Beyond Words (Review)

Artwork zu Beyond Words

Ich suche ein Wort. Es muss fünf Buchstaben haben, denn nur dafür bekomme ich einen Multiplikator. Am besten nehme ich mindestens mein E, schließlich bringt dies Bonuspunkte für die Endabrechnung. Oh, und wo will ich die überhaupt hinlegen? Da ist an “Fever” noch ein hübsches Plätzchen am R frei. Hmm, Y, A, U, T, E und ein Fragezeichen. Zwar keine Punkte, aber freie Wahl. Das muss gut überlegt sein! Zumindest, wenn man in Beyond Words eine gute Performance abliefern will.

Große Mathematik

Prinzipiell mag ich diese Art der Spiele sehr. Als Kind habe ich sehr gerne Bookworm gespielt, in denen wir Wörter auffressen mussten, sonst wird die gesamte Bibliothek brennen (oder so ähnlich). Letterquest Remastered war eine sehr coole RPG-lite Variante und zum Jahreswechsel habe ich mich in Word Play verloren. Und ihr musstet bereits meinen Sermon über Tomb of the Bloodletter erdulden. Nun gesellte sich letzte Woche Beyond Words dazu und…yeah, das Lösungswort meines obig erdachten Beispiels trifft es wahrscheinlich am besten.

In Beyond Words geht es darum, auf einem variablen Spielfeld Wörter auszulegen und entsprechende Punkte zu sammeln. Legt ihr beispielsweise ein Wort wie “So”, gibt es in der Basis 2 mal 2 Punkte. Bei einem Wort wie “Fever” 5 mal 5. Diese Grundwerte lassen sich selbstverständlich manipulieren, alleine die Punkte auf unseren Buchstaben-Steinen werden zum ersten Wert addiert. Wenn wir also das letzte Beispiel weiterspinnen, kriegen wir noch einmal 4 für das F, 1 für jedes E, 8 für das V und das R ist mir spontan entfallen, nehmen wir mal 2. Ohne irgendwelche Boni gäbe das Wort also 21 mal 5, also 105 Punkte.

Wer jetzt noch dabei ist und nicht schreiend vor der Mathematik der letzten Sätze davongelaufen ist, der weiß sicherlich, dass dies noch bei weitem nicht alles ist. Beyond Words hat selbstverständlich diverse Faktoren, die unsere Punktewertungen in die Höhe schnellen lassen.

Reibungslos abgekupfert

Während dem Spielen von Beyond Words ist es sehr offensichtlich, welches Spiel sich die Entwickler als Vorbild genommen haben. Doch Balatro ist nicht bloß Inspirationsquelle, sondern an einigen Stellen schamlos kopiert, an anderen Stellen sinnvoll weiterentwickelt. Dies fängt bei der groben Struktur einer Runde an: Wir dürfen eine gewisse Anzahl an Wörtern legen und haben eine feste Anzahl an Steinen aus unserer Hand, die wir austauschen dürfen. Nur wenn wir eine Zielvorgabe erfüllen können, haben wir die Runde dementsprechend abgeschlossen.

Dazu gesellen sich Power-Karten, die wir zwischen den Runden im Shop kaufen können. Je besser wir performen, desto mehr Geld gewinnen wir, und desto erfolgreicher ist unser Shoppingausflug. Power-Karten geben uns diverse Bonuseffekte, beispielsweise addierte Bonuswerte oder Multiplikatoren. Wenn man wie ich Balatro gespielt hat, dürfte das meiste hier sehr bekannt vorkommen und grundsätzlich das Gespür für die strategische Verteilung der Powerkarten vorhanden sein. Gleichzeitig wurden einige Karten 1:1 den Jokern aus Balatro entnommen. Ja toll, hier gibt es selbstzerstörerische Multiplikatoren via Ei statt Banane. Sehr kreativ.

Genauso unkreativ sind auch Booster Packs übernommen, in denen Power-Karten oder Upgrades vorhanden sein können, welche die Basiswerte einzelner Wortlängen optimieren. Permanente Boosts für den Durchlauf gibt es selbstverständlich auch und anstelle eines Kartendecks manipulieren wir die uns zur Verfügung stehenden Buchstaben-Steine. Doch wo die Ähnlichkeiten zu Balatro aufhören und Beyond Words seine eigene Identität entwickeln muss, gelingt dies in meinen Augen mit Bravour.

Enorm strategisch

Beyond Words ist ein Stein-Legespiel wie beispielsweise Scrabble. Das bedeutet, mit den Steinen, die wir auf unserer Hand zur Verfügung haben, müssen wir Worte auf dem jeweiligen Spielbrett auslegen. In der Regel gibt es feste Ausgangspunkte, auf die wir das erste bzw. ein Wort horizontal oder vertikal platzieren können. Anschließend können wir nur noch Worte direkt an andere Worte anlegen. 

