Scott Pilgrim EX (Review)

Artwork und Logo zu Scott Pilgrim EX

Mein Vergangenheits-Ich war vor sechzehn Jahren bereits beim Anblick (oder vielmehr beim Hören) des Universal-Logos zum Film Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt hin und weg. Ich kannte damals das Franchise nicht. Aber der Bit-Sound ließ nostalgische Gefühle in mir hochkommen. In den darauffolgenden Äonen habe ich immer wieder mal einen Abstecher in die Welt von Scott Pilgrim und Ramona Flowers unternommen. Vor allem das gleichnamige Spiel von Ubisoft hatte es mir angetan. Es war damals eine helle Freude, im Koop mit meiner Frau die Fäuste fliegen zu lassen. Viel Wasser ist derweil den Rhein runtergeflossen und Anfang des Monats erschien mit Scott Pilgrim EX ein neues Abenteuer. Allzu viele nostalgische Gefühle konnten wir hier allerdings nicht spüren.

Mehr Scott Pilgrim geht wohl immer?

Dies liegt allerdings vor allem an einer einzigen Tatsache, die auch für euch sicherlich Dreh- und Angelpunkt sein kann: Scott Pilgrim EX setzt lose die Storyline der 2023 bei Netflix veröffentlichten Serie Scott Pilgrim hebt ab fort. In dieser steht nicht der Kampf gegen die sieben teuflischen Ex-Lover von Ramona Flowers im Vordergrund. Vielmehr wird eine alternative Geschichte erzählt, in der Scott dem ersten Kampf unterliegt und stirbt. Ich habe mir die Zusammenfassungen der Folgen durchgelesen und bin persönlich nicht allzu angetan.

Zumindest wird die Serie nicht fortgesetzt, 2024 hieß es endgültig, dass es keine zweite Staffel geben wird. Zusätzlich zu einem Prequel-Comic Bryan Lee O’Malley selbst gibt es also für Fans dieser Anime-Serie nur wenig Futter. Scott Pilgrim EX ließe sich also als einzige, aktuell verfügbare Fortsetzung ansehen. 

In dieser ist Toronto unter die Kontrolle von drei verfeindeten Gangs geraten: den Veganern, den Dämonen und den Robotern. Dazwischen sind die Einwohner der Stadt und natürlich Ramona Flowers, Scott Pilgrim und seine Band. Bei einer Probe für ein anstehendes Konzert öffnet sich allerdings plötzlich ein Riss zwischen den Welten und eine Roboter-Nachbildung von Scott entführt einfach all unsere Freunde. Ramona und Scott trommeln also – ausgerechnet! – ein paar der teuflischen Exen sowie andere starke Mitstreiter zusammen, um die die Mitglieder von Sex Bob-Omb wiederzufinden.

Ich hatte befürchtet, dass das fehlende Wissen rund um die Serie ein großes Problem wäre. Zum Glück ist dies bei Scott Pilgrim EX nicht der Fall, eher sogar im Gegenteil. Die Story im Spiel kam mir so banal und 08/15-videogamey vor, dass ich das Gefühl hatte, die Videospiel-Persiflage des Franchises hat sich mittlerweile selbst überholt und fällt in die selben Schema zurück.

Teuflisch gute Charaktere

Der eigentliche Grund, weswegen ich mich sehr auf Scott Pilgrim EX gefreut habe, war das Entwicklerstudio dahinter. Von Tribute Games habe ich selbst Flinthook und TNMT: Shredder’s Revenge gespielt und vom letzten 2D-Beat’em Up Marvel: Cosmic Invasion nur Gutes gehört. Die letzten beiden Titel versprachen also eine tonal sehr getreue und spielerisch tolle Umsetzung in einem Genre, was eigentlich nicht so meins ist.

Scott Pilgrim EX lässt sich mit bis zu vier Spielern lokal spielen und wir schlüpfen dabei in die Rolle von sieben Charakteren. Neben Scott Pilgrim und Ramona Flowers – offensichtlich – stehen uns noch Matthew Patel (erster teuflischer Ex), Lucas Lee (zweiter teuflischer Ex) und Gideon Graves (siebter Ex und Chef der Liga der Exen) zur Verfügung. Dazu gesellen sich noch Roxie Richter (vierte teuflische Ex) sowie ein..äh…Roboter? Warum nicht! Ich bin nicht allzu tief in der Scott Pilgrim hebt ab-Lore drin, um das ernsthaft zu hinterfragen.

