Stealth und Jump & Run werden nur äußerst selten kombiniert, da Stealth üblicherweise sehr langsam und methodisch gespielt werden sollte, wohingegen in Jump & Runs die Freude an flüssiger und waghalsiger Bewegung im Mittelpunkt steht. Ereban: Shadow Legacy wagt sich dennoch an diese ungewöhnliche Mischung und kombiniert die beiden Ansätze auf eine kreative Art.
Ereban erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die der Volksgruppe der Ereban angehört. Die Ereban sind eine Volksgruppe, die auf besondere Weise im Schatten lebt und daher vielen Menschen überhaupt nicht bekannt sind. Zu Beginn des Spiels wird die junge Ereban in einen die gesamte Gesellchaft überspannenden Konflikt geworfen, in dem vor allem die Motive der dominanten Firma in der Gesellschaft in Frage stehen. Diese Firma gibt sich als Wohltäter, der die gesamte Menschheit mit Energie von der Sonne versorgt, doch irgendetwas ist faul bei dieser Firma und was das genau ist, das wollen wir in diesem Spiel herausfinden. Eine kleine Anmerkung an der Stelle: Auch wenn die Beschreibung des Plots es vielleicht vermuten lassen könnte, erzählt Ereban keine gegen erneuerbare Energien gerichtete Geschichte.

Ereban ist in acht Kapitel unterteilt, die in strikt linearer Reihenfolge gespielt werden müssen. Man kann allerdings bereits absolvierte Kapitel jederzeit wiederholen, um verpasste Sammelgegenstände und Upgrades einzusammeln, sowie seinen Levelrank zu verbessern. Die Spielmechanik von Ereban bietet zunächst einmal die Grundlagen beider Genres, die es verknüpft. So kann man Rennen, springen und leicht geduckt schleichen, um generischer Aufmerksamkeit zu entgehen. Wenn man sich von hinten an einen Gegner herangeschlichen hat, kann man zudem mit X einen Stealth-Kill durchführen. Offene Kämpfe sind hingegen unmöglich: Wird man von einem Wächter erwischt, rennt er hinter dem Spieler her und wenn man es nicht schafft, dem Wächter zu entkommen – was der Regelfall sein dürfte, da die Wächter sehr schnell sind – heißt es schlicht Game Over. Allerdings ist das Spiel ziemlich großzügig in Hinsicht auf Rücksetzpunkte und kommt zudem mit drei Schwierigkeitsgraden daher, die ausschließlich die Schleichaspekte modifizieren.
Bis hierhin klingt Ereban nach Standardkost, doch eine Mechanik, die sowohl dem Stealth als auch dem Platforming dienlich ist, lässt Ereban frisch wirken. Wie bereits eingangs bei der Besprechung der Geschichte angesprochen, spielen Schatten für Ereban eine besondere Rolle. So können Ereban sich nämlich für gewisse Zeit in Schatten hineinbegeben und ähnlich wie die Squids in Splatoon in den Schatten herumfahren. Ist man mit einem Schatten verschmolzen, können die Wächter einen nicht sehen, solange sie die Taschenlampe, die fast alle Wächter mitführen, nicht auf die Stelle des Schattens richten, mit der man verschmolzen ist. In dem Fall ist an dem Ort nämlich kein Schatten mehr und man steht schutzlos vor dem Wächter. Die Schattenfunktionalität dominiert den Stealthaspekt von Ereban deutlich, da die Schatten es erlauben, Schleichen und hohe Spielgeschwindigkeit zu kombinieren.

Allerdings spielen die Schatten auch für das Platforming eine entscheidende Rolle. Ist man mit einem Schatten verbunden, kann man nämlich nicht nur auf dem Boden den Schatten entlangfahren, sondern auch an Wänden. Zudem ist es auch möglich, durch Gitter hindurchzufallen, wenn diese im Schatten sind. Besonders die Fähigkeit, an Wänden den Schatten zu folgen, wird auf kreative und unterhaltsame Weise immer wieder, besonders aber im letzten Spieldrittel, auf die Probe gestellt. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei, dass Schatten in Ereban keineswegs statisch sein müssen, sondern – eigentlich wenig erstaunlich – auch von beweglichen Objekten ausgelöst werden könne. Auf diese Weise kann man einige sehr waghalsige Manöver ausführen, die aber gleichsam eine Menge Spaß machen.
Das Leveldesign von Ereban ist zwar im Grunde genommen einigermaßen linear, da man stets eine klar definierte Hauptaufgabe zu erledigen hat, die, so man denn möchte, auch mit einem Marker in der Spielwelt gekennzeichnet ist. Die Welten selbst sind aber dem Layout nach recht offen gestaltet und enthalten eine ganze Menge optionaler Aufgaben und Sammelgegenstände. Diese dienen dazu, verschiedene Fähigkeiten seiner Ereban aufzuwerten oder neue Fähigkeiten freizuschalten. Abgesehen von einigen automatisch im Verlauf der Story verliehenen Fähigkeiten sind diese Fähigkeiten nicht essenziell, um das Spiel abzuschließen, können aber gerade den Stealth-Aspekt etwas spaßiger gestalten.

Ereban: Shadow Legacy ist ein kreatives und gut designtes Genre-Mix-Spiel, das nur einige kleinere Fehler im Feinschliff hat. Insbesondere gibt es einige Schatteninteraktionen, die die Entwickler offenkundig nicht bedacht haben, und die zu fehlerhaftem Verhalten führen können – sei es durch Wände glitchen oder an einer Geometrie entlanggleiten, die mit der dargestellten Geometrie nur wenig zu tun hat. Diese seltenen Fehler beeinträchtigen die Spielerfahrung aber nur geringfügig. Das gute Leveldesign und die einfallsreiche Grundidee können das Spiel mühelos bis zum Ende tragen.

Vielen Dank an Baby Robot Games für die Bereitstellung des Testmusters. Getestet auf Xbox Series X.