
Seit sich im letzten Jahr mein Leben durch Zuwachs in den eigenen vier Wänden radikal verändert hat, schaue ich ein wenig anders auf die Welt. Ein wenig entspannter in meiner Lebensweise und zugleich sorgenvoller mit Blick auf Welt und Zukunft. Auf alle Fälle weitaus müder, das Eltern-Klischee ist real! In diesem Punkt hat Camille and Laura direkt einige Sympathiepunkte bei mir gewonnen, denn aktueller geht es (fast) gar nicht mehr in meinem Leben. Doch reichte diese anfängliche Sympathie auch aus, um am Ende zu überzeugen?
Eine Woche im Leben von Camille and Laura
Nicht nur die Prämisse, auch die Optik des Point’n’Click-Adventures hatte es mir bereits im Vorfeld angetan. Camille and Laura ist komplett in Form von Kinderzeichnungen erstellt worden, von Personen über Haushaltsgegenstände bis hin zu Sprechblasen. Lediglich bei Orthografie und Rechtschreibung behaupte ich mal, dass die Fünfeinhalb-Jährige Camille Hilfe von ihrer Mutter Laura hatte.
In deren Rolle schlüpfen wir im Verlauf der fünf Tage, in denen wir den Haushalt managen, unseren Job über die Bühne bringen und die kleine Camille während ihrer ersten Tage auf der Schule begleiten müssen. Ich hoffe mal nicht, dass mir in ein paar Jahren eine solche Woche ins Haus steht. Denn Laura kämpft enorm mit dem Mental Load, den diese drei Schlachtfelder des Alltags auftürmen. Inklusive unvorhersehbarer Ereignisse an allen Fronten.

Jeder Tag läuft nach demselben Muster ab. Bevor es in Schule und Arbeit geht, steht die Zubereitung des gemeinsamen Frühstücks auf dem Programm. Dann bringen wir Camille in die Schule, bevor wir uns im Büro auf die ewig gleiche, monotone Arbeit stürzen. Mittagspause, zweite Schicht – dann geht es auch schon wieder zur Schule, um Camille abzuholen und Mittagessen zuzubereiten. An einigen Tagen winkt noch ein außergewöhnlicher Termin, beispielsweise Einkaufen, und am Abend bringen wir Camille nach einem anstrengenden Tag ins Bett.
Die hier innerhalb einer Stunde erzählte Geschichte hatte meines Erachtens einige interessante Momente und kulminiert am Ende auf eine sehr simple und (eigentlich) offensichtliche Botschaft: Egal was kommt…Liebe.
Der Alltag hat uns im Griff
Dies mag in der Summe plakativ wirken und ist – wie gesagt, eigentlich – etwas, was als Elternteil natürlich kommen sollte. Aber da spreche ich wahrscheinlich aus der falschen Perspektive, denn sowohl die Belastungen, als auch eigene individuelle Gründe können dagegen sprechen. So wissen wir beispielsweise nicht, warum Camille alleinerziehend ist. Aber es heißt ja auch Camille and Laura und nicht Camille, Edgar and Laura, vielleicht so simpel.
Aber ja, Camille and Laura baut seine Narrative auf ein bestimmtes Ziel hin auf, welches ich durchaus gut fand. Für diesen Zweck lässt uns BonjourBorzoi eine ganze Reihe von alltäglichen und mehr oder weniger nervigen Aufgaben zukommen. Hier gilt es nicht, irgendwelche Puzzle zu lösen oder die Narrative selbst in Händen zu halten. Sondern um den Alltag und unvorhergesehene Ereignisse. Beim Einkaufen müssen wir beispielsweise auf unser Budget achten und können dementsprechend weniger Essen oder Schulartikel kaufen. Was zur Folge hat, entweder monoton jeden Tag das gleiche zu Essen oder einen Hinweis von der Klassenlehrerin zu bekommen, weil Camille ständig nach Stiften zum Ausleihen fragt.
Essen zuhause zuzubereiten oder auf der Arbeit den Mailverkehr zu bewältigen, sind ermüdend gestaltet, um uns auf spielerischer Basis den ewigen Trott näherzubringen. Dies dürfte wahrscheinlich vor allem Gameplay-Puristen ein Dorn im Auge sein.

Ich persönlich hätte mir da ein wenig mehr Gehalt dahinter erhofft. Vor allem die Mails im Büro lassen meiner Ansicht nach enorm Potenzial schweifen, da der Inhalt komplett egal ist. Dies mag narrativ Sinn ergeben, um den Trott zu unterstreichen, eine authentische Darstellung ist es allerdings dann auch nicht.
Überzeugende Botschaft, aber mehr eher nicht…
Aber dies will Camille and Laura auch nicht. Vielmehr hat die knapp einstündige Reise durch die Arbeitswoche der Familie vor allem einen repräsentativen Charakter. Wir sollen aus der Perspektive der Alleinerziehenden die Hürden des Eltern-Daseins kennenlernen. Stilisiert, ob durch die Form des Gameplays oder die Optik. Und nicht “Spaß” daran haben. Ein wenig sollen wir nachfühlen, wie es Camille geht, sobald das Konto überzogen ist. Oder nicht mehr genug Zeit für die eigenen Freuden im Leben bleibt. Falls überhaupt noch Freude vorhanden ist. Und am Ende des Tages doch mit vollem Herzen und Einsatz für Laura da sein. Doch noch eine Gutenacht-Geschichte zu erzählen. Weil man trotz aller Täler irgendwann wieder mit einer Bergfahrt belohnt wird.

Und ja: Ich fühle in dem Punkt gegenwärtig mit der fiktiven Mutter in Camille and Laura mit. Und auch andere Eltern dürften sich sicherlich wiedererkennen, auch wenn selbstverständlich diese Woche hier schon sehr “literarisch konzentriert” ist und verschiedene Dinge sich innerhalb kürzester Zeit häufen. Spielerisch wirkte das Point’n’Click weitestgehend verhalten. Es will ermüden, schafft dies aber nur bedingt. Stattdessen verliert sich die Stunde irgendwann in seinem Plot und lässt Fragen für seine thematische Botschaft links offen liegen. Und der Zauber des Artstyle, der mich ebenfalls zu Beginn angesprochen hat, ist ebenfalls schnell verflogen. Schade, denn hier hätte es sicher etliche kreative Ideen geben können, um sich auszutoben und zugleich die Botschaft zu unterstreichen.
Meinem Kind während dem Spielen auf PC immer wieder gesagt, wie lieb ich es habe. Ein herzlicher Dank geht an BonjourBorzoi für die Bereitstellung eines Mustercodes.