Screenshot aus Beyond Words

Jedes Anlegen ist dabei seine eigene Punktewertung. Wenn ich es also schaffe, mit einem Wort gegebenenfalls weitere Worte durch Platzierung neben bereits vorhandenen Steinen zu erzeugen, bekommen wir für alle auf diese Weise gelegten Worte individuell Punkte. Gleichzeitig gilt dadurch aber auch: Platzieren wir unser Wort derart, dass ein nicht gültiges zweites Wort entsteht, können wir auch das erste Wort nicht legen. Dies sorgt in meinen Augen dafür, dass es eine leichte Option ist in den Ecken zwischen zwei langen Worten ggf. für schnelle Punkte Zweiwort-Konstrukte zu bilden.

Dreh- und Angelpunkt ist dabei stets die Platzierung des Wortes, weswegen in Beyond Words einer großen Bedeutung dem Spielfeld zugewiesen ist. Dieses kann nämlich unterschiedliche Multiplikatoren für die Wertungen oder Upgrades für Steine, Power-Karten oder andere Faktoren beinhalten. Und natürlich ist es auch die Form des Brettes sowie einige andere Hindernisse, welche uns bei der Platzierung von Worten herausfordern. Und das macht in meinen Augen wirklich sehr viel Spaß.

Absurd zufällig

Dies kann allerdings nur gelingen, wenn die Durchgänge einzigartige Möglichkeiten bieten. Zu diesem Zweck serviert uns Beyond Words einzelne Spielfelder (oder eher Level). Ein Durchgang besteht darin, ein solches Level auszuwählen und dann neun Runden mit den speziell designten Bedingungen zu bewältigen. Spielfelder sind individuell designt, Decks unterschiedlich gefüllt und eventuell gibt es bereits vordefinierte Power-Karten und Boosterpacks. 

In jeder dritten Runde gilt es dann, einen Boss (also eher einen Malus) auf Basis dessen, was man sich seit der ersten Runde aufgebaut hat, zu bezwingen. Dies erinnert wieder an Balatro und es wiederholen sich oftmals in den einzelnen Leveln die Bosse. Da diese zufällig ausgewählt werden, kann es aber auch dazu führen, dass der gesamte Aufbau für die sprichwörtliche Katz war. Ich hatte beispielsweise einen Fall, in dem ich nicht wusste, dass es einen “Nur Wörter mit mindestens 8 Buchstaben zählen”-Boss gibt. Aber leider waren Deck und Power-Karten auf Vierer-Kombos ausgelegt.

Allgemein kann es immer wieder mal vorkommen, dass der zufällige Boss-Faktor uns gehörig in die Bredouille bringt. Da dies aber meiner Ansicht nach in den ersten Stunden von nahezu allen Roguelites oft der Fall ist, können wir dies wohl als Genre-Skillprogression abstufen. Lediglich solch ein Fall wie der 8er-Boss oben ist enorm frustrierend. Ich wüsste nämlich auch nicht, wie ich solch einen Endgegner wirklich in meine Spielweise integrieren kann.

Total toll

Dazu kommt auch, dass die individuelle Gestaltung der Spielbretter unter Umständen für die späteren Runden ein anderes Herangehen erfordert. So gab es beispielsweise ein Level, in dem ich nur in einem kleinen Korridor Wörter setzen konnte, diese aber auch sofort wieder gelöscht wurden. Hin und wieder führen diese auch neue Mechaniken ein, die dann auch wieder verinnerlicht werden müssen. 

Screenshot aus Beyond Words
Oh no, noch so einer!

Durch die voneinander abgetrennte, aber aufeinanderfolgende Levelstruktur zeigt sich Beyond Words einzigartig im Genre. Es offenbart aber auch – und vielleicht ist das ein persönliches Problem -, dass das Muster- und Synergielernen anderer Vertreter hier situativ stattfindet. 

Und dennoch komme ich nicht umhin, dass Beyond Words durch sein Design ein wahrlich großer Schritt in der Diversität des Genres ist. Klar, viele Power-Karten schreien uns Balatro förmlich entgegen, doch überall dort, wo sich Beyond Words löst, kann das Spiel brillieren. Das strategische Platzieren der Worte auf dem Feld ist vor allem für die höchsten Wertungen von großer Bedeutung. Reines Durchspielen der Level ist bereits mit dem ersten Boss eines Durchgangs (also nach drei Runden). Denn dann dürfen wir voranschreiten und neue Herausforderungen angehen.

Doch warum nicht nach Höherem streben? Ein Level über neun Runden durchziehen, den eigenen Wortschatz bis aufs Äußerste trainieren. Hier einen simplen 3er und genug Punkte mitnehmen, um die Runde zu überleben. Dort ganz aus sich rauskommen, die komplette Hand aufs Brett werfen und fett absahnen. Und schon winkt eine goldene Trophäe auf der Levelkarte. Beyond Words ist es auf alle Fälle wert, sich intensiver mit dem Gameplayloop zu beschäftigen. Mancher Zufall kann einen Run schneller beenden, als uns lieb ist. Aber die meiste Zeit ist Beyond Words einfach großartig und einer der besten Titel im Wordbuilding-Subgenre.

Auf meine Wortwahl auf Steam Deck und PC geachtet. Ein herzlicher Dank geht an pqube und MindFuel Games für die Bereitstellung eines Mustercodes.