Tomb of the Bloodletter (Review)

Artwork zu Tomb of the Bloodletter

Ein neuer Durchgang. Gliedmaßen gestreckt, Finger aufgewärmt und in die Tasten gehauen. Ohje, der nächste Gegner, gefährlich viele Lebenspunkte. Also besser so viele Angriffe wie möglich anwenden. Extra langes Wort, das wäre wohl am besten. Extra…extrapo…extrapotr…nee, das klappt nicht. Extra…extraort…extraordinary! Verdammt, ein Buchstabe zuviel! Okay, nochmal von vorne, vielleicht die zwei Schaden auf dem X opfern, dafür lieber mehr vom N. B…E…G…Beginning! Ja, das haut dem genug Schaden drauf und das B verdoppelt den ersten sogar. Los, Enter! Moment, warum gibt es keinen Schaden? Verdammt, es ist der Schlangengegner, der hat mir einen Debuff verpasst. Hätte ich doch nur ein S oder Z benutzt. Beginnings…es wäre so einfach gewesen! Ah! Tomb of the Bloodletter hat mich wieder einmal dran gekriegt!

Fingerübungen mit Tomb of the Bloodletter

Zugegeben, das beschriebene Szenario ist am Ende ein sehr persönliches Problem gewesen. Ein sehr häufiges, sehr persönliches Problem. Mehr Aufmerksamkeit wagen! Aber Tomb of the Bloodletter bietet zahlreiche solcher Momente. Im Tastatur-Roguelike wagen wir uns in das namensgebende Grab, um wertvolle Schätze und somit Ruhm und Ehre zu erhalten.

Doch das Grab ist verflucht. Seine Kammern wandeln sich bei jedem Durchgang auf magische Weise. Und es ist bevölkert von zahlreichen Kreaturen, die sich uns in den Weg stellen. Zum Glück beginnen wir unsere Reise mit zwei wuchtigen Fäusten und einer magischen Tastatur. So ist jedem Ungetüm schnell das Licht ausgeblasen.

Screenshot aus Tomb of the Bloodletter
Artefakte, Leben, Weisheit und andere Dinge gibt es nur als große Kammerbelohnung

Ein Durchgang von Tomb of the Bloodletter besteht darin, die einzelnen Kammern zu betreten und sich von Gebiet zu Gebiet zu kämpfen. Die Auswahl der Kammern ist dabei sehr individuell. Anstatt einen Pfad wie beispielsweise in Slay the Spire zu beschreiten, tippen wir unsere geplante Route ein. Das erste Gebiet fordert von uns ein Wort aus drei Buchstaben und die Tastatur hat vereinzelte Icons zufällig verteilt, die für eine Belohnung stehen. So können wir schauen, je nach Wort, welche Reihenfolge an Belohnungen nach dem Kampf auf uns warten. Oder ob überhaupt.

Ich will der Allerbeste sein!

Haben wir in Tomb of the Bloodletter einen Pfad kreiert, gilt es in jeder Kammer einen Kampf zu bestehen. Je nach Kämpfer, den wir zu Beginn gewählt haben, stehen uns andere Möglichkeiten zur Verfügung. Starten wir eine frische Grabräuberei können wir nur als grober Faustkämpfer, der dafür aber viele HP genießt, nach Schätzen graben. Mein persönlicher Favorit war die zweite Kämpferin. Wenig HP, dafür aber Selbstheilungskräfte. Der erste Schlag eines Angriffs gab uns Leben zurück. Dies fand ich sehr effektiv, denn Leben zurückgewinnen war selten.

Und so kämpfen wir uns durch eine Kammer und greifen eine Belohnung ab. Jeder Kampf gibt uns per se eine Wahl nach einem neuen Magick. Ein solches Magick ist Teil unseres Repertoires an Angriffen und Zaubern, die bei jedem Kampf zufällig über die Tastatur verteilt werden. Wir können also nicht einfach irgendein tolles langes Wort eintippen. Wir müssen schon darauf achten, dass die einzelnen Fähigkeiten in einer sinnvollen Reihenfolge stehen und dabei so viel Wirkung wie möglich entfalten.

