Der Farmalltag hat viel mit Zeitmanagement zu tun. Was erledige ich wann und wie sorge ich dafür, dass jeden Tag erledigt wird, was wirklich wichtig ist? Doch während ich anderswo Jahre auf meiner Farm verbringen kann, ist meine Zeit im Managementspiel Farming Camp des brasilianischen Entwicklers Innerfire Studios begrenzt.
Farmwettbewerb
Das titelgebende Farming Camp findet über den Zeitraum von vier Wochen statt. Dort erprobt eine Gruppe Jugendlicher das Farmleben mit Pflanzenanbau, Tierpflege und Fischfang, angeleitet durch ein äußerst kurioses Team aus Lehrkräften. Darunter auch die ehrgeizige Alessandra, die unbedingt den Campwettbewerb gewinnen möchte. Denn mit dem Titel des Evergreen-Farmers geht nicht nur die Auszeichnung des Könnens einher, sondern auch Geld. Und das braucht sie dringend.
Jede Woche im Farming Camp bringt eigene Aufgaben mit sich. Wie eine Jahreszeit im Miniformat, unterscheiden sich die anzupflanzenden Feldfrüchte. Fischfangplätze kommen hinzu und auch bei den Tieren gibt es Zuwachs, wenn auch in geringerem Maße.
Die Jugendlichen werden in drei Teams aufgeteilt. Durch erledigte Aufgaben im Camp steigt die Punktzahl für das Teamch täglich und mit zwei Hauptaufgaben zusätzlich am Wochenende.
Bei der einen Hauptaufgabe handelt es sich um Hausaufgaben. Zu Wochenbeginn erhalten alle eine Liste mit gewünschten Feldfrüchten, Fischen, Tierprodukten und Gesammeltem. Feldfrüchte sind dabei am planungsintensivsten, da sie bis zur Erntereife Zeit benötigen.
Die andere Hauptaufgabe dreht sich ums Kochen. Dafür gibt es eine Liste mit Zutaten, viel wichtiger ist allerdings das Kochen selbst. Das findet am Wochenende statt. So, wie jedes Team aus drei Jugendlichen besteht, besteht jedes Rezept aus drei zu kochenden Komponenten. Eine davon bereitet Alessandra zu, wobei ich frei wählen kann, was sie macht.
Darüber hinaus gibt es Nebenaufgaben, die wichtig klingen, aber Alessandras Eingreifen oftmals letztlich nicht benötigen. Dann möchte jemand Hilfe oder dass Alessandra etwas bestimmtes tut, und zur Belohnung gibt es beispielsweise neue Samentypen.
Nach der ersten Woche gibt es einen Zwischenfall, der weitreichende Auswirkungen hat. So wandelt sich auch der Campalltag, Charakterdynamiken entwickeln sich und Alessandras Charakter zeigt sich mit aller Deutlichkeit. Ich war richtig gespannt, wie sich alles noch weiterentwickeln würde.

An die Arbeit
Für die Feldfrüchte gibt es einen kleinen Gemüsegarten und der Anbau funktioniert ohne Werkzeuge. Das Inventar ist zudem nur dazu da, zu sehen, was in der Woche bereits gesammelt oder geerntet wurde. Mit der Schultertaste wechsle ich zwischen verschiedenen Samen durch, daneben interagiere ich lediglich mit dem Feld, um wahlweise anzupflanzen, zu gießen oder Insekten zu vernichten. Letzteres ist ein sehr seltenes Minispiel, bei dem ich aus dem Boden schauende Käfer zerquetsche.
Die Tierpflege in Farming Camp ist dafür ein wenig aufwendiger als in vielen klassischen Farmspielen. Ich fülle Futter nach, wo Tröge leer sind, aber zusätzlich auch Wasser. Eier und Honig sammle ich vom Boden auf, was auch geht, ohne mich darüber hinaus um die Tiere zu kümmern. Fell und Milch erhalte ich nur während der Pflege.
Der Fischfang geht einen noch stärker eigenen Weg. Die Jugendlichen angeln nicht, sondern dürfen ein Boot benutzen. Damit fahre ich den Fluss entlang, weiche Hindernissen aus und sammle Fische ein. Abhängig vom ausgewählten Ort, verändert sich auch die Schwierigkeit und ich muss dichter platzierten Hindernissen ausweichen. Zudem muss ich den Tank befüllen, und falls das Boot keinen Schaden nimmt, endet das Fischfangminispiel mit einem leeren Tank.
Bei der Wartung repariere ich per Knopfdruck kaputte Zäune, räume Bücher ordentlich ins Regal und fege den Boden.
Den Fischfang vielleicht ausgenommen, ist das alles sehr stressfrei.

