1000xResist (Review)

Artwork und Logo zu 1000xResist

Manche Review ist eine Reise für sich selbst. Ursprünglich habe ich bereits zu diesem Zeitpunkt, in denen ich diese Einleitung schreibe, ungefähr die Hälfte aufs Papier gebracht. Denn es ist etwas für mich eher Ungewöhnliches passiert. Normalerweise habe ich entweder einen deutlichen Plan davon, auf welches Fazit ich zusteuern will. Oder meine endgültige Wertung wächst organisch mit jedem einzelnen Wort heran. Bei 1000xResist ist dies anders. Ich ging mit einem festen Plan, einem festen Ziel und – viel wichtiger – einer festen Wertung in dieses Review hinein. Doch der Name des Spiels ist Programm. Meine Gedanken kreisen um das Spiel. Sie ernähren sich von all den tollen Elementen, aber auch den schlechten Dingen. Und 1000xResist widersetzt sich dem Plan. Meinem Plan.

Erwartungen x Widerstand

Doch ich beginne die Reise für euch jetzt noch einmal von vorne. 1000xResist ist ein Spiel, welches bereits seit seinem Release auf meinem Zettel stand. Doch wie das Leben nun einmal so spielt…ihr werdet es alle kennen. Nicht der richtige Moment, nicht genug Zeit, nicht genug Lust – bla bla bla. Und ich wette, bei 10% meiner noch nicht angefangenen, aber gewünschten Spiele, könnte ich ähnlich jammern.

Der Release auf Nintendo Switch 2 gab mir nun die Gelegenheit, doch noch in 1000xResist einzutauchen. In den zwei Jahren seit dem Release habe ich selbstverständlich einiges aufgeschnappt – zum Glück, wohlgemerkt, spoilerfrei! Aber die Messlatte justierte sich halt langsam weit nach oben. Erst recht, wenn Personen, auf deren Meinung ich viel Wert lege, das Spiel in den höchsten Tönen loben. 

So dürfte es nicht verwundern, dass ich in pechschwarzer Nacht, kurz vor Mitternacht, als die End-Credits über den Bildschirm flimmerten, ein wenig Ernüchterung verspürt habe.

Screenshot aus 1000xResist. Darstellung des Hauptcharakters Watcher in Nahaufnahme mit Messer in der Hand

Wirklich leicht wollte es mir 1000xResist halt nicht machen. Wie gesagt, Name ist Programm. Ich haderte nach dem Durchspielen und auch am Tag danach sehr damit, wie viel leeres Gameplay im Adventure vorhanden ist. 1000xResist bietet mal größere, komplexere Level, in denen wir die Story erleben sollten, mal kleinere und manchmal reine Korridore. Abgesehen von einem ganz speziellen Abschnitt auf der Zielgeraden des Spiels sah ich wenig Zweck hinter der endlosen Monotonie. Wahrscheinlich wäre ein kompakteres Visual Novel à la Zero Escape hier für mich persönlich sinnvoller gewesen. Es muss ja nicht gleich ein reinrassiger Roman in digitaler Form sein.

Widerstreit x Widerstand

»Aber hey«, dürfte manch einer von euch einwenden, »du genießt doch auch diese Walking Simulatoren, was ist da anders?« Und ja, ich würde euch entgegnen, manches Level versucht sich durch Architektur, Staging und Blocking auf ähnlichen Pfaden zu bewegen. Die Third-Person-Perspektive sorgte allerdings dafür, dass die seltenen Level-Highlights nur schwer zur Geltung kommen.

Beeindruckend war da vielmehr, welch’ ein ungemein gutes Gespür Sunset Visitor für cineastische Bilder in den eher ruhigen Momenten bewies. Erst wenn ich durch die Gegend latsche, verging mir ein wenig die Lust am Spiel. Ich hatte während des Spielens meiner Frau kurz gesagt, dass 1000xResist ein komischer Fall ist: ich konnte es nicht aus der Hand legen, wenn ich einmal drin war. Aber zu beginnen fiel schwer. Und den Grund für diesen Widerstreit vermute ich in eben diesen monotonen Wegstrecken einerseits…

…aber der ungemein komplexen und wundervoll geschriebenen Narrative sowie deren Inszenierung andererseits.

Erinnerungen x Widerstand

Wir sind Watcher. Unsere Funktion ist es, die Welt um uns herum zu beobachten. Eine unterirdische Welt, die von den Menschen der Vergangenheit kreiert wurde, um uns vor einer globalen Pandemie und einer Invasion durch eine fremde Alienrasse zu schützen.

Jene schützende Hand hält nun die Allmutter über uns. Unsere kleine Welt wird ausschließlich von ihren Klonen bevölkert. Als Watcher sind wir Teil einer kleinen Gruppe von Schwestern, die durch ihre Funktionen der Allmutter am nächsten stehen. Oder dies zumindest sollten. Denn als wir das erste Mal unsere Rolle als Watcher ausfüllen und eine spirituelle Verbindung mit ihr eingehen wollen, stellt sich unsere Welt auf den Kopf. 

Denn tief in den Ebenen vergangener Erinnerungen der Allmutter stellt sich uns plötzlich Fixer in den Weg. Fixer ist eine unserer Schwestern und erst kurz zuvor zur Allmutter zurückgekehrt. Und sie warnt uns nachdrücklich davor, den Worten der Allmutter Glauben zu schenken.  

