Shuten Order (Review)

Artwork zu Shuten Order

Es gibt nicht viele Autor:innen von Videospielen, die ich namentlich beim Namen kenne und den meisten Spielen aus ihrer Feder zuordnen kann. Kazutaka Kodaka gehört zu dieser kleinen Auswahl. Verdient hat sich dies der japanische Videospieldesigner allen voran mit der Danganronpa-Spielreihe. Trigger Happy Havoc hat mich umgehauen und die Messlatte für die Nachfolger ganz hoch gehangen. Goodbye Despair hat diese mühelos übersprungen. Und bei Killing Harmony hat Monokuma die Messlatte einfach eingetütet, als Bestandteil einer tödlichen Hinrichtungsmaschine genutzt und einige Fans mit dem abstrakten Ende des Spiels abgeschreckt. Mich nicht, aber ich stehe auch ein wenig auf Abstraktionen. Eigentlich hätte ich daher angenommen, dass dieses Jahr The Hundred Line: Last Defense Academy Teil meines Alltags werden würde. Bisher kam ich noch nicht dazu, stattdessen zog ich mit dem überraschend angekündigten Titel Shuten Order das große Kodaka-Los. 

Mörderisch-religiöser Eifer in der Shuten Order

Ein solches hat unsere Heldin Rei leider nicht ziehen dürfen. Dann ohne Erinnerung wacht sie eines Tages in einem fremden Hotelzimmer auf und erhält Besuch von zwei Personen, die sich als Engel vorstellen. Gott habe sie gesandt, denn Rei ist die Gründerin der Shuten Order und wurde am Tag zuvor unter mysteriösen Umständen ermordet. Und obwohl sich die Shuten Order komplett gegen jede Form von Gott stellt, hat dieser scheinbar Gefallen an Rei gefunden. Vier Tage haben wir dank ihm Zeit, um unter den fünf Minister*innen des Ordens die Person zu finden, die unser Blut an ihren Händen hat.

Screenshot aus Shuten Order

Doch wer könnte unseren Mord durchgeführt haben? Der charmante, aber zugleich auch nach Drogen gierende Justizminister oder eher der muskulöse Gesundheitsminister? Finden wir bei den Damen aus dem Bildungs- oder Sicherheitsministerium unsere Mörderin? Oder hat das Wunderkind, welches das Amt des Wissenschaftsministers inne hat, seine Finger im Spiel? Mit der Macht Gottes wählen wir zu Beginn aus, welchem Ministerium wir einen Besuch abstatten. 

Der Clou von Shuten Order besteht in dieser Fünfteilung der Ministerposten. Egal wie wir uns entscheiden, jede Auswahl führt zu einem anderen, individuellen Adventure. Eingebettet in die große Rahmenhandlung unseres Mordes erleben wir in jedem Adventure eine eigene Geschichte mit komplett unterschiedlichen Charakteren. So kämpfen wir beispielsweise an der Seite der Sicherheitsministerin gegen einen amoklaufenden Serienmörder. Oder wir lösen verworrene Erbschaftsstreitigkeiten (inklusive Mord). Reiten einen T-Rex. Oder buhlen um die Herzen nicht ganz gewöhnlicher Studentinnen.

Ein schwieriges Konzept

Die Narrative ist in meinen Augen ein absolutes Highlight, dürfte es aber manchen Spieler:innen unnötig schwer machen. Nehmen wir beispielsweise die Fünfteilung: In der Natur der Sache begründet sind so für jeden von euch unterschiedliche Verläufe möglich. Mein Start war beispielsweise in meinen Augen die schwächste Handlung – sowohl individuell als auch für den großen Gesamtkontext betrachtet. Denn jedes der fünf Adventures pausiert nach einer Weile mit einigen Hinweisen auf unseren Mord und widmet sich anschließend komplett anderen Dingen. Ich kann jeden verstehen, der dann von einer eher schwächeren “Nebenhandlung” enttäuscht oder genervt ist und daher Shuten Order zur Seite legt.

Was mir sehr geholfen hat, schwache Momente (und die waren zum Glück eher selten) zu überwinden, war das hervorragende Worldbuilding von Shuten Order. Auch ohne Fortschritt im großen Mysterium, wirft dieses ein diffuses Licht auf den Orden. Die unterschiedlichen Perspektiven helfen dabei, die Geheimnisse des Ordens und der Geschichte drumherum zu entschlüsseln. Dass dazu Shuten Order meines Erachtens eines der besten Character-Writings der letzten Jahre bietet, hebt das Adventure in meinen Augen in diesem Jahr sehr empor.

Beispielhaft sei hier Rei, die Gründerin mit Amnesie erwähnt. Es passiert in meinen Augen sehr selten, dass fehlende Erinnerungen mehr als nur ein Gimmick sind. Hier setzen wir uns mit der Moral von Rei und ihrem “eigentlichen” Ich auseinander. Ihr früheres Ich scheint Entscheidungen und Ideale zu besitzen, die Rei in keinster Weise nachvollziehen kann. EIn Konflikt zwischen ehemaligem und jetzigen Ich – Amnesie-Klischee sinnvoll eingesetzt! Auch der religiöse Staat der Shuten Order ist an vielen Punkten kritisch hinterfragt und stellt Fragen, die mal beantwortet werden, mal nicht, um unserer Vorstellung nicht zu sehr im Wege zu stehen.