Zeitmanagement
An jedem Wochentag habe ich zwei Zeitslots, die ich mit Pflanzenanbau, Tierpflege oder Fischfang verbringen kann. Aktivitäten wie Standardgespräche, Sammeln, Holzhacken oder die Wartung des Camps lassen keine Zeit vergehen. Spezielle Szenen warnen davor, dass sie ebenfalls einen Zeitslot benötigen. In diesen Szenen lerne ich mehr über die anderen und das Camp und verbessere die Fähigkeiten von Alessandra oder ihren beiden Teammitgliedern. Diese Ereignisse finden zu bestimmten Zeiten statt und häufig stehen mehrere zur Wahl, wodurch ich nicht alles in einem Durchgang erledigen kann.
Da zwei Slots zu wenig sind, um alles zu erledigen, teile ich Alessandras Teammitglieder zum Arbeiten ein. Jeder von ihnen erledigt während eines Slots eine Aufgabe (bei ihnen belegt die Wartung einen Zeitslot). Für den zweiten Slot ist diese Aufgabe nicht mehr verfügbar und ein Teammitglied möchte auch nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen dieselbe Aufgabe erledigen.
Später hinzukommende Aufgaben sorgen dafür, dass ich mit meiner Zeitplanung flexibel bleiben muss, um alles zu schaffen. Allerdings ist ihre Erfüllung meist nicht notwendig.
So weit funktioniert das Konzept von Farming Camp. Ich erledige möglichst viele Aufgaben möglichst gut, um Punkte zu sammeln und am Ende hoffentlich der Evertree-Farmer zu werden. Allerdings konnte ich eine wichtige Aufgabe in meinem ersten Durchgang nicht rechtzeitig erledigen. Ich war ein wenig skeptisch, weil mein Scheitern keinen Einfluss zu haben schien. Im zweiten Anlauf habe ich die Aufgabe erledigt, bei meinem dritten Durchgang habe ich möglichst wenig Punkte gesammelt. Davon abgesehen, dass jemand erkannt hat, wenn Alessandras Team auf dem dritten Platz war, hat nichts einen Unterschied gemacht.
Ich kann verstehen, Spielende nicht dafür bestrafen zu wollen, dass sie suboptimal spielen. Allerdings ist Farming Camp so einfach, dass ich aktiv darauf hinarbeiten muss, auf dem letzten Platz zu landen. Aber wenn letztlich kaum etwas Konsequenzen hat, wozu strenge ich mich dann überhaupt an?

Gefangen im Wald
Schon am ersten Spieltag hatte ich mit dem ersten technischen Problem zu kämpfen. Alessandra kann sich auf Stühle und Bänke setzen, doch wenn sie wieder aufsteht, rutscht sie ein Stück nach vorn. Einmal sogar so weit, dass sie durch eine Wand hindurch zwischen den Bäumen gelandet ist. Dort konnte sie zwar herumlaufen, aber verlassen konnte sie den Wald nicht mehr. Ich musste zwar den gesamten Tag wiederholen, üblicherweise speichert Farming Camp jedoch mit jedem Wechsel der Tageszeit automatisch.
Viele Interaktionsmarkierungen sind nicht mit einer tatsächlichen Interaktion verknüpft. Bei anderen ist die Stelle, an der Alessandra für eine erfolgreiche Interaktion stehen muss, sehr präzise und nur mit Mühe zu finden.
An einem späteren Tag verschwanden auf einmal alle meine angebauten Feldfrüchte. Leider war die Woche schon so weit vorangeschritten, dass mein Team die Wochenaufgaben nicht mehr erfolgreich abschließen konnte.
Außerdem gibt es Aufgaben, die nicht im Menü auftauchen. Entsprechend habe ich keinerlei Möglichkeit, nachzuvollziehen, welche Objekte ich dafür benötige. Manchmal taucht auch der vierte Samentyp als Belohnung erst mit Verspätung auf.
Zudem ist die Framerate auf dem Boot in der vierten Region äußerst unangenehm.

Fazit
Die Stärke von Farming Camp liegt in der Erzählung rund um Alessandra, die unbedingt den Campwettbewerb gewinnen will. Im sich weiterentwickelnden Campalltag. Die Farmarbeit selbst ist weitgehend entspannt und das Zeitmanagement trotz vieler Optimierungsmöglichkeiten niedrigschwellig. Den Spielspaß trüben allerdings vereinzelte Bugs und die Konsequenzlosigkeit der erbrachten Leistung.

Herzlichen Dank an SOEDESCO für die Bereitstellung des Testmusters. Zeit gemanagt auf Nintendo Switch 2 via Abwärtskompatibilität.