Screenshot aus 1000xResist. Third-Person-Ansicht aus dem Spiel auf einer Brücke nahe eines NPC.
Jeder Dialog mit jeder Schwester zeichnet die Welt ein wenig detaillierter

Aber wir sind Watcher. Wir haben nichts anderes in unserem Leben gekannt als unsere Schwestern und den Wunsch verspürt, eines Tages den Zug zur Allmutter zu nehmen. Zurück in ihre schützenden Arme und zugleich bereit für den Kampf gegen die Aliens an der Erdoberfläche. Selbstverständlich nimmt dann dank Fixer unser Leben eine ungeahnte Wendung. 

Spoiler x Widerstand

Ich möchte in diesem Review weitestgehend spoilerfrei bleiben. 1000xResist lebt davon, dass einzelne Aspekte der Narrative unbekannter Natur bleiben und die Welt vor unseren Augen verschwimmt. Also widerstehe ich dem Drang, näher auf die wichtigsten Inhalte einzugehen.

Gleichzeitig ist 1000xResist ein ungemein komplexes Werk, mit diversen Ebenen, auf dem sich die Handlung abspielt und widerspiegelt. Da gibt es einerseits die Geschehnisse, die sich durch unsere Handlungen direkt abspielen. Fixers Auftauchen versetzt uns in eine Schieflage und lässt uns die Welt um uns herum komplett in Frage stellen. Je näher wir den düsteren Hintergründen kommen, desto verwirrter werden unsere Fragen.

Andererseits tauchen wir immer weiter in die Erinnerungen der Allmutter ab. Wir erleben, wie die Allmutter als Teenager Stress mit ihrer eigenen Familie hatte. Wir beobachten, wie der Beginn der Pandemie ihre Welt ebenfalls auf den Kopf stellt. Und gemeinsam mit Watcher fürchten wir uns davor, was die Wahrheiten, die sich uns präsentieren, mit uns und unseren Schwestern anstellen können.

Screenshot aus 1000xResist. Darstellung des NPC Bartender sowie Dialogoptionen
Einen Inside Sunrise bitte!

Wahrheit x Widerstand

Doch ist das wirklich die Wahrheit, die wir dort präsentiert bekommen? 1000xResist widersetzt sich gekonnt jeglicher einfacher Interpretation. Am Ende erhalten wir diverse Zeitebenen und Charakterperspektiven, die uns ein diffuses Gesamtbild der Lage geben sollen. Wundervoll fand ich dabei, wie der Titel mit seinen Themes umgeht.

Da wären beispielsweise die Themen unweigerlich wiederkehrender Veränderungen durch Widerstände, welche sich auf globaler, aber auch persönlicher Ebene widerspiegeln. Die realen Proteste in Hongkong 2019/2020 dienen beispielsweise als Aufhänger, um die Charaktere zu zeichnen und ihre eigenen Widerstände gegen Staatsgewalt und Familie darzustellen. Dies wiederholt sich dann auf nahezu jeder Zeitebene. Dabei schafft es die Narrative dennoch jederzeit, diese Wiederholung nicht gänzlich offensichtlich wirken zu lassen. Dies geht stellenweise soweit, dass Dialogzeilen, welche in einer Ebene eine Bedeutung hatten, in einer anderen Ebene plötzlich eine gänzlich andere Note erhalten. 

Ein großes Plus ist hier das gesamte Worldbuilding. Die Welt der Klonschwestern von Watcher präsentiert uns in kürzester Zeit die Eigenheiten von Kultur und Religion, aber auch Individuum und Beziehungen. Sprache, aber auch Gepflogenheiten (z.B. eine Bar, in der Drinks durch Infusionen ihren Weg in die ewig maskierten Frauen finden) zeigen sich so individuell, so einzigartig, wie ich sie fast nur aus Sci-Fi und Fantasy kenne.

Perfektion x Widerstand

Die Narrative ist aber nicht unfehlbar. Zuweilen zielen meiner Ansicht nach die Dialoge mit ihrem Feinschliff über das Ziel hinaus. Gerade in abstrakten Momenten kann es vorkommen, dass wir als Leser:innen den Faden verlieren. Zudem ließe sich vortrefflich über das Ende streiten. Ich persönlich mag die tiefen Einblicke in die unterschiedlichen Fraktionen der Welt, hätte mir aber dennoch mehr Klarheit in der abschließenden Botschaft gewünscht. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass es einige gibt, die dem Plotverlauf und das Geschehen “vor Ort” nichts abgewinnen können. Ich hingegen fand das Pacing in einigen der letzten Kapitel etwas unstet.

Doch es geht ja nicht (alleine) um das Streben nach Perfektion. Ganz im Gegenteil, manche Schwächen ließen sich auch als Mittel begreifen, um die Stärken weiter herauszufordern. Es kommt dabei eben auf die Perspektive an.

So endete meine Reise nicht in dieser einen Nacht der Ernüchterung. Als ich dem Spiel sein mangelhaft gestrecktes Gameplay und das mäandernde Finale vorwerfen wollte. Stattdessen führte sie mich die folgenden Tage weiter durch die Welt der Schwestern, zurück in meine eigenen und die Erinnerungen der Allmutter. 1000xResist reifte aufgrund seines exzellenten Writings zu einem richtig großen Highlight des Jahres für mich heran. Es widersetzte sich meinen ursprünglichen Gedanken und entwickelte sich auf ihrer Basis weiter, erschuf eine neue Perspektive, eine neue Welt. Eine Welt mit einer der besten Narrativen der letzten Jahre.

Unsere Welt auf Nintendo Switch 2 auf den Kopf gestellt. Ein herzlicher Dank geht an Sunset Visitor und Fellow Traveller für die Bereitstellung eines Mustercodes.