Death at Fleming Manor (Review)

Death at Fleming Manor Artwork

Ja, Videospiele sind schon ein wahrlich vielfältiges Medium, das Möglichkeiten bietet, die sonst schwer greifbar wären. Nach Dutzenden Ausflügen in die absurdesten Deduktionsabenteuer verschiebt Death at Fleming Manor die Perspektive und lässt mich Mordfälle aus einer ganz anderen Sicht erleben. Aus der des Leichenbeschauers.

Das letzte Recht des Verstorbenen

Auf dem Papier klingt es sehr einfach, was ich für diesen Job mitbringen muss. Nur ein Formular muss ausgefüllt werden, simpel und trocken. Name, Alter, Todeszeitpunkt, das Übliche eben. Allerdings finden sich diese Informationen nicht von alleine und die eigene Spürnase muss ordentlich mithelfen.

Der allererste Fall bringt mich an einen Unfallort. Eine junge Frau ist mit ihrem Automobil mit einem Fahrradfahrer kollidiert. Er überlebt schwer verletzt, spürt aber seine Gliedmaßen nicht mehr. Sie stirbt direkt am Unfallort. Kaum eingetroffen, mache ich mir ein klares Bild von der Szenerie. Jeder Stein wird umgedreht – zumindest wenn das Spiel es erlaubt. Denn sämtliche Interaktionspunkte werden durch ein kleines, leuchtendes Symbol erkennbar gemacht. Einmal angeklickt, öffnen sich Handtaschen, Dokumente oder einfach eine Nahaufnahme der Umgebung. Informationen finden sich eben an jeder Ecke. Die Informationen verknüpfen und eigene Schlüsse daraus ziehen muss ich allerdings selbst.

Screenshot von Death at Fleming Manor - ein Unfallort aus Kapitel 1
Für die junge Frau ist es wohl nicht so gut ausgegangen…

Manche Gegenstände – Ausweisdokumente und persönliche Korrespondenz bieten sich hier besonders an – haben aber noch mehr für mich in petto. Wichtige Begrifflichkeiten und Namen sind besonders hervorgehoben und landen durch einen kurzen Mausklick in meiner Wortkartei. Die brauche ich später ganz dringend, um den geforderten Bericht zu schreiben. Immer dabei und immer wichtig: ein großer Schmöker über medizinische Grundlagen. Hier ziehe ich weitere Begriffe heraus, die mir zur rechten Zeit helfen werden. Schließlich schreibe ich ja nicht einfach irgendwelche Stichwörter auf Bierdeckel, sondern einen hochoffiziellen und medizinisch relevanten Abschlussbericht!

Der Papierkram kann nicht warten

Genau den fange ich doch gleich an. Ja, Identitäten aller Beteiligten sind schnell geklärt, und den genauen Ort bestimme ich anhand des Kartenmaterials. An ein paar Stellen wirkt die Ermittlung unnötig aufgebläht. Wieso muss ich den Unfallort überhaupt herausfinden, wenn ich doch direkt vor Ort bin? Sollte es keinen Bericht darüber geben, wann genau eine Leiche gefunden wurde? Naja, füllen wir einfach trotzdem mal die Felder aus. Dann irritieren mich ein paar Blutspuren im Auto. Gerade noch mitten in der unscheinbaren Schreibarbeit, hinterfrage ich plötzlich sämtliche bisherigen Ergebnisse. Ist das wirklich so geschehen, wie es zunächst wirkt? Dadurch wird aus dem Papierkram echte Ermittlungsarbeit.

Lieber also noch einmal genauer nachgeforscht. Zum Glück bin ich aber auch nicht alleine! Wann immer mir Dinge seltsam vorkommen oder einfach noch Fragen offen bleiben, kann ich der Gerichtsmedizin einen kurzen Besuch abstatten. Der verantwortliche Gerichtsmediziner hat nicht nur ein sehr gutes Händchen zum Sezieren, sondern bietet auch jede Menge zusätzliches Fachwissen. Da allerdings die Geschehnisse in den 50er-Jahren spielen, sind die forensischen Möglichkeiten vergleichsweise begrenzt, aber umfassend genug für jede Menge neuer Erkenntnisse. Mit neuen Blutproben bewaffnet geht es also weiter ins Labor. Hier gebe ich die einzelnen Proben auf die Teststreifen und gleiche die Blutgruppen mit dem schlauen Buch ab. AHA! Ein weiteres kurzes Formular hilft bei der Überprüfung – aber die Blutgruppen passen nicht zu dem, was uns der Tatort glauben lässt. Hier wurde doch eindeutig manipuliert! Dann ist mein bisheriger Bericht wohl hinfällig, ich muss noch mal ein bisschen was überarbeiten.

