Esoteric Ebb (Review)

DER KLERIKER ist nicht nur eure Hauptfigur in Christoffer Bodegårds Esoteric Ebb, sondern DIE Hauptfigur. Im Sinne von: Sein Name schreibt sich ausnahmslos in Großbuchstaben. Im Sinne von: Es spielt keine Rolle, ob er eigentlich ein schurkischer Dieb ist, er ist DER KLERIKER. Und für DEN KLERIKER ist es auch egal, ob sein Spiel eigentlich, auf dem Papier, nur ein lauwarmer Abklatsch vom 2019er Hit Disco Elysium ist, wenn es um die grundsätzliche Idee geht: Wie im modernen Klassiker handelt es sich hier um ein knallhartes West-RPG, und wie im modernen Klassiker hadert ihr stets mit euren personifizierten Gefühlen und Instinkten. DER KLERIKER macht aber aus dem Konzept sein eigenes Ding und überflügelt dabei das Vorbild vielleicht sogar.

Was hat es also mit Esoteric Ebb auf sich? Im Grunde spielt ihr ein sehr textsicheres Dungeons & Dragons-Abenteuer mit eben DEM KLERIKER (eigentlich heißt er ja Ragn) in der Hauptrolle. Im Normalfall latscht ihr durch eine wunderhübsch gezeichnete, isometrische 2D-Welt, sprecht mit allerlei charakterstarken und teils sehr amüsanten Charakteren und ermittelt in einem Verbrechen. Jemand hat sich mit unbekannten, aber offensichtlich ziemlich explosiven Methoden Zutritt zu einem unscheinbaren Tee-Laden verschafft. Warum, wieso, und was das ganze mit den kommenden Wahlen zu tun hat sowie einer sehr instabilen politischen Lage in der ganzen Stadt, gilt es nun herauszufinden.

Nebenbei gibt’s einige andere Aufgaben zu lösen – große, wie die in Kürze anstehenden Wahlen und damit sowohl eine Festigung eures politischen Gesinnens als auch folgerichtig das Überzeugen aller, die anderer Meinung sind, aber auch kleine, wie die Tatsache, dass ein Kleriker zwar eigentlich Beziehungsabstinent lebt, aber Ragn ja schon doch im Grunde nichts gegen eine künftige Beziehung einzuwenden hätte – sei es Ork, Engel, Goblin oder drei Meter hohe Sphinx. Was kann schon passieren, wenn er sich dabei etwas schusselig und unbedarft anstellt? Und oh, das tut er.

Solltet ihr auf euren detektivischen und romantischen Abenteuern nun in eine brenzlige Situation geraten – und das kann von Fallen über Unfällen oder gar Angriffen oder auch etwas lauter werdenden Gesprächen alles sein – holt ihr die sprichwörtlichen und tatsächlichen Würfel raus, und würfelt in bester Tradition auf eure bei der Charaktererstellung verteilten, bekannten D&D-Werte: Kraft, Intelligenz, Konstitution und so weiter. Nur, dass hier weniger blutiges passiert, dass Breitschwert und Bogen involviert (gezwungenermaßen, da durch einen Schlag des Schicksals alle gefundenen Waffen wertlos sind), sondern gewürfelt wird mit oder gegen die psychischen und physischen Verkörperungen eurer Attribute. Die Konstitution ist euer Bauchgefühl. Stärke wirkt sich gern als übermütiges Ego aus, Intelligenz und Charisma klingen eindeutig, können euch aber auch über’s Ohr hauen. Durch diesen genialen Schachzug fühlt sich Esoteric Ebb ständig an wie ein „echtes“ Pen & Paper Rollenspiel, und zu keinem Zeitpunkt wirken die so gebrauchten Werte unpassend oder falsch.

Zwar sammelt ihr auch eine Party zusammen, die ich hier ungern spoilern möchte, da sie größtenteils grandios und legitim überraschend ist, eure wirklichen Begleiter durch zahlreiche Gefahren, Abenteuer und viele, viele Gespräche sind aber auch hier eure verkörperten Attributswerte. Wie ein Otto-Gag im Herrn der Ringe werdet ihr pausenlos von Hirn, Magen und Milz angebrüllt, was ihr gefälligst tun solltet.. und gern widersprechen sich die Diskussionsteilnehmer auch. Und dann müsst ihr euch als Spieler doch wieder selbst entscheiden und mit den Konsequenzen leben, die sich immer real und oft sehr folgenreich anfühlen.

