Spätestens seit Death Stranding sollte sich in der Spielerschaft eigentlich herumgesprochen haben, dass Pakete ausliefern ganz schön spannend sein kann. In Tom The Postgirl schlüpfe ich in die rote Arbeitsuniform inkl. Schleife von Postmädchen Tom und muss eine ganze Menge Frachtgut zustellen. Während allerdings in der Haut von Sam Porter Bridges der Weg das Besondere war, dreht sich für Tom alles um die Empfänger. Ausgestattet mit einem vollen Rucksack und einer gewaltigen Prise Neugier mache ich mich also auf, die Geheimnisse sämtlicher Bewohner aufzudecken.
Grenzüberschreitung per Einschreiben
Ich habe ein sehr seltsames Spiel erwartet. Bekommen habe ich noch mal Seltsameres. Meine Aufgabe ist es eigentlich nur, ein paar Pakete zuzustellen – klingt ja gar nicht mal so schwer. Ist es auch nicht. Wenn ich mich voll und ganz auf die Aufgabe fokussiere und alles drumherum ignoriere, dann habe ich schon nach etwa einer halben Stunde Feierabend. Aber wo bleibt denn dann der Spaß?
Als Postbotin hat Tom natürlich ganz einzigartige Privilegien: Sie kommt ganz selbstverständlich auf die Grundstücke aller Dorfbewohner und kann sich da auch in Ruhe umsehen. So gelange ich gemeinsam mit Tom sehr schnell an einen Zwinger. Ein kurzer Blick durchs Fenster zeigt allerdings, dass ich nach Hunden lange suchen muss. Statt den Vierbeinern toben Kinder im Haus herum, selbstverständlich ebenso auf allen Vieren. Bellend wie Hunde und angeleint. Nach meiner Lieferung werfe ich noch einmal einen Blick durchs Fenster: Etwas Ruhe ist eingekehrt, jetzt futtert die ganze Bande das frisch gelieferte Futter aus ihren Näpfen. Okay. Soll ich jetzt irritiert sein? Schockiert? Abholen kann mich diese Szenerie zumindest nicht. Da fand ich den Fischer, der in seiner Freizeit sein Meermannkostüm näht, schon bedeutend niedlicher und charmanter.

Die Szenerien, in die ich hineinschnuppere, werden auch immer bizarrer und absurder. Dabei merke ich aber schnell, dass mich die kleinen Skurrilitäten weitaus mehr abholen als die größeren Szenerien, die auch ein bisschen schockieren und Tabus brechen wollen. Angeekelt war ich nie. Dennoch hab ich für gut die Hälfte der Entdeckungen allerhöchstens ein Schulterzucken übrig. Humor ist hochgradig subjektiv, also ist das ein Punkt, der schwer zu greifen ist. Aber bei einem Spiel, das sich sehr stark über diesen Humor definiert, spielt das natürlich schon eine sehr große Rolle. Bei mir wollte es jedenfalls über weite Teile nicht funktionieren, dennoch habe ich mir jegliche Szene von Beginn bis zum Ende angesehen. Schade, dass da so wenig für mich dabei war, denn normalerweise schätze ich trockenen, bissigen und gern auch bitterbösen Humor sehr.
Ich weiß, wo du wohnst…
Als Spiel offenbart sich Tom The Postgirl sehr zurückhaltend. Es bleibt beim Ablaufen von Interaktionspunkten, an einigen Stellen kann auch zusätzlich Schindluder getrieben werden. Mit der gefundenen Heckenschere lassen sich Büsche und Bäume deutlich stilvoller zuschneiden als zuvor und Gartenzwerge kicken wir einfach direkt aus dem Weg. Gartenzwerge! Wer hat sowas denn überhaupt noch im Garten stehen!? Dabei bleibt das Spiel stets auch sehr selbsterklärend, so dass ich gar nicht groß überlegen musste. Es war einfach immer direkt klar, was zu tun ist. Natürlich wird das auch durch den gelungenen Artstyle unterstützt, der meine Aufmerksamkeit klar lenkt. Die monochrome Farbgestaltung und das herausstechende Rot tun da ihr Übriges.

Anfangs sagte ich noch, dass eine zügige Schicht in etwa einer halben Stunde schon wieder vorbei sein kann. Aber auch wenn man wirklich jeden Stein umdreht, hinter jede Ecke linst und über jedes einzelne Blümchen trampelt, dann wird man nicht länger als zwei bis zweieinhalb Stunden beschäftigt sein. Am Ende erfolgt eine große Auswertung der Spielweise, die auch noch einmal motivieren kann, das gesamte Abenteuer noch einmal von vorne zu beginnen. Die zweite Runde war bei mir dann sehr geradlinig wie eingangs beschrieben, aber tatsächlich ändert sich am Verlauf nur sehr wenig. Ein paar wenige Szenen kann man nur beobachten, wenn man ein Paket auch abgibt (oder eben nicht), und es gibt auch weitere Enden zu entdecken. Dennoch fühlt sich der Wiederspielwert überschaubar an, da der Löwenanteil des Spiels doch identisch bleibt.
Teilzeitvoyeuristen gesucht
Tatsächlich ist Tom The Postgirl eines von den Spielen, bei denen mir eine Empfehlung an sich sehr schwer fällt. Das Spiel bietet wenig Interaktion und setzt seinen Fokus stattdessen voll und ganz auf die verrückten Ideen, schrulligen Nebengeschichten und den Humor. Genau diese Punkte, an denen sich ohnehin die Geister scheiden. Ich verstehe jeden, der sich an den bizarren Momenten erfreuen kann und begeistert zum nächsten Fenster jagt, um die nächste Kuriosität zu entdecken. Bei mir konnte der Humor allerdings selten zünden und es reichte höchstens zu dem ein oder anderen müden Lächeln.

Auf einem Windows-Laptop durch jede Ritze gelurt. Ein herzlicher Dank geht an Oopsie Daisies und ARTE France für die Bereitstellung des Testmusters.