Über 20.000 Spiele wurden im vergangenen Jahr alleine auf der Plattform Steam veröffentlicht (Daten von steamdb.info). Das macht im Schnitt pro Tag 54,8 Veröffentlichungen. Und Steam ist natürlich nicht die einzige Plattform. Die Masse an Spielen bei diversen PC-Anbietern, auf Konsole oder Smartphones ist atemberaubend. Natürlich ist die Masse mit hoher Wahrscheinlichkeit durchzogen mit solchen Banana-Hüpfern und anderem Kram, der für den schnellen Euro in die Stores geblasen wurde.
Aber dann gibt es auch endlose Titel, welche unter der dünnen Schicht der Blockbuster und bekannteren Indie-Studios um die Aufmerksamkeit der Massen buhlen. Ich war ja immer leicht fasziniert davon, dass selbst an abstrusen Tagen, wie dem Ersten des Jahres, wenn alle Welt ihren Neujahrs-Kater auskuriert, Spiele erscheinen. Spiele, die in gewisser Weise Kalender-Kamikaze begehen, weil sie an Tagen erscheinen, an denen die Aufmerksamkeit komplett woanders liegt. Als dann im letzten Jahr zahlreiche Entwickler den Release von Hollow Knight: Silksong genutzt haben, um (lautstark) ihre Verschiebung aus dem Umfeld anzukündigen, wurde dann aus der Faszination echtes Interesse.
Auf der Suche nach dem Neujahrs-Diamanten
Diese neue Artikelreihe ist das vorläufige Produkt dieser Gedanken. In unregelmäßigen Abständen möchte ich einen Blick in die toten Winkel der Videospiellandschaft werfen. Ich durchforste den Releasekalender der einzelnen Shops, suche nach Titeln, die mein persönliches Interesse wecken und spiele eine Auswahl darunter für euch. Ergründe dabei, ob diese Titel etwas eint, und möchte Aufmerksamkeit dafür entwickeln, dass es so viel mehr gibt, als wir in der Regel mitbekommen. Und vielleicht ist darunter auch der ein oder andere (Roh-)Diamant? Ihr dürft gespannt sein. Ich bin es nämlich sehr!
Ob es wirklich zu einer Kurzreview kommt oder nur zu einer Vorstellung, ist dann wahrscheinlich davon abhängig, wie mein Abstecher ins Unbekannte verlaufen wird. Und welcher Tag voller unbekannter Klein-Releases eignet sich am besten, als der allererste Tag im Jahr? Darum viel Spaß mit glitchenden Pixeln, stumpfen Löffeln und wütenden Elefanten in der ersten Ausgabe!
Von Elefanten und Kamikaze-Kalendern

Steam ist für meine Zwecke eine wahre Goldgrube. Selbst an diesem einen Neujahrstag erschienen dort alleine 40 Titel, von kostenlosen Free2play-Titeln bis zu jenseits der 30 Euro-Grenze. So hoch will ich jetzt nicht gehen, weswegen das erste Spiel, was ich mir ausgesucht habe, eher zur günstigeren Sorte gehört.
Da ich Roguelikes in der Regel viel abgewinnen kann, sprach mich bei meiner Recherche Chaturanga schnell an. Die Hybride aus Schachvariante und der rundenbasierten Score-Jagd a la Balatro versprach mir mit seinem Konzept in der Theorie einiges. Und auch der Aufbau des Spiels ist solide. Jede Figur auf dem Brett hat eine Punktzahl zugewiesen, wir bekommen also Punkte, wenn wir gegnerische Figuren schlagen. Und verlieren dementsprechend Punkte, wenn unsere Figuren erobert werden. Das macht in den ersten Runden mit geringen Highscores das Spiel recht schnell und zwischen den Runden können wir gewonnenes Geld gegen Items oder Upgrades ausgeben.

