Seit der Ankündigung von Marvel Tokon: Fighting Souls bin ich bereits neugierig darauf, was uns hier erwartet. Damals auf der PS3 habe ich unheimlich gerne Marvel vs. Capcom 3 gespielt. Natürlich kam hier eine gewisse Skepsis auf, ob ein Marvel-Fighting-Game aus einer anderen Schmiede da mithalten kann. Zumindest der reine Fokus auf Marvel ist ein Pluspunkt, und mit Arc System Works hat Sony sich eine mächtige Größe unter den Fighting-Game-Entwicklern dazugeholt.

Vor meiner Review – Die Beta von Marvel Tokon war schrecklich!
Ja, ich habe die offene Beta gespielt. Darin konnte man eine Episode im Story-Modus anfangen und online spielen. Es war … unheimlich ernüchternd. Das Konzept des Story-Modus, bei dem man zu gefühlt 90 % nur einen Comic „liest“, fand ich wirklich lahm. Der Online-Modus? Nach gerade einmal 10–12 Kämpfen war ich einfach nur genervt. Es sah also nicht gut aus (deshalb meine Skepsis im Most Wanted Artikel). Doch hat sich diese Stimmung letzten Endes gehalten?

In der Vollversion von Marvel Tokon – Gute Modi-Auswahl auch für Singleplayer
Sehr schön! Ich habe einen Review-Code für Marvel Tokon bekommen. Nach dem Start des Spiels kamen erst mal wieder die Einstellungen, denn Marvel Tokon bietet mehrere Optionen. Deutlich hervorzuheben sind hierbei viele Sprachausgaben, natürlich die Steuerungs-Einstellungen und auch ein paar Barrierefreiheits-Optionen (z. B. das Vorlesen der Menüpunkte). Man kann sogar bei jedem Charakter einzeln entscheiden, in welcher Sprache er sprechen soll!
Mit meiner harten Skepsis gegenüber Online und Story habe ich mir erst mal alles andere angeschaut. Am Anfang gibt es noch ein ausgiebiges Tutorial, welches man aber zum Glück komplett überspringen kann. Passend dazu hat jeder Charakter eine eigene Sektion mit Einführungen, die in Combo-Challenges und als Drittes in freie Combo-Herausforderungen übergehen. Solche Combo-Challenges liebe ich, auch wenn sie enorm schwer sind.

Der Arcade-Bereich von Marvel Tokon spaltet sich in zwei Bereiche auf (+ den Tutorial-Bereich): Arcadia Rumble und All-Star Arena. Unter All-Star Arena finden wir eine abgewandelte Version eines klassischen Arcade-Modus (Arena) und eines klassischen Survival-Modus (Überleben). In der Arena spielt man verschiedene Stränge, um zum Schluss den Hauptgegner zu besiegen, anstatt je einen passenden eigenen Charakter zu spielen. Im Überleben gibt es immer vier Einzelkämpfe, bei denen der Leader rotiert, und danach einen Solo-Boss (einfach einer der Charaktere solo) – jedoch mit dem Twist, dass man, ähnlich wie in Rogue-likes, zufällige Upgrades nach den Bossen bekommt.
Arcadia Rumble ist hingegen äußerst speziell und dieser lässt sich übrigens auch online spielen. Darin laufen wir mit einer Chibi-Figur in einer Arena umher, sammeln Upgrades für zuvor ausgewählte Karten und versuchen vor allem Sterne zu verdienen, denn wer die meisten Sterne hat, gewinnt die Runde. Der Ablauf: Sammeln, Kampf, Sammeln, Kampf, „Kampf mit Chibis“ (denn die können auch simpel zuschlagen). Hier muss ich echt hart sein … dieser Modus ist absoluter Müll. Ein billiger Abklatsch vom City Trial aus Kirby Air Ride(rs), mit mehr Fokus auf die Chibis als auf die eigentlichen Kämpfe. Zu allem Überfluss ist er auch noch schlecht auf Arcade-Sticks optimiert, was in Anbetracht des noch erscheinenden PlayStation 5 Arcade-Sticks einfach nur erstaunlich ist.

Standardkost im Multiplayer
Zum Multiplayer-Umfang gibt es wirklich nur wenig zu sagen. Wir haben Online-Modi in den typischen Facetten, wie Freundschaftsspiele, Ranking, eine offene Lobby, in der man mit dem Chibi rumlaufen kann (macht Arc System Works oft so), und den besagten Arcadia Rumble. Lokal können wir ganz normal VS spielen, diesen Modus auch solo gegen Bots. Natürlich steht noch ein ordentlicher Trainings-Modus zur Auswahl. Irgendwelche Sonder-Modi für den lokalen Multiplayer gibt es leider nicht.

