The Alighieri Circle: Dante’s Bloodline (Review)

Artwork und Logo zu The Alighieri Circle: Dante's Bloodline

In meiner Schulzeit habe ich viele Klassiker der Literatur gelesen, die nicht so im Lehrplan standen. Ich war halt eine Leseratte, wie sie im Buch steht. Oder vielmehr daran sitzt und liest, selbstverständlich. Dank des Spieles Dante’s Inferno habe ich mir auch ein wenig die Divinia Commedia von Dante Alighieri gegönnt. War mal etwas anderes! Nach einigen Kapiteln habe ich dann lieber eine analysierende Zusammenfassung gelesen und gemeinsam mit Dante im Videospiel Kleopatra und Minos geschnetzelt. Jetzt kehre ich 16 Jahre später mit The Alighieri Circle: Dante’s Bloodline wieder in die Hölle zurück. Mit weniger Schnetzeln, ohne Dante, aber dafür mit einem Trauma, welches nur das jugendliche Studium der Divinia Commedia hinterlassen kann.

Familientraumata

Denn ein solches musste Gabriele Alighieri, letzter Nachfahre des berühmten Dichters, in seiner Kindheit über sich ergehen lassen. Denn die Familie plagt ein düsteres Vermächtnis. Als Dante einst das Werk schrieb – waren seine Berichte ausschweifend [kann ich persönlich bestätigen!], aber auch wahr [das kann ich nicht bestätigen]. Und seitdem ist die Familie in einem ewig währenden Kreislauf aus Ritualen gefangen. Alle 33 Jahre muss ein Mitglied der Familie die Reise in die Unterwelt auf sich nehmen, um die Tore zur Hölle erneut zu versiegeln. Und jetzt ist nun einmal Gabriele an der Reihe.

Gemeinsam erleben wir eine Reise in die Abgründe seiner Psyche, aber auch tief hinein in ein familiäres Trauma, welches sich durch die Generationen zieht. Denn jeder Alighieri musste etwas opfern, um den Herausforderungen des Inferno trotzen zu können. So war beispielsweise Gabrieles Mutter nach ihrer Reise nicht mehr dieselbe. Scheidung und Einsamkeit waren genauso die Folge wie die Vernachlässigung ihres Sohnes und der Drill, dass dieser es 33 Jahre später einfacher haben könnte.

Screenshot zu The Alighieri Circle: Dante's Bloodline
Das war wohl eine Bruchlandung!

Doch was wie eine harte Auseinandersetzung mit psychologischen Abgründen klingt, entpuppt sich im Verlauf von The Alighieri Circle schnell als laues Gemauschel. Gabrieles Reise in die Hölle beginnt verhalten. Nicht nur gaben mir seine Dialoge in der Villa der Alighieris den Eindruck, als würde er sich der Tragweite seines Unterfangens kaum bewusst sein. Und wenn wir dann das Portal durchschreiten, landen wir in einer chaotischen, aber zugleich auch sehr leeren und monotonen Welt. Den Schrecken der Unterwelt, wie ich ihn mir ausmalen würde oder Dante ihn beschrieb, suchte ich vergeblich. Wenn überhaupt, wurde dieser angedeutet.

Die Rückkehr der Klischees Volume x-tausend

Unser Ziel ist es eigentlich, drei Seiten eines Buches zu finden und das darauf abgebildete Ritual auszuführen. Jeder Besuch führt Gabriele dabei noch tiefer in das Inferno. Doch je weiter wir uns in die tiefsten Tiefen vorwagen, desto mehr wird klar, dass das zugrunde liegende Familiendrama nur an der Oberfläche kratzt. Stattdessen verlieren wir uns in vorhersehbaren narrativen Klischees. 

So ist beispielsweise der Konflikt, der sich zwischen Gabriele und dem Hüter, einer körperlosen Stimme, die Gabriele bei ihrer Reise begleitet, entwickelt, extrem vorhersehbar. Und dies nimmt in meinen Augen viel an der Spannung raus, welche das Setting uns auf dem Silbertablett präsentiert. Ich mein, stellt euch doch nur vor: Ihr seid in die Hölle hinabgestiegen. Ihr seid Charon begegnet, euer Leben und das eurer Familie steht auf dem Spiel. Welche Anspannung müsstet ihr da haben? Und Gabriele? »Warum hast du mir nicht alles verraten?«

Doch solche Soap-Momente gibt es zum Glück nicht allzu oft. Leider auch das Gegenstück, echte Highlights kaum. Ich mochte beispielsweise die Idee, welches Opfer der Hüter auf seiner eigenen Reise einst bringen musste, um die Tore zur Hölle verschließen zu können. Dies war eine nette Anekdote über die Zeit und die Grenzen, denen die Menschen durch die Gesellschaft auferlegt worden sind. Und auch das Ende hat ein paar nette Ansätze, die zum philosophieren und interpretieren einladen. 