Chaturanga hat mir allerdings innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Grenzen aufgezeigt. Schach ist nicht wirklich mein Metier und Chaturanga ist im Grunde ein indischer Vorläufer des heute bekannten Schachspiels. Es gibt zwar ein Hilfe-Menü, in dem uns ein Text die Grundlagen des Videospiels Chaturanga beibringen will. Allerdings fehlt es dem Spiel in seinen Erklärungen innerhalb des Spiels an Klar- oder Offenheit. Dann saß ich oftmals da und musste wieder neu lernen, was gewisse Eigenheiten (z.b. der Rundentyp Kamikaze hat mir da zu Beginn Schwierigkeiten gemacht) von Chaturanga nun bedeuten sollen.
Und als wäre dies noch nicht genug, ließ Chaturanga leider auch technisch zu wünschen übrig. Auf dem Steam Deck kam es nach jeweils einer knappen halben Stunde zu einem völligen Kollaps der Steuerung und keine Eingabe funktionierte mehr. Es lässt mich zudem darauf schließen, dass das Steam Deck hier trotz allgemeiner Spielbarkeit in der Entwicklung nicht beachtet wurde, wenn zusätzlich keine Musik aus dessen Lautsprechern dringt. Diese Probleme gab es auf dem PC nicht. Obwohl es nicht ganz meinen Geschmack getroffen hat, sehe ich weiterhin, was mir eingangs zugesagt hat: ein solides Roguelike mit interessanter Prämisse.
Wer anderen eine Grube gräbt, hat einen Löffel

Doch bevor uns die wütenden Elefanten von Chaturanga niedertrampeln, schnell zum nächsten Spiel. Und was bietet sich auf der Flucht besser an, als ein Escape-Game! Digging a Hole with a Spoon – Escape from Alcatraz ist einer der zahlreichen Vertreter des Memes, endlose Löcher ins Erdreich buddeln zu müssen. So richtig wurde ich auf diese Spiele erst durch A Game about Digging a Hole vom Februar 2025 aufmerksam. Und eigentlich sprach mich das Konzept nie so wirklich an, zu langweilig empfand ich den Gameplayloop – von außen betrachtet -, einfach vor sich hin zu buddeln.
Digging a Hole with a Spoon hingegen…naja…hier buddel ich mit Löffeln! Aber nicht irgendwelchen Löffeln, sondern mit Löffeln, die mir eine Stimme aus der Toilette meiner Zelle reicht. Dort kann ich auch mit den Materialien, die ich beim Buddeln gesammelt habe, Upgrades und Equipment für den Löffel erwerben. Zwar sind die immer gleichen drei Zeilen, welche die Toilette abseits des Tutorials sprechen kann, irgendwann komplett nervig, doch man gewöhnt sich an den immer gleichen Ablauf.
Zeitvertreib und Schmunzler
Zugegeben, ich habe mir gedacht, probiere das Meme einfach mal aus, wenn du eh schon nach zufälligen Spielen suchst. Und komplett abgeschreckt wurde ich jetzt nicht. Der Witz ist zwar nach wenigen Minuten vorbei, doch das monotone Buddeln und Verfolgen der Rohre unter Alcatraz war für kurze Zeit recht spaßig. Es half sehr, dass die Upgrades zu Beginn schnell möglich sind und dementsprechend mehr Erde fortgebuddelt werden kann. Und dass ich irgendwann den Einsatz des Grappling Hooks kapiert habe und mich nicht nur voran gestorben bin. Auch nett!
Und so lief dann jede Session so ab: Ich steige in mein Loch und folge ihm bis ans Ende. Dort buddel ich, bis mir die Ausdauer flöten geht und sammle Müll aus dem Erdreich für Geld auf. Dann kehre ich wie ein Spider-Man mit meinem Sprüh-Grappling Hook zurück an die Oberfläche. Tausche Müll gegen Geld. Kaufe eventuell Upgrades. Und steige wieder ins Loch. Manchmal warten Hindernisse wie heiße Heizungsrohre im Erdreich auf uns, aber wirklich spannend wurde es spielerisch nie. Für einen kurzen Abstecher hat mir Digging a Hole with a Spoon – Escape from Alcatraz zwar gefallen, aber leider nicht für mehr.
Ein Glitch in der Matrix