Screenshot von Death at Fleming Manor - eine Seite des Totenscheins.
Was war nochmal der Unterschied zwischen Tetraplegia und Paraplegia?

Immer wieder ist mein Wälzer mein wichtigstes Hilfsmittel. Der verletzte Fahrradfahrer beklagt, dass er seine Gliedmaßen nicht mehr spürt – aber was bedeutet das denn konkret? Was genau kann ich daraus ableiten? Das Buch beschreibt verschiedene Arten von Lähmungen und erklärt, durch welche Art von Verletzung sie entstehen. Das Buch erscheint mir dabei auch inhaltlich korrekt, ohne dass ich als Laie Details verifizieren kann. Wer schon immer verschiedenste Arten von Asphyxia kennenlernen und unterscheiden wollte, der wird hier direkt fündig! Die tatsächliche Schlussfolgerung aber obliegt natürlich wieder mir.

Alle Hände voll zu tun

Spielerisch ist Death at Fleming Manor sehr simpel und schnörkellos gehalten, sehr ähnlich wie das offensichtliche Vorbild The Case of the Golden Idol. Von der Wort-Sammelei bis hin zum Ausfüllen von Lückentexten sieht man deutlich, woher die Inspiration kommt. Ganz im Gegensatz zum goldenen Idol ist mein Job als Coroner deutlich geführter und auch abwechslungsreicher.

Mit jedem kleinen Dokument, das ich korrekt ausgefüllt habe, ändert sich die Ausgangslage ein wenig. Mal kann ich neue Orte besuchen, mal hat mein Freund und Helfer der Gerichtsmediziner neue Informationen für mich bereit. Und mal kann ich selbst Hand anlegen und forensische Untersuchungen durchführen, um meine eigenen Thesen zu bestätigen und Unklarheiten zu beseitigen. Auch ist die Fülle an Lücken in meinem Bericht überschaubar. Ich muss keine kompletten Satzkonstruktionen mit korrekter Grammatik entwerfen, sondern gezielt Ermittlungsergebnisse einarbeiten. Dadurch geht der Fokus von Anfang an auf das, was passiert ist und verliert sich nicht in sprachlichen Hürden.

All dies bricht das enge Korsett auf, welches auch schon Sascha in seiner Review zum goldenen Idol kritisiert hatte – ich kann nicht mehr bei der Ermittlungsarbeit sämtliche Informationen zusammensammeln und anschließend am Stück zusammenbauen was eigentlich geschehen ist, da erst später alle notwendigen Indizien auf dem Tisch liegen. Stattdessen wird der bekannte Ablauf durchbrochen und aufgelockert. Auch wenn ich nun also bedeutend stärker durch einen Fall geführt werde, bedeutet das nicht, dass ich einfach mein Gehirn in der Polizeiwache abgeben kann. Denn auch wenn das Spielprinzip simpel sein mag – es ist weit davon entfernt, anspruchslos zu sein.

Auf dem Holzweg

Dazwischen warten auch ein paar eigenständige Rätsel auf mich, ich muss beispielsweise eine Medikamententasche wieder neu einsortieren, die durcheinander geworfen wurde. Wer auch immer auf die Idee kam, nur die Plätze in der Tasche, nicht aber die Flaschen selbst zu labeln. Naja. Mein einziger Anhaltspunkt ist auch hier wieder mein schlaues Buch, das mir genauestens erklärt, in welcher Form so manches Medikament vorliegt, ob es lichtgeschützt gelagert werden muss oder ob in der Regel nur Einzeldosen abgepackt sind. Auch wenn die Informationen alle klar verfügbar sind, hat mich genau diese Stelle fast zur Verzweiflung gebracht. Dabei hätte ich doch nur besser lesen müssen!

