Die erste Börse wurde 1409 im beschaulichen Brügge gegründet. Damals, als die Handelsfamilie Van der Beurze Namenspate stand, war der Börsenhandel noch beschaulich. Ruhig und gemächlich. Unter freiem Himmel, ob es stürmt oder schneit oder – in Brügge wohl vor allem – regnet. Der heutige Börsenhandel ist komplex und zugegeben mir weitestgehend ein Rätsel. Ich bin sehr froh, wenn da in Finanzdingen meine Frau das Ruder übernimmt. Stattdessen spiele ich da lieber Insider Trading, ein kürzlich veröffentlichtes Roguelite. Hier lasse ich liebend gerne die Kurse explodieren oder ins Bodenlose abstürzen. Das sollte ich in der Realität lieber nicht machen.
Börse gehen und sterben
Stattdessen setze ich mich an das Roguelite und starte einen Monat fröhlichen Aktienhandels. In Insider Trading ist es unsere Aufgabe, den Markt derart zu manipulieren, dass wir am Ende einer fünftägigen Woche eine Mindestsumme erzielt haben. Zu diesem Zweck erhalten wir einzelne Spielkarten, die im Laufe eines Tages den aktuellen Börsenwert derart steuern, dass sie entweder dem Aufstieg eines Start-Ups aus dem Silicon Valley oder dem Börsen(nieder)gang der Borussia Dortmund GmbH gleicht.
Insider Trading steht ganz in der Tradition des 2024er Überraschungserfolges Balatro. Wir bauen im Laufe eines Durchgangs ein Deck auf, das uns den Weg zum Reichtum ebnen soll. Mit 1000 Dollar in der Tasche stürzen wir uns dann auf den Markt. In einer Warteschlange werden zufällige Karten aus dem Deck gezogen, die nacheinander abgespielt werden, um ihre Effekte auf den Aktienkurs wirken zu lassen. Wenn wir Aktien gekauft haben, dann soll der Wert natürlich steigen. Setzen wir aus, sollte er im besten Falle weit sinken, um am nächsten Tag mehr Wirkung erzielen zu können, weil wir vom gleichen Geld mehr Aktien kaufen können.

Schaffen wir unsere Quote für die Woche, wird uns all unser Geld entrissen und wir starten nächste Woche wieder bei 1000 Dollar. Aber dafür wenigstens mit dem aktuellen Börsenkurs und dem bereits aufgebauten Deck, juhu! Schaffen wir es nicht, sitzen wir schon bald mit kaputter Hose vor der Börse und betteln um Einlass. Oder so ähnlich stelle ich mir das vor.
Deckbuilding mit Für und Wider
Dreh- und Angelpunkt ist das Deck, welches wir aufbauen sollen. Wir starten in der Regel mit einer überschaubaren Anzahl unterschiedlicher Kartentypen. Bulle- und Bär-Karten sind da in der Regel, egal welchen Charakter des Börsenhandels wir zu Beginn des Runs gewählt haben, immer dabei. Am Ende eines Tages müssen wir dann zwei neue Karten auswählen, eine positive und eine negative, um das Deck zu ergänzen. Hier führt kein Weg daran vorbei, da Insider Trading stets darauf achtet, dass wir auch den Kurs in beide Richtungen manipulieren können.
Und dies ist wichtig, denn wenn wir nur nach hohen Werten streben, können wir in der Folgewoche keine Aktien mehr kaufen. Darum warnt uns auch das Spiel, wenn der Kurs einer einzelnen Aktie zu hoch schnellt. Sollte der Kurs nämlich plötzlich die 1000 Dollar übersteigen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten. Und dies kann schnell zur Niederlage am Ende der Woche führen. Denn nur, wenn wir ein Auge auf die Möglichkeiten haben, die uns das Deck bietet, können wir dementsprechend die Gewinnsumme steigern und am Ende nicht auf der Straße landen.
Und so gilt es, im Laufe der Wochen diverse Dinge zu berücksichtigen. Wie kann ich die Warteschlange manipulieren, um eventuell Combos aus demselben Kartentyp zu entwickeln? Combos, die den Effekt der Karte noch einmal auslösen und so ungeahnte Auswirkungen auf den Aktienkurs haben können. Welche Kartentypen brauche ich dazu? Vielleicht Schwan-Karten, die einen Fokus auf die Zusatzwährung Token verleihen. Diese können wichtig sein, um Pillen für kurzfristige Effekte oder Perks zur Optimierung des gesamten Ablaufs des Tages zu kaufen. Oder direkt auf die Warteschlange selbst Einfluss nehmen.
Zwei mal drei macht vier, widewidewitt
Insider Trading erweist sich hier als überaus komplexe Rechenspielerei. Positive bzw. grüne Karten sorgen in der Regel dafür, dass Kurse steigen können. Negative bzw. rote hingegen geben uns einen Malus. Aber je nachdem, wie wir das Deck manipulieren, Karteneffekte durch Perks eventuell mehrmals Triggern, oder die Reihenfolge in der Warteschlange, können sich unterschiedlichste Auswirkungen ergeben. Zu Beginn bin ich oftmals im Glauben daran, dass die Werte “schon stimmen müssten”, auf die Nase gefallen. So kam ich mit weniger Geld aus dem Markt heraus, als ich vermutet hätte.