Der Kampf und die Charaktere – Es macht Spaß
Klingt ja alles schön, aber eigentlich nicht gut. Doch innerhalb der Kämpfe strahlt Marvel Tokon wirklich auf! 21 Charaktere bietet uns das Spiel von Haus aus (inkl. freischaltbarem Final Boss), solide neun Arenen, ein interessantes Kampfsystem und eine Präsentation, die einfach nur begeistert.
Vier Marvel-Helden oder -Schurken müssen wir für unser Team wählen. Doch klickt nicht direkt weg, wenn ihr Team-Fighter nicht mögt! Das Gameplay von Marvel Tokon ist so ausgelegt, dass wir auch einfach nur den Leader (den erstgewählten Charakter) spielen können. Denn die Lebensleiste teilt sich das gesamte Team, und ein Wechsel ist zu keinem Zeitpunkt nötig oder wird forciert. Wer so spielen will, kann schlicht und einfach die Charaktere 2 bis 4 rein für Assist-Angriffe nutzen.

In meinem Beispiel habe ich mich auf Ghost Rider als Leader mit Carnage, Deadpool und Green Goblin als Team fokussiert. Ein interessanter Faktor am Kampf offenbart sich direkt beim Start der Runde: Ich kann Deadpool und Green Goblin noch gar nicht einwechseln? Ja, Charakter 3 und 4 schalten sich erst durch gewisse Aktionen im Kampf frei, wie z. B. durch eine verlorene Runde oder einen Arena-Übergang. Dies sorgt für eine interessante Dynamik, bei der sich der Kampf erst im Laufe der Zeit entfaltet. Auch bei der Super-Move-Leiste wird dies angewandt.
Tauscht man den Platz der Charaktere im Team, ändern sich damit auch ihre Assist-Moves – z. B. macht Charakter 2 immer ein Vorwärts-Projektil als Assist. Dadurch kann man mitten im Kampf strategisch sein Team umarrangieren. Sehr witzig gemacht und harmoniert gut mit der Leader-Komponente (der Leader kann natürlich ebenso gewechselt werden).

… aber
Leider wurde Marvel Tokon von diesem modernen „Unding“ erfasst, überall Easy-Mode-Steuerungen einzubauen. Dies fängt schon damit an, dass es einen „Quick Skill“ gibt, der alternativ zu den Viertelkreis-Eingaben genutzt werden kann. Doch die Krux dabei ist, wie so oft, dass dies auch Nachteile mit sich bringt. Ich fände das gar nicht schlimm, würden nicht in allen Tutorials und Tipps ständig als Standard auf den Quick Skill, anstatt auf die richtigen Eingaben Bezug genommen werden.
Auch ohne die Quick Skills wird dies deutlich. Es gibt drei Arten von Standard-Combos, die je in einem Super-Move resultieren (sofern man genug Leiste hat) – je durch das Spammen von Light-Attack, Medium-Attack oder Hard-Attack. Sogar ein simples „man fängt mit Light an und spammt dann mit Hard weiter“ ist möglich. Das ist plump und dominiert anfangs das gesamte Spiel.

Dabei ist Marvel Tokon äußerst kompliziert. Die möglichen Combos, die über die Standard-Combos hinausgehen, sind sehr schwer umzusetzen, und wenn ein geübter Spieler dich online erfasst, bist du einfach nur ein Sandsack, der durch drei bis vier Combos geprügelt wird.
Aber auch wiederum nicht so kompliziert, denn die Grundsteuerung ist viel zu ähnlich. Jeder Charakter hat im Groben dieselben Eingaben für Spezial-Moves. Klar sind die Resultate unterschiedlich, aber ein „Okay, wie steuert sich dieser Charakter?“-Gefühl gibt es hier überhaupt nicht. Ich kann aus der ganzen Sache nur schließen, dass Arc System Works hier einfach nicht wusste, was sie wollten.

Die Präsentation von Marvel Tokon ist … Incredible!
Nach dem Hin und Her komme ich mal zu dem Highlight. Die gesamte Darstellung im Kampf, die Intros, die Konversationen, die Grafik, die Super-Moves, die Moves an sich, die Arenen, die Übergänge, die Effekte, die Sounds, die Musik … ich werde hier nicht fertig – ALLES ist einfach perfekt!
Ich kann meine Begeisterung über den Style kaum anders beschreiben. Die Wucht, die bunte Comic-Optik, die schnellen Effekte – alles macht so viel Spaß, einfach nur wegen der Präsentation. Dabei hat es eigentlich sogar Nachteile:
Die Super-Moves sind zu lang und zu häufig, die Arena-Übergänge nerven irgendwie, es ist teils echt unübersichtlich und vor dem eigentlichen Charakter-Intro läuft so ein Laufsteg-Intro wie in Street Fighter 6, was ich einfach unnötig finde. Aber dennoch, es macht Spaß. Es gibt kaum ein Kampfspiel, dem ich diese Mankos so wenig übel nehme – einfach weil es so geil aussieht und klingt. Dass konstant Metal-Musik durch die Gegend rockt, ist ebenso sehr stimmig.

