Einer der wohl besten, mit Sicherheit aber der bekannteste, Youtube-Kanäle zu dem Thema „Analyse von Spieldesignprinzipien“ ist Game Maker Toolkit. Auf dem Kanal werden verschiedene Fragestellungen zur interaktiven Komponente in Videospielen diskutiert: Heranführung an Spielmechaniken, Komplexitätssteigerungen ohne den Spieler zu verlieren, Wahlfreiheiten in der spielerischen Herangehensweise und Methoden im Spielkonzepte im Spielverlauf frisch zu halten. Was liegt da näher, als die theoretisch ergründeten Ansätze selbst in einem Spiel umzusetzen? Herausgekommen ist hierbei das Spiel Mind over Magnet, das dieser Tage den Weg auf die Spielkonsolen schafft.
In Mind over Magnet spielt man einen kleinen Roboter, der in einer Fabrik voller Magnete eingesetzt werden soll. Selbst ist der Roboter allerdings nicht magnetisch, sondern muss, um mit den vielen magnetischen Vorrichtungen zu interagieren, auf die Dienste kleiner Hufeisenmagnete zurückgreifen. Derer gibt es je nach Zählweise zwei oder drei, die man zunächst einzeln kennenlernt, bevor man die Magneten gemeinsam einsetzen darf. Mit der physikalischen Realität nimmt es Mind over Magnet im Sinne der Spielbarkeit nicht so genau, so sind die Hufeisenmagnete alle Monopole und kommen zudem mit verschiedenen Eigenschaften hinsichtlich der Interaktion mit verschiedenfarbigen Laserstrahlen daher. Die Unterschiede zwischen den Magneten erscheinen zunächst subtil, spielen aber eine ganz erhebliche Rolle im Rätseldesign.

Mind over Magnet ist ein Rätsel-Jump & Run, das zwar seinen Schwerpunkt klar auf die Magnet-Rätsel legt, dabei aber die Jump & Run-Komponente nicht vernachlässigt. Die Sprungmechanik des kleinen Roboters ist offenkundig gut ausbalanciert und poliert worden und seine weiteren Fähigkeiten: Greifen, ablegen, werfen sind so gestaltet, dass sie zuverlässig von der Hand gehen, die jeweilige Fähigkeit aber auch in der Interaktionsweise gut repräsentieren.
Eine Schwierigkeit, die bei der Kombination von Jump & Run und Rätselelementen oft aufkommt, ist die Unschärfe zwischen motorischem Versagen und intellektueller Fehlleitung. Allzu leicht kann es passieren, dass an sich als Spieler unsicher ist, ob eine Idee richtig, aber die Ausführung zu hemdsärmelig ist, oder ob umgekehrt die Idee selbst das Problem ist. In Mind over Magnet ist das nicht so, in meiner gesamten Spielzeit war es stets offensichtlich, woran ein Ansatz gescheitert ist. Das liegt einerseits an der sorgfältig gestalteten Spielmechanik, andererseits auch an einer sehr verständlichen Kommunikationsweise des Spiels mit dem Spieler.

Die Rätsel im Spiel beginnen sehr leicht, nehmen aber im Laufe des Spiels merklich an Komplexität zu und bauen systematisch aufeinander auf. Der Rhythmus zwischen neuen Ideen und anspruchsvolleren Aufgaben ist dergestalt, dass man durchweg motiviert bleibt, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Spieler mit einer besonderen Vorliebe für knackige Aufgaben von der phasenweise doch sehr drastisch fallenden Schwierigkeitskurve enttäuscht sein könnten. Mind over Magnet erinnert in dieser Hinsicht – und nicht nur in dieser – an die Designansätze, die Nintendos Studios in Kyoto und Tokyo pflegen.
Technisch ist Mind over Magnet beinahe makellos, mit einer einfachen, sprechenden Bildsprache, simplen Menüs und ansehnlichen Animationen. Die Geschichte, die das Spiel begleitet, ist niedlich ohne aufdringlich zu sein und wird mit einer Kombination aus Text und einfachen Emoticons quirlig herübergebracht. Der einzige technische Makel, der mir aufgefallen ist, ist das Hilfssystem. Wenn man in einem Level nicht weiterkommt, sollte man – vermutlich – drei Optionen im Pausemenü auswählen können: Level neu starten, Hinweis anzeigen oder Level überspringen. Ich sage vermutlich, denn die zweite Option, „Hinweis anzeigen“, habe ich nur auf Basis dessen erraten, dass in Levels, die keinen Hinweis haben, auf dem Button steht „keine Hinweise verfügbar“. In den anderen Levels steht auf dem Button ebenfalls „Level überspringen“ und augenscheinlich macht der Button auch einfach nichts, außer ich bin schlicht zu blöd, um den Hinweis zu lesen.

Mind over Magnets ist ein durchdacht designtes Rätsel-Jump & Run, das die beiden häufig vorkommenden Stolperfallen in diesem Genre – Unklare Fehlerkommunikation und vernachlässigte Sprungmechanik – mit Bravour meistert und über seine gesamte Spielzeit von ca. zwei Stunden erstklassig unterhält. Marc Brown von Game Maker’s Toolkit hat die Prinzipien, die er in seinen Videos herausgearbeitet hat, mit Fingerspitzengefühl umgesetzt und ein Spiel als Erstlingswerk abgeliefert, das in mehrerlei Hinsicht an Nintendos Spiele erinnert.

Vielen Dank an Flux Games für die Bereitstellung des Testmusters. Getestet auf Xbox Series X.