. Längere Leerlauf-Dioramen ohne Wucht, eine Narrative ohne emotionalen Punch. Der DLC ergänzt das spielerische Material durch einige gute Ideen und Level, aber wirkt zuweilen ein wenig “überflüssig” im großen Gesamtbild. Was der DLC mir aber zeigt, ist, dass sich meine Vorliebe für diese Art von Spiel lohnen kann. Jetzt bitte das dritte Spiel von Nomada Studios mit der spielerischen Qualität von Teilen aus Neva und der künstlerischen Expertise aus Gris. Ihr hört ja scheinbar auf meine Bitten!
Erneut mit einem Hirschwolf auf PC die Dunkelheit bekämpft. Ein herzlicher Dank geht an Nomada Studios und Devolver Digital für die Bereitstellung eines Mustercodes.