Imurs Indie Imbiss: Silver Pines (Review)

Es gibt Spiele, bei denen man nach wenigen Minuten ziemlich genau weiß, welche Titel bei der Entwicklung Vorbild waren. Bei Silver Pines dürfte die Liste nicht besonders schwer zu erraten sein. Ein Privatdetektiv kommt auf der Suche nach einer verschwundenen Person in eine amerikanische Kleinstadt, in der sich alle Menschen mindestens ein wenig merkwürdig verhalten. Während die Realität zunehmend auseinanderfällt, wird aus der zunächst recht gewöhnlichen Ermittlung immer mehr ein Albtraum.

Wer dabei an Silent Hill denkt, liegt sicher nicht ganz falsch. Auch David Lynch und insbesondere Twin Peaks dürften den Entwicklern nicht völlig unbekannt gewesen sein. Der spielerische Aufbau erinnert mich persönlich aber stärker an ein klassisches Resident Evil, als an Silent Hill.

Ist das wirklich ein Metroidvania?

Silver Pines wird prominent als Metroidvania vermarktet, doch diese Bezeichnung halte ich für diskutabel. Zwar erkundet man eine zusammenhängende Welt, kehrt regelmäßig in bereits besuchte Gebiete zurück und öffnet mit später gefundenen Werkzeugen oder Schlüsseln zuvor versperrte Wege. Das allein macht für mich aber noch kein Metroidvania aus.

Nach dieser Definition wäre schließlich auch das erste Resident Evil eines: Dort erkunde ich ebenfalls eine verschachtelte Spielwelt, stoße ständig auf zunächst unzugängliche Räume und kehre später mit den passenden Schlüsseln oder Gegenständen zurück. Silver Pines fühlt sich für mich strukturell wesentlich näher an diesem klassischen Survival-Horror-Prinzip an als an Metroid oder Castlevania.

Im Laufe des Spiels findet man beispielsweise ein Brecheisen oder einen Hammer und läuft dann zurück zu Orten, an denen man zuvor eine passende Barriere gesehen hat. Streng genommen bekommt man sogar eine richtige neue Fähigkeit, denn irgendwann kann unser Privatdetektiv weiter schwimmen. Mechanisch funktioniert aber selbst das im Grunde nur wie ein weiterer Schlüssel für zuvor unzugängliche Bereiche.

Das ist allerdings überhaupt nicht schlimm. Silver Pines muss schließlich kein besonders gutes Metroidvania sein, wenn es stattdessen ein wirklich gutes Survival-Horrorspiel ist.

Willkommen in Silver Pines

Besonders gelungen ist dabei die Welt selbst. Der handgezeichnete Artstyle sieht fantastisch aus und zusammen mit Sounddesign, Musik und den surrealen Ereignissen entsteht eine herrlich unangenehme Atmosphäre. Silver Pines erinnert immer wieder an Silent Hill, ohne einfach nur wie eine billige Kopie davon zu wirken.

Auch die Erkundung funktioniert hervorragend. Einen großen Anteil daran hat eine der besten Karten, die ich seit längerer Zeit in einem solchen Spiel gesehen habe. Sie zeigt nicht nur sehr übersichtlich, welche Wege bereits zugänglich sind, sondern hilft auch dabei, sich all die Stellen zu merken, an denen man zuvor noch nicht weiterkam. Das ist bei einem Spiel, das so stark auf Backtracking setzt, wichtiger als es zunächst klingt. Außerdem kann man mit einer Kamera Fotos von Hinweisen machen und sie an die Karte heften. So kann man sie später jederzeit wieder aufrufen.

Ähnlich angenehm sind die Rätsel. Wirklich lange festgehangen habe ich bei keinem davon. Manchen dürften sie sogar etwas zu leicht sein, für mich treffen sie aber ziemlich genau den richtigen Punkt. Ich möchte bei einem Survival-Horrorspiel kurz überlegen müssen und mich über die Lösung freuen, aber nicht eine halbe Stunde vor einem Zahlenschloss verbringen, weil ich irgendwo eine kryptische Notiz falsch interpretiert habe. Silver Pines unterbricht seinen Spielfluss dadurch nur selten. Ich erinnere mich eigentlich nur an ein Rätsel, bei dem ich erst nicht kapiert habe, was das Spiel von mir möchte.

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Etwas weniger begeistert war ich zunächst vom Speichersystem. Gespeichert wird an Telefonen und dafür benötigt man Geld. Im Grunde sind die Münzen also die Farbbänder aus Resident Evil. So etwas mag ich überhaupt nicht.

Silver Pines besteht allerdings zusätzlich darauf, dass ich für jeden Speichervorgang tatsächlich eine Telefonnummer eintippe. Beim ersten Mal ist das atmosphärisch. Beim zehnten Mal frage ich mich, ob das wirklich etwas zur Atmosphäre beiträgt oder einfach nur noch nervt.