Die Welt, in der das alles passiert – insbesondere die Stadt Norvik – ist dabei voller bunter Orte und Charaktere, und fast jeder davon ist interessant, spannend oder sehr, sehr witzig. Die örtlichen Goblins werden vom „Drachen“ Lady Miska Sageleaf angeführt, die in etwa so freundlich und kompromissbereit ist, wie ihr Name hoffen lässt. Ettir ist ein Engel, die die Stadt beschützt und nicht nur ihre Augen sollten euch nervös machen. Und natürlich ist da der Darksouls-esque, maskuline, einsame, stille und sehr, sehr, SEHR intensive Krieger, der sich den Vorsaal des örtlichen Tempels einquartiert hat, namens „Ente“. Bei dem ersten Treffen könnt ihr jeweils wie im Rollenspiel-Vorbild durch einen erfolgreichen Würfelwurf erste Details deren Charakterbögen sichtbar machen, was aber jedes dieser Unikate wirklich zum ticken bringt, müsst ihr in interessanten und oftmals langen Gesprächen selbst herausfinden.

Wie auch die Charaktere ist der gesamte Humor des Spieles fast unfehlbar. Ein kleiner Meta-Gag hier und da, ein bisschen Dummfug-Albernheit als Belag, aber die dickste Schicht ist ein nahezu Scheibenweltlicher, intelligenter und mitreissender Witz, der sich durch jeden Ort, jede Person und jede Erzählung des Spieles zieht. Aber leider nur in Englisch, also aufpassen.

Und da liegt vielleicht auch die größte Stärke von Esoteric Ebb. Als deutlich parodistische, aber jederzeit unglaublich liebevolle und detailverliebte Interpretation des bekannten D&D-Systems, bringt es einen sehr charismatischen, erzählerischen Fokus auf Charaktere, eine fantastische Welt und ihre Politik (die wiederum ihrerseits ganz klar von unseren politischen Mitten und Extremen inspiriert ist). Man möchte nicht nur wissen, was denn nun mit diesem ollen Tee-Shop passiert ist, sondern was es mit jedem einzelnen Nebencharakter auf sich hat. Man wird in die Geschichte der Stadt und des Landes gezogen, in die politischen Züge, Machtspielchen und Parteien, und plötzlich hat man schon wieder ein paar Stunden gespielt.

Ja, die politischen Beschreibungen der imaginären, aber doch nicht SO imaginären Parteien erscheinen dann und wann etwas stumpf und unausgegoren, und einige der soziopolitischen Punkte des Spiels wirken manchmal wie mit der Holzhammermethode verteilt. Und auch wenn die handgezeichnete Grafik mit ihrer wunderbaren Animation mir persönlich sehr gefällt, ist sie manchmal etwas unübersichtlich und perspektivisch anstrengend, wenn z.B. viele unterschiedliche Etagen im Bild sind. Tut das Esoteric Ebb einen wirklichen Abbruch? Zumindest nicht für mich.

Ich bin kein großer Fan von Disco Elysium und gebe dies gern zu. Dessen Politika und viel mehr noch dessen endlose, trockene und intelligente Diskussionen und „Kämpfe“ waren ein Bossgegner, der meine Geduld leider zur Aufgabe gezwungen hat. Und Esoteric Ebb macht – aus meiner Sicht – einfach alles besser, was mich an Disco gestört hat. Der Humor ist jederzeit on Point und irgendwo zwischen Scheibenwelt und einer komplett aus dem Ruder gelaufenenen Rollenspielkampagne anzusiedeln. Die Gespräche sind lang, aber nie ZU lang oder gar -weilig dazu.

Und die rücksichtslose, kompromisslose Taktik, einfach das D&D-Grundgerüst zu stibitzen um den ständigen Kampf gegen die inneren Emotionen fassbarer zu machen, geht einfach voll auf – bei Elysium bin ich oft nicht mitgekommen, welches Symbol oder Gefühl bei welcher Aussage zu vertrauen ist – aber wenn mein Charisma sich mit Stärke und Geschicklichkeit streitet und sich Konstitution einmischt weil mein Bauch sich dreht, weiß ich, was Sache ist. Wenn ich versuche, mittels zahlreichen Proben und Ideen aus einem ätzenden Gelatinewürfel entkommen muss, kann ich alter Rollenspieler dies wesentlich besser einschätzen als eine Grundsatzdiskussion zum menschlichen Gewissen. Also, auch wenn’s vielleicht nicht für jeden gilt, für mich ist Esoteric Ebb damit das bessere Disco Elysium. Und ziemlich sicher das beste D&D-Rollenspiel seit Baldur’s Gate 3.

Vielen lieben Dank an Raw Fury für die Bereitstellung des Testmusters.