Das größte Hindernis stellt in meinen Augen die Manipulation der Warteschlange dar. Einmal verschieben oder eine Karte löschen ist pro Tag kostenlos. Danach steigt der Wert mit jeder Karte weiter und belastet unser Token-Konto. Token sind aber zugleich auch wichtig, um die Verbesserungen und Pillen freizuschalten. Und sie lassen sich nur – bis auf wenige Ausnahmen und das Aussetzen eines Tages – vor allem über die täglichen Zinsen generieren.
Wollen wir die bestmöglichen Ergebnisse erzielen – also ein Gewinn bis zum Soll mit zugleich optimaler Ausgangslage für die kommende Woche, gilt es also, alle Ebenen von Insider Trading gleichermaßen zu beachten. Dies kann, wenn wir das Deckbuilding einigermaßen gut hinbekommen, gegen Ende fast von alleine laufen. Oder komplett an die Wand fahren. Lustig fand ich, dass mein erster Durchgang direkt einen Sieg des kompletten Monats zur Folge hatte. In der Folge bekam ich vor allem bei einem freigeschalteten Charakter größere Probleme. Mein so schneller Sieg lässt also nicht wirklich einen Rückschluss auf die Schwierigkeit des Spieles zu.
Ebbe in der Kasse
Diese würde ich prinzipiell als “okay-ish” einstufen. Leider kann man sich schnell verzetteln beim Deckbuilding, was erst spät im Laufe eines Monats auffallen kann. Sollte man allerdings durch den ersten Monat durchgeschlagen haben, wartet nach dem Sieg des Durchgangs in Insider Trading der Weg in die Unendlichkeit. Hier explodieren die Zahlen des Wochen-Solls, ähnlich wie die Bossblinds in Balatro.
Leider fehlt dem Spiel abseits dessen die Vielfältigkeit. Zwar schalten sich neue Charaktere zum Spielen frei, wenn Durchgänge oder bestimmte Ereignisse erreicht werden, diese variieren allerdings nur wenig die Ausgangslage. So fühlt sich – auch hier eine Parallele zu Balatro – auf Dauer der Beginn schnell sehr repetitiv an. Andere Deckbuilder schalten schneller in den höheren Gang, weil dort die Herausforderungen anderer Natur sind und nicht rein auf den Zahlenwerten beruhen. Es hilft auch nicht, dass optisch Insider Trading sehr monoton ist und die Musik ein ewig gleicher Loop. Lediglich das Timing mit dieser, wenn Karten in der Warteschlange aktiviert werden, fühlt sich auditiv sehr befriedigend an.

Auf alle Fälle ist Insider Trading auf diesem Wege ein sehr solider Roguelite-Deckbuilder geworden, der das Potenzial für mehr in sich trägt. Das einzigartige Setting mit der Marktmanipulation eines Aktienkurses gefiel mir sehr gut. Es bietet ungeahnte Möglichkeiten, das spielerische Design der Karten in wirklich kreative Richtungen zu lenken. Dazu hat mir die Komplexität sehr gefallen. Ständig den Verlauf im Blick haben, den Start der kommenden Woche im Hinterkopf lauernd, das Deck und die Perks nachhaltig optimieren und trotzdem die Quote erfüllen, ist ungemein stimmig und macht Spaß. Dass dem Spiel nach einigen Tagen die Luft ausgeht, weil sich Wiederholungen zu sehr häufen ist schade. Zudem kann ein Run auch nach geübter Zeit bis zu einer Dreiviertelstunde dauern. All dies lässt den Kurs von Insider Trading in meiner Gunst sinken.
Bären mit Bullen auf PC aufgefressen. Ein herzlicher Dank geht an Naiive Games für die Bereitstellung eines Mustercodes.