Zumindest die Kosten spielen letztlich kaum eine Rolle. Geld findet man in solchen Mengen, dass ich irgendwann aufgehört habe, mir Gedanken darüber zu machen, ob ich es für einen Speicherstand verschwenden sollte. Zumindest dann, wenn man nicht alles an den „Snackautomaten“, die auch Munition verkaufen, verprasst. Das System klingt auf dem Papier deshalb wesentlich bedrohlicher, als es im eigentlichen Spiel ist.

Kämpfen oder weglaufen?

Auch beim Kampfsystem orientiert sich Silver Pines eher an klassischem Survival Horror. Gerade zu Beginn ist es meistens die beste Entscheidung, Gegner einfach stehen zu lassen. Munition ist wertvoll und Nahkampfwaffen gehen kaputt, sodass sich die Frage stellt, ob ein Kampf die verbrauchten Ressourcen überhaupt wert ist.

Das funktioniert über weite Strecken ziemlich gut. Später wirft das Spiel allerdings immer mehr und vor allem schnellere Gegner auf den Spieler, sodass Ausweichen nicht mehr immer eine realistische Option ist. Gleichzeitig zerbrechen die Nahkampfwaffen gefühlt genau dann, wenn man sie gerade wirklich gebrauchen könnte. Zum Glück gibt es Klebeband und Reparatursets, mit denen man sie schnell wieder flicken kann.

Die Ressourcenverteilung erinnert dabei ebenfalls an klassische Resident Evil Teile: Am Anfang möchte man am liebsten gar keine Schusswaffen benutzen und am Ende wird man zur wandelnden Ein-Mann-Armee.

Wer mit Ressourcenmanagement und schwierigeren Kämpfen überhaupt nichts anfangen kann, muss Silver Pines deshalb aber nicht abschreiben. Die Schwierigkeitsgrade lassen sich ziemlich umfangreich anpassen. Dadurch kann man den Survival-Aspekt deutlich entschärfen, ohne dass das Spiel gleich zu einem völlig trivialen Spaziergang wird.

Vermisst: Eddie Velvet

Bleibt die Geschichte. Privatdetektiv Red Walker soll den verschwundenen Musiker Eddie Velvet finden und landet dafür in einer Stadt, deren Bewohner sich ungefähr so normal verhalten, wie man es bei dieser Ausgangslage erwarten würde.

Das ist alles nicht schlecht erzählt und gerade die Atmosphäre trägt die Handlung über weite Strecken. Inhaltlich hat mich die Geschichte allerdings weniger überrascht als die Welt, in der sie stattfindet. Den Privatdetektiv, der in einer seltsamen Kleinstadt nach einer verschwundenen Person sucht und dabei feststellt, dass hier irgendetwas ganz gewaltig nicht stimmt, hat man in ähnlicher Form einfach schon häufiger gesehen.

Interessanter wird es beim Ende. Genau genommen bei den Enden, denn davon gibt es drei. Erfreulicherweise muss man dafür nicht das komplette Spiel dreimal durchspielen. Alle lassen sich innerhalb eines Durchgangs erreichen. Nach ungefähr 13 Stunden hatte ich sämtliche Varianten gesehen.

Eine eindeutige Erklärung sollte man dabei allerdings nicht erwarten. Die Enden lassen einiges offen und bieten reichlich Raum für Interpretation. Ob man das faszinierend oder unbefriedigend findet, dürfte stark davon abhängen, wie sehr man Geschichten mag, die nicht jede ihrer Fragen selbst beantworten.

Fazit

Silver Pines ist für mich weniger das Metroidvania, als das es vermarktet wird, und viel mehr ein klassisches Survival-Horrorspiel in einer großen, zusammenhängenden Welt. Und als solches funktioniert es hervorragend.

Vor allem Artstyle und Atmosphäre haben mich begeistert. Die Mischung aus Silent Hill, Resident Evil und einer ordentlichen Portion David Lynch funktioniert erstaunlich gut, die Welt macht Spaß zu erkunden und die hervorragende Karte sorgt dafür, dass das viele Backtracking nie zum Ärgernis wird. Dazu kommen Rätsel, die vielleicht etwas zu einfach geraten sind, dafür aber auch nie unnötig den Spielfluss aufhalten.

Das Kampfsystem und insbesondere die ständig zerbrechenden Waffen haben mir etwas weniger Freude bereitet und auch die Geschichte erfindet das Genre nicht gerade neu. Beides hat mich aber nicht davon abgehalten, jeden Winkel von Silver Pines zu erkunden und am Ende alle drei Enden freizuschalten.

Wer etwas mit klassischem Survival Horror anfangen kann, sollte sich Silver Pines deshalb unbedingt ansehen. Und wer eigentlich wegen des versprochenen Metroidvanias gekommen ist, bekommt vielleicht nicht ganz das erwartete Spiel, dafür aber möglicherweise das bessere. Als Metroidvania Fan war ich nach anfänglicher Enttäuschung nämlich sehr positiv überrascht, wie sehr mich das Spiel in seinen Bann gezogen hat. Definitiv ein Indie-Highlight 2026!

Getestet auf PC unter SteamOS. Vielen Dank an Team17 für das Testmuster.