Denn je nachdem, welchen Zauber wir nach einem Kampf gewählt haben, wird uns für einen Kampf hindurch ein Debuff begleiten. Ein genretypisches Risk-Reward-System, dem leider auf Dauer die Luft ausgeht, da die Anzahl an Risiken und Belohnungen dementsprechend klein ist. Kein Wunder, denn Tomb of the Bloodletter wurde nur von einer einzelnen Person entwickelt. Da erwarte ich auch nicht wirklich die Komplexität eines Slay the Spire oder Hades. Auch die Kammerbelohnungen, die wir zu Beginn ausgewählt haben, sowie die Gegner wiederholen sich bei mehreren Durchgängen sehr schnell. Sehr schade, denn die Grundlagen von Tomb of the Bloodletter sind fantastisch. 

Ein steter Kampf mit dem Balancing

Jeder Gegner stellt in einem Kampf seine Einzigartigkeit unter Beweis. Ob nun die eingangs erwähnte Schlange; ein Wissenschaftler, der unsere Tasten vergiftet; ein Spiegel, der uns mit jedem Zug die Vokale raubt oder noch viel mehr – kreativ und stellenweise sehr schwer wird das Spiel. 

Mein persönlicher Lieblings-Hass-Gegner beschwört Tag und Nacht herauf. Eine Seite der Tastatur fällt in Dunkelheit, während die andere im Licht erstrahlt. Je nach Tageszeit dürfen wir nur die Tasten auf einer Seite benutzen. Tag-Nachtwechsel gibt es nur, wenn unsere Worte mit einem zufällig bestimmten Buchstaben beginnen. Da die Magicks zufällig auf die Tasten fallen, kann hier die Tageszeit über Wohl und Wehe unserer Eingaben entscheiden.

Screenshot aus Tomb of the Bloodletter
Besser eine Schlange im Stiefel als eine in einer Grabkammer, oder so.

Dies ist beileibe nicht der einzige Gegner und die einzige Situation, in der uns der Zufall einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen kann. Allen voran die Stärke von Angriffen der Gegner oder deren Lebenspunkte wirken stellenweise aus einer anderen Welt. Vor allem, wenn wir nicht vorausschauend planen, sei es bei der Auswahl von Heil-Magicks oder Quellen als Kammerbelohnung, die unser Leben wiederherstellen.

Was hier aber sehr löblich hervorzuheben ist: In den ersten Tagen nach Release gab es zahlreiche Patches, welche sich vor allem diesem Thema gewidmet haben. Bis letzte Woche gab es immer wieder kleinere Änderungen, die das Balancing oder die Performance des Spiels optimiert haben. Unser Start-Grabräuber beispielsweise hatte auf diesem Wege wenige Tage nach meinen ersten Durchgängen plötzlich andere Start-Magicks. Tomb of the Bloodletter war vorher sicher nicht unspielbar, aber das stete Streben nach Optimierung ist mir sehr positiv aufgefallen. Gerade, wenn es sich um einen Solo-Dev handelt.

Tomb of the Bloodletter ist der erste Geheimtipp des Jahres

Auf ganz persönlicher Ebene kann ich aber trotzdem an einigen Stellen rummäkeln. Der Artstyle beispielsweise gefiel mir gar nicht, auch wenn es Tomb of the Bloodletter einen individuellen Anstrich verleiht. Auch die Musik ist bei der zehnten Wiederholung weitaus nerviger, als sie sein dürfte. Dass das Spiel das unglückliche Los mit meinem kürzlich gespielten Wordsuch-Roguelike Word Play teilt, dass ich eben nicht in Manchester, sondern im Rheinland geboren bin, kann ich dem Spiel schwer vorwerfen. Ich erwarte sicher nicht, dass der Solo-Dev von Ethan’s Secretions eine deutsche Übersetzung einbaut. Dadurch ist allerdings für mich das Spiel ein wenig anstrengender, als es notwendig wäre. 

Nichtsdestotrotz hat mir Tomb of the Bloodletter wahnsinnig gut gefallen. Ess isss zwar furchtbar, dasss ich immer auf diessselbe Weisse der Ssslange begegne, doch allen persönlichen Problem zum Trotz ist das zugrundeliegende Design richtig stark. Die Gegner sind vielfältig und kreativ, die Zauber und Angriffe durchdacht. Es fühlt sich gut an, eine starke Combo in die Tastatur zu hauen. Als kleines Roguelike dürfte Tomb of the Bloodletter und sollte hoffentlich seine Fans finden. Aufgrund der vorliegenden Mechaniken und variablen Ideen in Gegner- und Magick-Design steht der Entwickler bei mir nun definitiv auf meiner Watchlist für zukünftige Projekte.

Meine Finger auf einer PC-Tastatur blutig getippt. Ein herzlicher Dank geht an indie.io und Ethan’s Secretions für die Bereitstellung eines Mustercodes.