Was ich nicht sehe, existiert nicht. Sei es der Stapel Dreckwäsche, die Schokolade im Schrank oder … der Mond? Letzteres geschieht zumindest der Spielfigur in Cassette Boy. Das Puzzle-Action-RPG im grünen Game Boy-Look macht die Nichtexistenz von unsichtbaren Dingen zum Gameplayelement.
Versteckt hinter Wänden
Per Knopfdruck ändere ich die Perspektive in Cassette Boy. So verstecke ich Gegner und Stacheln, aber auch den einen oder anderen betätigten Schalter hinter Wänden. Sobald ich sie nicht sehe, existieren sie nicht mehr. Gegner bewegen sich nicht weiter und ich kann unbeschadet entlanggehen, wo sie gerade noch standen. Stacheln piksen mir nicht mehr in die Füße. Schalter schalten sich nicht wieder aus, solange sie nicht zu sehen sind.
Drehe ich die Kamera ein Stück weiter und die entsprechende Stelle wird wieder sichtbar, tauchen verschwundene Objekte und Gegner wieder auf. Die Puzzlemechanik ist einfach zu verstehen, was für die Puzzle selbst nicht immer gilt. Zwar gibt es die simplen Rätsel, bei denen ich ein Monster verstecke, um zu passieren, aber Cassette Boy wartet mit einer großen Vielfalt an Rätseln auf, die alle auf dem gleichen Konzept basieren.
Erweitert wird das Repertoire durch Klassiker wie Pfeile, Bomben und Kisten, aber auch durch Elemente, welche die Kameramechanik spezifisch ausnutzen. So gibt es Plattformen, die aufsteigen, wenn ich die Kamera länger im Kreis drehe.
Weitgehend optionale Schreine bieten zusätzliche Rätselherausforderungen. Hier kommen neue oder schwierigere Rätselvarianten hinzu, die dazu beitragen, die Spielmechaniken besser zu verstehen. Mal habe ich zuerst einen Schrein gelöst und hinterher mit neuem Wissen ein Rätsel sofort verstanden, mal bin ich später in einen Schrein zurückgekehrt, nachdem ich draußen etwas gelernt habe, um das Rätsel darin zu verstehen. Allerdings gibt es auch einzelne Rätsel, bei denen die Lösung (vermutlich) so unkonventionell ist, dass sie sich nicht intendiert anfühlt.
RPG-Elemente zeigen sich vorwiegend darin, dass besiegte Gegner Erfahrung bringen und mit höherem Level Werte wie Angriff und Verteidigung steigen. Besonders hoch wird der ausgeteilte Schaden dabei jedoch nicht. Zudem kann ich zusätzliche Herzen finden, um die Gesamtenergie zu erhöhen.
Optisch gibt es vereinzelte Momente, in denen Elemente nur schwer zu erkennen sind. Beispielsweise schwarze Leitern vor dunklen Hintergründen, da die Farbpalette sehr reduziert ist.

Den Mond finden
Ziel in Cassette Boy ist es, den Mond wiederzufinden. Der ist in mehrere Teile zersplittert, die ich nach und nach auftreibe. Zumeist sind sie mit einem Bosskampf verbunden, wobei die Kämpfe nicht unbedingt die größte Stärke des Puzzle-RPGs sind.
Normale Gegner sind eher lästig, da Schwert und Pfeil sie oft nicht auf Entfernung halten und die Spielfigur gern kurzzeitig an Kanten in der Umgebung hängen bleibt. Bossgegner haben sehr viele Lebenspunkte, sind ansonsten aber nicht besonders fordernd. Einige nutzen verschiedene Rätselmechaniken, allerdings sind diese nicht immer praktisch nutzbar. In einem Fall jedoch konnte ich einen Angriff auf einen Boss zurückwerfen, um deutlich mehr Schaden zuzufügen, was ich mir bei anderen Bossgegnern auch gewünscht hätte. Einmal hat mich leider ein Boss mit einem Angriff überraschend sehr weit weggestoßen und ich musste den letzten Speicherpunkt laden, um weiterspielen zu können.
Mondsplitter finde ich meistens auf der anderen Seite eines Portals, das mich in einen Dungeon führt. Danach lande ich wieder in meinem Bett, anschließend gibt es allerdings keine Hinweise auf das nächste Ziel. Oft reicht es aus, mit den Leuten in der Stadt zu reden oder sich umzuschauen, um herauszufinden, wohin es als nächstes geht. Manchmal hilft es auch, das letzte Ziel noch einmal zu besuchen. Besonders an einer Stelle wurde mir allerdings lange nicht klar, was ich als nächstes tun sollte, bis ich über den richtigen Weg gestolpert bin.
Das hat leider auch dazu geführt, dass ich im Roguelike-Dungeon mehr Zeit als notwendig verbracht habe. Für einen kurzen Besuch ist er in Ordnung, da die Rätsel darauf basieren, alle Gegner zu besiegen und Schalter zu betätigen, um Türen zu öffnen und Schlüssel zu finden. Allerdings lässt sich darin auch sehr viel Zeit verbringen. Das ist vor allem deshalb schade, weil die anderen Dungeons deutlich mehr Spaß machen.

Fazit
Cassette Boy setzt seine spezielle Mechanik gelungen um. Dinge verschwinden zu lassen, ist einfach verständlich, dabei bieten die Rätsel aber auch eine große Bandbreite und werden zunehmend fordernder. Einzelne Bugs (oder beim Fallen in einen Softlock zu gelangen) und die Möglichkeit, an der Vegetation kurzzeitig hängen zu bleiben, schmälern den Spielspaß etwas, halten zumeist jedoch nicht lange auf. Die Lenkung durch das Spiel funktioniert weitgehend gut, vereinzelt wären jedoch genauere Hinweise auf das nächste Ziel hilfreich. Insgesamt lohnt sich ein Blick auf das Puzzle-Action-RPG.

Herzlichen Dank an Forever Entertainment für die Bereitstellung des Testmusters. Nintendo-Switch-Spiel gespielt auf Nintendo Switch 2.