Hier sei gesagt, dass die Charakterauswahl einfach nur toll ist. 21 Charaktere klingen erst mal nicht viel, wenn auch ausreichend, aber Kandidaten wie Carnage, Green Goblin oder Danger machen das Roster eben nicht zum plumpen Standard, sondern zu einem abwechslungsreichen Fest. Übrigens: Deadpools Humor und Anspielungen sind genau so, wie man es sich erhoffen würde, mit diversen 4th-Wall-Breaks und Bezügen zu anderen Spielen oder Comics – einfach genial.
Ganz zum Schluss habe ich noch, relativ versteckt im Schnellmenü, die Galerie entdeckt und war einfach nur erstaunt, dass man da Grafiken von den Beziehungen der Charaktere findet und jeder kleine Nebencharakter eine eigene Biografie hat. Das ist eine beeindruckende Liebe zum Detail.

Pfeift auf Online!!!
Ich muss noch mal stänkern. Die Online-Erfahrung war genauso fürchterlich wie in der Beta (nicht wegen irgendwelcher PC-Anforderungen, da ich auf der PS5 gespielt habe). Das Kampfsystem, so spaßig es im Casual-Play gegen Bots oder Freunde auch ist, so nervig ist es gegen Profis. Klar, da fehlt einfach der Skill, aber es macht einfach keinen Spaß, gegen gute Spieler zu kämpfen. Da ist auch nichts mit „Learn-by-doing“, wenn man einfach von einer zur anderen Combo gereicht wird.
Dazu kommt das Unding, dass beide Spieler alle Intros wegdrücken können. Ich hatte es ein paar Mal, dass ein Spieler sein Intro laufen ließ und dann meines weggedrückt hat. Keine Ahnung, wie man so etwas so schlecht designen kann, aber Arc System Works hat es geschafft. Mein Tipp ist wirklich: Pfeift auf Online!

Der Story-Modus von Marvel Tokon ist … gut?
Den Story-Modus (namens Episoden) erläutere ich aus zwei Gründen zum Schluss: Weil ich ihn selbst erst spät begonnen habe und weil er mich immens überrascht hat. Wie in der Einleitung erwähnt, fand ich das Konzept der Story echt nicht gut. Warum soll ich in einem Videospiel zu 90 % einen Comic „lesen“?
Nun, zu meiner Überraschung ist die Story einfach gut. Die Panels sind vertont und schieben sich dynamisch über das Bild mit kleinen Animationen. Die Kämpfe dazwischen, wenn auch nur wenige, sind stimmig und das Ganze ist spannend, wenn auch nur eine plumpe Story, bei der ein „Champion“ aus dem All die Erde zu einem Kampf herausfordert.
Hierbei spielt man dieselbe Story aus dem Blickwinkel der fünf verschiedenen Teams – je, wie sie zusammenkommen, wie sie den anderen Teams begegnen und zum Schluss den Champion bekämpfen. Also ein „Was wäre, wenn dieses Team es schafft“-Szenario. Dadurch entschlackt sich die Länge einer Story auf eine angenehme Menge von 11 Kapiteln (und Kämpfen), die grob geschätzt je bis zu 2 Stunden dauern.
Das Einzige, worüber ich überhaupt noch im Story-Modus meckern möchte, ist der (scheinbar) adaptive Schwierigkeitsgrad. Ich will nicht, dass das Spiel schwerer wird, weil ich besser spiele. Gib mir die Auswahl und fertig. Dass man nach Kämpfen die Option bekommt, den Schwierigkeitsgrad zu verringern, macht es auch nicht besser. Übrigens sind die Bots auf Level 4 von 5 schon echt extrem zäh.

Fazit – Was für ein Hin und Her Marvel Tokon doch ist
Marvel Tokon: Fighting Souls macht mir die Bewertung wirklich nicht leicht. So viele Design-Entscheidungen sind fragwürdig schlecht und der Online-Modus ist fürchterlich. Das ganze Spiel strotzt vor verschenktem Potenzial, … aber es ist ansonsten wirklich gut. Es macht Spaß, es hat tolle Charaktere, eine herausragende Präsentation, nette Modi und sogar die Story ist gut.
Mein Tipp: Pfeift auf Online, spielt die Story, spielt es im lokalen Mehrspieler und in der All-Star Arena. Fertig.

Mag ich
– Fantastische Präsentation
– Sehr gute Charakterauswahl (vor allem durch Carnage und Green Goblin)
– Spannendes Team-Leader-Prinzip im Kampf
– Überraschend guter Story-Modus
– Schnelles Gameplay
– Nette lokale Modi
– Detailreiche Galerie
– Deadpools zahlreiche Parodien
– Der Final Boss gefiel mir im Nachhinein sehr gut
Mag ich nicht
– Online
– Arcadia Rumble
– Auto-Combos und Quick-Skill
– Zu häufige Super-Moves mit Cutscenes
– Arenen-Übergänge nerven schnell
– Unnötiges „Laufstegintro“ vor dem eigentlichen Kampf
– Das Spiel weiß nicht, ob es leicht oder schwer sein will
– Scheinbar adaptiver Schwierigkeitsgrad im Story-Modus
Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment Inc. für die Bereitstellung des Testmusters. Gespielt auf PlayStation 5.