Leider verbargen sich diese einzelnen Glanzstücke in einer blassen Suppe an Stereotypen und oberflächlicher Darstellung psychologischer Momente. Wäre The Alighieri Circle hier noch ein wenig mehr in die Richtung gegangen, den Schrecken der Hölle als Leinwand zu nutzen, dann wäre das Spiel zwar weitaus schauerlicher (und ich Angsthase bin kein Horror-Fan), aber auch konsequenter. Und Konsequenz bevorzuge ich.

Eine Hölle für Rätselfreunde?

Eine solche vermisse ich auch beim Gameplay, auch wenn es hier in meinen Augen weitaus gnädiger zugeht als bei der Narrative. The Alighieri Circle ist ein Ego-Adventure, in dem wir lineare Pfade ablaufen, um einerseits die Handlung voranzutreiben, aber auch die Level und Atmosphäre aufzunehmen. Ganz selten gibt es dann Prüfungen, die Gabriele erfüllen muss, um voranzukommen.

Screenshot zu The Alighieri Circle: Dante's Bloodline
Wie können wir nur dieses Portal öffnen?

Drei große Herausforderungen für drei Seiten des Rituals gilt es zu bewältigen. Ihre spielerische Qualität war in meinen Augen für ein Spiel dieses Genres auf alle Fälle beachtlich. Ein Puzzle verband Erkundung und Narrative mit einem anschließenden kombinatorischen Schieberätsel. Ein anderes setzte auf visuelle und akustische Codes in einer eindrucksvollen Umgebung. The Alighieri Circle schaffte es in seinen Prüfungen tatsächlich, mit dem Leveldesign spielerische und atmosphärische Elemente zu verknüpfen.

Die spielerischen Elemente haben dadurch einige nette Ideen. Zwar kratzt auch hier The Alighieri Circle nur an der Oberfläche seiner Möglichkeiten, doch weil Puzzle nicht den Fokus des Spiels darstellen, kann ich hier persönlich die Abstriche machen. Im übergreifenden Genre-Vergleich ist somit Gabrieles Reise näher an Observer oder Nobody Wants to Die, als an Portrait of a Torn oder Hypnos.

Warum die Göttliche Komödie?

Doch mir stellte sich nach Abschluss von The Alighieri Circle nur eine Frage: Warum die Göttliche Komödie als Rahmenhandlung? Dante Alighieri erschuf ein ungemein komplexes Werk, welches Literaturwissenschaftler bis heute beschäftigt. Von dieser Komplexität ist in The Alighieri Circle nichts zu spüren. Vielmehr ist das sagenumwobene Gedicht Aufhänger, um die eigentliche Geschichte von Gabriele, seinem Kontrollverlust und den damit einhergehenden Auswirkungen lose zu erklären. 

Und selbstverständlich: Die Prämisse war es, die mich angesprochen und mein Interesse geweckt hat. Die Familie Alighieri in einem ewigen Fluch, verdammt dazu die Hölle wie einst Dante zu verschließen. Wie viele tolle Möglichkeiten bietet einem das Bitteschön? Aber egal ob es um Inhalte geht, die referenziert und thematisch besprochen werden könnten, oder einfache Dinge wie Struktur. 

Warum nicht unsere drei Reisen in drei unterschiedliche Ebenen an die drei Jenseitsbereiche Inferno, Purgatorio oder Paradiso knüpfen? Vielleicht auch visuell stärker voneinander abgrenzen als durch…unterschiedlich gefärbtes Blut. Oder die Herausforderungen angepasst an den Contrapasso: Hier wurden im Originalgedicht die Strafen als Spiegelbild der bestraften Sünde gestaltet. Warum fehlt den Prüfungen jegliche Verbindung zum Character Arc von Gabriele? 

Sinn und Zweck sind eindeutig zweierlei: Interesse wecken durch Assoziation und lose Rahmenhandlung. Und beides schafft The Alighieri Circle mit der Vorlage des literarischen Meisterwerks. Doch wer sich mehr “Divinia Commedia” erhofft (wie ich), der wird bitter enttäuscht werden. Gabrieles Reise ins Inferno ist ein solides, aber oberflächlich erzähltes Werk mit Klischees und einer abstrakten, aber auf Dauer zu monotonen Spielwelt. Wenigstens sind die wenigen Prüfungen, denen wir uns stellen müssen, spielerisch ganz unterhaltsam und passen gut in die Atmosphäre des Spiels rein. Allein, es fehlen markante Höhepunkte oder mehr Mut bei der Erkundung vorhandener Elemente, um aus der Masse herauszustechen.

Auf PC meine wahnsinnige Familientradition erfüllt. Ein herzlicher Dank geht an One-O-One Games und Entanto Publishing für die Bereitstellung eines Mustercodes.


Und wer noch nicht genug bekommen konnte von göttlicher Komödie, dem sei ein Blick in die öffentlich zugängliche Übersetzung des Werkes empfohlen: https://projekt-gutenberg.org/authors/dante-alighieri/books/goettliche-komoedie/