Manchmal steht man aber doch einfach auf dem Schlauch, zumindest gehe ich davon aus, dass das nicht nur ein Me-Problem ist. Hier hilft auch ein umfassendes Hilfesystem, das mir mehrfach auf die Sprünge geholfen hat. So kann ich mir jederzeit auf manche vordefinierten Fragen einen Hinweis anzeigen lassen, anschließend einen zweiten, der noch näher auf die Antwort verweist – und schließlich direkt die Lösung. Beim Einreichen des Berichts wird auch direkt angezeigt, wie viele Fehler die eigenen Schlussfolgerungen haben. Nach dem dritten fehlerhaften Bericht kann ich mir sogar direkt die Lücken anzeigen lassen, bei denen ich noch nachbessern muss. Konsequenzen für schlechte Arbeit gibt es keine, außer dass ich erst zum nächsten Kapitel komme, wenn alles einwandfrei ist. Klar ist das eine bewusste Designentscheidung, hier sehe ich dennoch noch Potential nach oben, allein schon um Trial and Error als Lösungsweg einzudämmen.

Menschliche Abgründe

Knapp zehn Stunden war ich als Coroner unterwegs. Zehn Stunden, die mich durchweg sehr gut unterhalten haben. Zu Beginn wirken die einzelnen Fälle nur sehr lose zusammenhängend – wenn überhaupt. Nach und nach zeigen sich aber die tatsächlichen Brücken dazwischen. Mich persönlich haben dabei die einzelnen Fälle allerdings weitaus mehr interessiert als die umspannende Handlung – wobei diese gegen Ende die Zügel in die Hand genommen hat und bedeutend interessanter wurde. Die Rahmenhandlung wirkt stringent und ist gut durchdacht und bereits in frühen Abschnitten werden die ersten Hinweise gesät, die aufmerksamen Spielern zeigen, wo die Reise hingeht.

Screenshot #4
Beeilung, die Soldaten halten nicht mehr lange durch!

Mein persönliches Highlight war ein recht frühes Kapitel, bei dem ich in die Vergangenheit transportiert wurde und mich mitten in einem Lazarett wiederfand. Mehrere Soldaten wurden verletzt – die medizinischen Kapazitäten der Einheit waren allerdings stark begrenzt. Ich eile also von Patient zu Patient und mache mir einen Eindruck von ihrem Zustand. Wer kann warten, wer muss sofort behandelt werden und für wen ist es sogar schon zu spät? Die Triage fühlt sich stressig an, auch wenn es tatsächlich keinen Zeitdruck und keine Bestrafung gibt. Dennoch spüre ich den Handlungsdruck auf mir lasten, den Schmerz der Soldaten und versuche schnellstmöglich Informationen über ihre Identität zu sammeln und dann aus dem Truppenregister den korrekten Schluss zu ziehen.

Gerade hier trübt allerdings das Interface die Spielerfahrung. Ich kann nicht zu einem früheren Verletzten zurück, ohne dass ich erst alle weiteren durchklicken muss. Besonders, weil auch Zeugenaussagen bei der Identifikation helfen können, wirkt das hier unnötig sperrig. Und bricht zugleich die Immersion – es sollte doch jede Sekunde zählen! Aber zugegeben – das Interface ist auch nicht die größte Stärke von Death at Fleming Manor. Einzelne Formularfelder lassen sich nicht einfach so löschen, nur alles oder nichts. Dadurch hab ich manchmal Platzhalter mit offensichtlich falschen Werten, die mir erst bei der Abgabe wieder eingefallen sind.

Fazit genehmigt

Die Spielidee hat mich ursprünglich zum Spiel getrieben, aber die Qualität hat dafür gesorgt, dass ich Death at Fleming Manor regelrecht verschlungen habe! Der Titel schnappt sich die grundlegende Golden Idol-Formel und schafft es, diese an den richtigen Stellen zu überarbeiten. Somit werden deren Schwächen ausgeglichen und ein stringenteres Rätseln ohne Herumstochern im Dunkeln ermöglicht. Nur die angesprochenen Interface-Dinge trüben das Gesamtergebnis ein wenig. Meine Tage als Leichenbeschauer mögen gezählt sein, die klare Empfehlung für alle Deduktionsfreunde verewige ich jetzt und hier.

Auf einem Windows-Laptop via Steam jedes einzelne Einschussloch unter die Lupe genommen. Ein herzlicher Dank geht an SUPERTHUMb für die Bereitstellung des Testmusters.