Screenshot aus Scott Pilgrim EX

Zumindest merkt man sehr deutlich, dass sich die sieben Charaktere deutlich auf dem Spielfeld voneinander unterscheiden. Lucas ist groß und wuchtig, aber auch dementsprechend langsam. Gideon ist mächtig und kann mit seinem Schwert große Flächen abarbeiten. Scott ist vielmehr der Allrounder. Es lohnt sich in meinen Augen durchaus, den idealen Kämpfer für seinen eigenen Spielstil zu finden. Meine Frau und ich landeten am Ende bei Ramona und Gideon. Und wenn man nicht unbedingt für die Achievements mit allen Charakteren alle Kapitel abgeschlossen haben will, empfehle ich dieses auch.

Welle um Welle

Mein größtes Problem an Scott Pilgrim EX war der sehr repetitive Gameplayloop. Wir durchstreifen Toronto und manchmal greifen uns Gangmitglieder an. Bis auf wenige Storysequenzen gibt es hier kaum Variationen, weswegen bereits nach kurzer Zeit die normalen Standardkämpfe zu einer langatmigen Sache mutieren. Ganz besonders, wenn man die Combos seines eigenen Charakters verinnerlicht hat und weiß, wie man die eher unpräzise Navigation durch die Ebenen der Arena am idealsten anwendet.

Natürlich könnten wir vorbeirennen und in den nächsten Bereich gehen. Dies hätte allerdings den Nachteil, dass wir weniger Geld farmen können, welches für Ausrüstung, Level Up-Buffs oder schlichtweg für Heilung notwendig ist. Und hohe Zahlen in den einzelnen Statuswerten sind durchaus bei den Bossgegnern wichtig.

Screenshot aus Scott Pilgrim EX
So viel bekommt man da gar nicht!

Diese haben visuell ganz ansprechende Designs und sind auch spielerisch mit ihren individuellen Movesets einzigartig gestaltet. Leider wurde nahezu jeder Kampf ein Test der Ausdauer. Der Gründe sind zweierlei: Einerseits hat jeder Boss gefühlt einen enormen Lebensbalken. Verständlich, würde ich mir als Bossgegner auch anschaffen wollen! Doch schlimmer als diese Schwammigkeit sind die ewigen Wellen normaler Standardgegner, welche die Arena fluten und vom Boss abzulenken versuchen. Da es im Tumult dann auch wenig Trefferfeedback gibt, passierte es mir häufig, dass ich den Überblick für meine Lebenspunkte verlor und dementsprechend spät defensiver wurde.

Aufkommende Langeweile

Gerade weil sich diese Standardgegner auch zahlreich auf dem Weg durch Toronto wiederholen, ist die Anzahl dieser bei den Bossgegner in meinen Augen komplett überflüssig. Dazu kommt auch, dass es allgemein zu wenig spielerische Abwechslung gibt. Mir gefiel die Strandball-Herausforderung, aber ansonsten macht Scott Pilgrim EX wenig aus seiner spielerischen Basis. Nach Shredder’s Revenge hatte ich mir ein wenig mehr erwartet.

Der direkte Vergleich offenbart zudem eine andere Schwäche von Scott Pilgrim EX. Mit den Schildkröten hatten wir ein lineares Abenteuer mit immer wieder kleinen, aber feinen Ideen, um Level und Kämpfe variabler zu gestalten. Bosse waren seltener, aber dafür klar individuell.

Scott Pilgrim hingegen wandert durch Toronto entlang einer Reihe von zusammenhängenden Einzelbildschirmen. Von diesen gehen dann Risse im Zeit/Dimensionsgefüge in einen Dungeon ab oder in Nebenräume. Storymissionen schicken uns zusätzlich dann auch noch von einer Ecke dieser Map zur nächsten, wodurch wir manche Standardkämpfe erneut bestreiten müssen. So zieht sich ein Spiel, welches in meinen Augen mit seinen knapp vier Stunden recht kurz ist, unnötig in die Länge. Und wie gesagt, für das Aufwerten der Charaktere ist dies notwendig.

Aber genauso notwendig ist es aber auch, meine eigene persönliche Einsicht hier mit ins Spiel zu bringen. Scott Pilgrim EX und ich haben bereits nach kurzer Zeit die gemeinsame Basis verloren. Zu „egal“ war mir die Story, zu öde das Level- und Gegnerdesign. Der Koop mit meiner Frau war es (und natürlich das Mustern für euch!), der mich bei der Stange hielt. Nicht weil Scott Pilgrim EX ein per se schlechtes Spiel wäre. Vor allem die so divers-spielbaren Charaktere haben mir gut gefallen. Aber nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Tribute Games Titeln habe ich mir vielleicht zu viel erhofft? Ich denke, Franchise-Fans und auch beinharte Genre-Liebhaber werden hier mehr Freude haben. Ich greife lieber zum anderen Scott Pilgrim-Titel von 2010 und lass dort meine Fäuste sprechen.

Die Fäuste auf Steam Deck fliegen lassen. Ein herzlicher Dank geht an Tribute Games für die Bereitstellung eines Mustercodes.