Zwei Spiele, zweimal kann ich für mich attestieren: Ich sollte mich noch ein Stück weit intensiver mit zukünftigen Spielen für diese Artikelreihe beschäftigen. Denn dass Chaturanga als Schachvariante nicht gänzlich mein Fall sein könnte, hätte ich im Vorfeld wissen können. Und Löcher buddeln hat bereits bei anderen Titeln im Vorfeld kaum Eindruck auf mich hinterlassen. Fixora allerdings ist eine ganz andere Hausnummer. Ich mag Puzzle-Plattformer sehr und darüber hinaus hatte ich auch mal wieder Lust auf diese Art Spiel. Die besten Voraussetzungen also!
Und Fixora hält was es verspricht. Wir schlüpfen in die Rolle des von einem Computersystem geschaffenen Antivirus Zero. Ein schwerwiegender Bug hat das System heimgesucht und wir sind auserwählt, das Insektenspray auszupacken und anzuwenden. Leider sind auch wir betroffen, denn alle paar Sekunden glitchen wir selbst einige Pixel nach links oder recht, oben oder unten. Glück im Unglück! Denn nur so schaffen wir es, das verworrene Computersystem “problemlos” zu bewältigen. Denn jeder Glitch ist somit auch eine Teleportation: über Abgründe, auf erhöhte Kanten oder durch solide Wände hindurch.
So war das dritte und letzte Spiel meiner ersten Trüffeljagd prinzipiell ein Volltreffer. Die Idee des ewigen Teleports ist einzigartig und erhöht die Dringlichkeit, die Herausforderungen der einzelnen Systemkammern anzugehen. Zu Beginn war es sehr nervig, innerhalb von wenigen Sekunden die Position zu wechseln. Steuern können wir lediglich die Ausrichtung, das heißt wir müssen in jedem Intervall neu die Entscheidung treffen, ob ich als nächstes horizontal oder vertikal glitchen soll.

Fixora wird im Laufe recht anspruchsvoll und es kommen noch diverse andere „Glitch-Fähigkeiten“ hinzu, die ich nicht erwähnt habe. Ich kann aber aktuell mit Fug und Recht sagen, dass ich meinen ersten kleinen Rohdiamanten gefunden habe. Und das beim ersten Mal! Nicht alles ist perfekt, vor allem das Timing beim Bildschirmwechsel hinzubekommen ist in meinen Augen nicht allzu intuitiv. Aber wer Puzzle-Plattformer mag und seine Neujahrs-Katerstimmung abstreifen will (wir wissen alle, die bleibt den gesamten Januar über!), der ist hier gut aufgehoben.
Neujahrs-Frischlinge
Selbstverständlich gibt es noch andere Titel, die mein Interesse geweckt oder zumindest angestupst haben. Eine kleine Auswahl darunter möchte ich euch nicht vorenthalten. Ein Opfer meiner “Unlust” wurde Eclipse of Eldergaard. Trailer sah okay aus, auch wenn ich bezweifle, dass Soulslikes dieser Preiskategorie wirklich allzu viel unter der Motorhaube haben. Allerdings ist diese Artikelserie auch ein wenig dazu da, den Horizont zu erweitern. Am Ende entschied ich mich nur dagegen, weil ich schlichtweg keine Lust auf das Genre hatte, was ich als validesten Punkt ansehe.
Dazu hat mich auch – obwohl Cozy-Simulationen ganz und gar nicht mein Fall sind – im Nintendo eShop Wander Scoop angesprochen. Ich musste beim Trailer sofort an eine Eiswagen-Version der beliebten Cook, serve, delicious-Reihe denken. Diese Spiele haben mich zu sehr überfordert, Wander Scoop sieht hingegen gemütlicher aus. Ich kann mir schon vorstellen, dass es die ein oder anderen Leser:innen gibt, die Freude an diesem Titel haben werden. Lustig allerdings: Laut Trailer sollte das Spiel erst am 8. Januar erscheinen, im eShop war es hingegen seit Neujahr komplett kaufbar, keine Vorbestellung. Sachen gibt’s.
[Hintergrund des Titelbildes von Franz Müller auf pexels.com]