Wisst ihr, es gibt zwei Todsünden, die ein Spiel in meinen Augen begehen kann. Die erste ist offensichtlich: Langeweile tötet nahezu jedes Spiel. Egal wie hochwertig oder kreativ Präsentation, Gamedesign oder Narrative handwerklich sein mögen – ödet mich die Zeit mit dir an, hast du sehr schlechte Karten bei mir. Die zweite, und weitaus frustrierendere Todsünde ist schwerer zu greifen, geschweige denn zu erklären. Hier stimmen viele Dinge. Ich mag die Narrative. Oder das Gamedesign. Manche Elemente sind so überaus kreativ. Wieder andere zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Es sind die Spiele, wo sich bei mir das Gefühl einstellt, in einem alternativen Universum könnte dieses Spiel weitaus besser sein. Weil es nicht über sich selbst stolpert, dabei Potenzial verschwendet oder aufgeworfene Versprechen bricht. Ein solches Spiel ist Portrait Of A Torn leider für mich geworden.
Rückkehr mit Überraschungen
Doch was braucht es, um in meinen Augen in diese Kategorie zu fallen? Da wäre als (für mich!) wichtigste Säule sicherlich die Narrative zu nennen. Portrait Of A Torn hat hier alle Zutaten handverlesen ausgesucht, um sich in der Theorie in mein Herz zu spielen. Das Mystery-Adventure gibt uns die Zügel von Robert, der aus dem Krieg zurückkehrt und sein Heimathaus besucht, in die Hand.
Doch – oh Schreck – der Krieg verändert einen und unsere Mitmenschen. Wir kehren lediglich in ein dunkles, kaltes Gemäuer zurück. Was ist passiert? Wo ist unsere Mutter? Und viel wichtiger, warum liegt das Hundespielzeug mitten im Flur, aber es gibt keine Spur von unserem Bello (Namen habe ich leider schon vergessen)?
All diese Fragen und Portrait Of A Torn beantwortet diese – fast sofort! Einer der größten und im großen Gesamtkontext betrachtet wichtigsten Twists des Spiels befindet sich in den ersten zehn Minuten des Spiels: Wir, also eher Robert, sind im Krieg gefallen. Unsere geisterhafte Rückkehr wird allerdings dermaßen dilettantisch vom Skript, dessen Pacing und dem Voice Actor rübergebracht, so etwas habe ich selten erlebt. Echt nicht. Oh, hi Hope!
Des Pudels Kern
Unsere eigene Geschichte ist nur die Rahmenhandlung für Portrait Of A Torn, um das überspannende Thema des Spiels besser zu verpacken. Denn während wir noch frisch unser eigenes Geisterdasein verarbeitet haben (also sehr schnell), taucht ein anderer mysteriöser Geist auf. Die weißgewandete Frau zieht uns aber nicht nur in ihren Bann, sondern gleich einige Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit.
Denn vor Roberts Familie lebte im Haus ein angesehener Arzt mitsamt seiner Familie, die – wie soll es auch anders sein? – einer erschütternden Tragödie zum Opfer gefallen ist. Der Geist entpuppt sich als Tochter des Hauses, die nach einem schweren Streit in ihr Elternhaus zurückgekehrt ist, nur um dort die Hölle auf Erden zu erleben. Wer gewissen Thematiken wie Kindesmissbrauch oder Selbstmord kritisch gegenübersteht oder davon emotional belastet wird, der sollte einen weiten Bogen um Portrait Of A Torn machen.
Für mich als nun nicht mehr ganz so frischer Papa wäre die Geschichte in der Theorie also eigentlich auch schwerere Kost gewesen. Leider stolpert hier Portrait Of A Torn von einem Klischee ins nächste und erzählt seine Geschichte in manchen Moment viel zu ausschweifend, um anschließend Plotpunkte durchs Maschinengewehr zu jagen. Es ist schon seltsam, wie viel ein Spiel in gerade einmal zwei Stunden erzählen kann, ohne dass wirklich etwas hängen bleibt. Und das obwohl die einzelnen Elemente für sich stehend atmosphärisch, spannend und eigentlich auch denkwürdig sein könnten.
I want to break free
Eine andere wichtige Säule ist für mich das Gamedesign und leider kann Portrait Of A Torn hier nicht wettmachen, was die Narrative stellenweise verzapft. Dies liegt einerseits sicherlich am zugrundeliegenden Genre. Die vielfach geächteten “Laufsimulatoren” (ich verwende lieber Ego-Adventures als Begriff) schränken sich oftmals zu stark in ihren spielerischen Möglichkeiten ein. Darum ist hier die Narrative in meinen Augen so wichtig, gerade weil viele Entwickler:innen nicht aus den altbekannten Mustern ausbrechen wollen.

Portrait Of A Torn tut dies ebenso wenig. Wir wandern durch die Flure und Zimmer des Anwesens, lesen mal hier einen Brief oder dort einen Zeitungsartikel. Hin und wieder brauchen wir einen Code, um weiterzukommen. Diese spielerischen Interaktionen sind allerdings nur allzu simpel, auch wenn oberflächlich beispielsweise ein Code mit Tierkreiszeichen mehr vermuten ließ.
Doch die Lösungen werden stets innerhalb weniger Momente auf dem Silbertablett serviert. Ich verlange jetzt sicherlich keine abstrakten Genre-Hybriden, aber warum ist es so schwer für die Teams, das Rätseldesign von Point’n’Clicks in die dreidimensionale Welt zu transportieren? Das werde ich wohl eine ganze Weile nicht verstehen.
Der innere Horror
Aber dann wäre bei Portrait Of A Torn durchaus noch eine dritte Säule möglich gewesen, um ein paar Fleißpunkte in meiner Gunst zu sammeln. Als übernatürlicher Mystery-Thriller, mit Geistern in einer dunklen, unheimlichen Villa, mit vielen erwachsenen Themen, versucht das Spiel sich seinem inneren Horror zu widmen. Wenn dann allerdings die zuweilen krude Grafik inklusive hässlicher Matschtexturen sowie Schnitte und Kamerafahrten aus der Hölle dazukommen, kann eine gruselige Stimmung nicht aufkommen. Oder vielmehr eine andere Form des “inneren Horrors”.

Und wenn ich jetzt die letzten elf Absätze Text Revue passieren lasse, gibt es für mich persönlich nur eine konsequente Ansicht auf Portrait Of A Torn: Potenzialverschwender. Denn in vielen Aspekten lässt das Ego-Adventure einfach die guten bis soliden Zutaten liegen. Die Narrative hat einige interessante Ideen und erwachsene Bilder, doch es geben sich verwirrendes Pacing und stumpfe Erzählung die Klinke in die Hand, wodurch keines der guten Elemente zur Entfaltung kommt. Das Gameplay bricht nicht aus den Fesseln seiner Genrekonventionen aus und besticht mehr durch träges durch-die-Gegend-schleichen, als durch individuelle Momente. Und der wahre Horror dieser geisterhaften Zeitreise liegt in der technischen und grafischen Qualität des Spiels verborgen. Und so blinkt die Ampel für Portrait Of A Torn so dunkelgelb, dass der letzte Autofahrer noch einmal fest aufs Gas drückt, um rechtzeitig vor Rot über die Kreuzung zu kommen.
Einem Geist auf PlayStation 5 Ruhe gegeben. Ein herzlicher Dank geht an Indigo Studios und Firenut Games für die Bereitstellung eines Mustercodes.