Nachholbedarf in Sachen Gameplay

Im Großen und Ganzen hat mich die Narrative von Shuten Order trotz dieser erwähnten Skepsis überzeugen können. Die Nebenhandlungen waren weitestgehend in sich geschlossene, solide bis sehr gute Geschichten. Und der große rote Faden, der sich nach Abschluss aller fünf Adventures in den Vordergrund drängt, ist für mich als Science-Fiction-Fan einfach klasse. Im Verlauf der fünf Durchgänge zuvor habe ich mir zwar viele Dinge im Vorfeld zusammen puzzeln können. Doch die Puzzleteile einzeln oder in kleinen Gruppen vor sich liegen zu sehen und dann das gesamte Bild präsentiert bekommen, sind zwei Paar Schuhe.

Während die Narrative klar die größte Stärke darstellt, kratzen die fünf unterschiedlichen Gameplay-Stile zu sehr an der Oberfläche. Am rundesten dürfte wohl der klar an Danganronpa angelehnte Part sein, in dem wir auf einem Anwesen komplizierte Morde untersuchen und die Wahrheit ans Licht bringen. Aber irgendwie auch klar, wenn die Kreativen bereits Erfahrung mit diesem Genre haben. Direkt dahinter würde ich das Escape Game und das Romance Adventure einordnen. Ersteres hätte in meinen Augen durchaus mehr Vielfalt in seinen Rätseln bieten können und Zweiteres ebenfalls komplexer sein dürfen.

Screenshot aus Shuten Order
Ihr wisst auch die Antwort

Vor allem letztgenanntes Adventure war eine außerordentliche Überraschung für mich, sowohl narrativ als auch spielerisch. Hier ging es darum, innerhalb eines Tages das Herz einer Studentin zu erobern. Wir besitzen eine begrenzte Anzahl an Zügen, um Liebesevents zu starten und mit der Geschichte voranzuschreiten. Ab Tag 2 allerdings müssen wir auch die eifersüchtige Geliebte des vorangegangenen Tages einplanen. Man merkt hier allerdings schnell, dass keine große Schwierigkeit zugrunde liegt, damit wir als Spielende der Geschichte schadlos wie möglich folgen können. Ein allgemeines Problem in meinen Augen aller fünf Adventures.

Ausbaupotenziale

Screenshot aus Shuten Order
Ich hasse diesen Bildschirm!

Schwach implementiert wurden in meinen Augen die Stealth-Horror-Sequenzen mit der Sicherheitsministerin sowie das Multi-Perspective-Adventure. Ersteres war banal, Gegner ließen sich leicht ausweichen und die wenigen Schalterrätsel waren nach wenigen Augenblicken gelöst. Richtig schlecht fand ich das letzte Adventure, in dem wir einzelne Episoden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet haben. 

Hier wechselt das Genre komplett in die Visual Novel-Form und wir müssen mit unseren Entscheidungen die Geschichte des jeweiligen Charakters vorantreiben. Zu oft stieß ich dabei auf eine Sackgasse, die allerdings in der Regel nur den linearen Erzählpfad umleitete. Zu selten musste ich austüfteln, welche Entscheidungen ich treffen musste, um bestimmte Ereignisse auszulösen. Einerseits weil es kaum vorhanden war, andererseits weil ich meist direkt mit der Nase auf die Lösung gestoßen wurde.

Mir kam während des Spielens oftmals der Gedanke, dass Shuten Order eine Art Nebenprodukt der Entwicklung an The Hundred Line sein könnte. Beide Titel teilen sich die Prämisse einer parallelen Erzählstruktur. Während allerdings Shuten Order seine fünf Fäden am Schluss aufnimmt und zusammenflechtet, scheint sich The Hundred Line an seiner Vielfalt von narrativen Möglichkeiten zu ergötzen. 

Eines der besten Spiele des Jahres

Dazu passt auch, dass visuell Shuten Order an vielen Stellen roh wirkt. Die Anime-Zeichnungen der Charaktere sehen klasse aus, doch viele Hintergründe lassen eine gewisse Lebendigkeit vermissen. Aus dieser Not wurde bei Shuten Order mit Comic-Panels eine Tugend, um vor diesen leblosen Hintergründen hervorzutreten. Wichtigen Szene werden so gekonnt in Szene gesetzt. Das ergab einen sehr individuellen Stil, den ich sehr mochte. Dann spricht wieder dagegen, dass nahezu alle Hauptdialoge komplett vertont wurden. Und der Soundtrack trägt klar die Handschrift von Masafumi Takada, welch ein Hörgenuss!

In diesem Jahr lag meine Aufmerksamkeit, was Kodaka-geschriebene Spiele anging, ursprünglich komplett auf The Hundred Line. Das eher beiläufig angekündigte Shuten Order wirkte wie eine Randnotiz, wodurch meine niedrigen Erwartungen umso stärker übertroffen wurden. 

Denn Shuten Order ist von den Spielen dieses Jahres der bisher rundeste und beste Titel. Ich habe zwar noch einige Favoriten auf den Thron, doch aktuell hält diesen das mysteriöse Adventure rund um Gott, das Ende der Welt und verlorene Erinnerungen. Shuten Order hat einen spannenden Mordfall in einer faszinierenden Welt mit gut bis fantastisch geschriebenen Charakteren zu bieten und schafft dies alles gleich mehrfach aufs Parkett zu liefern. Spielerisch hat Shuten Order an einigen Stellen Luft nach oben, denn gerade wenn man Adventure-Stile ergründet, dann sollten diese auch ausgereizt werden. Hier verließ sich das Spiel zu sehr komplett auf seine Narrative, die das Spiel zwar trägt, aber alleine nicht an die Spitze des Genres katapultieren kann. Doch wer Adventures wie die bereits mehrfach erwähnten Danganronpas mochte, wird auch hier seine Highlights finden. 

Gott auf Nintendo Switch 2 an meiner Seite gehabt. Ein herzlicher Dank geht an Neilo Inc. und Spike Chunsoft für die Bereitstellung eines Mustercodes.