Reigns: The Witcher (Review)

Artwork zu Reigns: The Witcher

Was haben Videospiele und Tinder gemein? Nun, Reigns: The Witcher teilt sich auf jeden Fall schonmal große Teile des Interfaces mit der berüchtigten Dating-App. Und in beiden können wir durch das Wischen in die falsche Richtung auf zwielichtige Gestalten treffen. Derweil singt der Barde Dandelion (auch bekannt als Rittersporn in der deutschen Übersetzung) von Geralts größten Taten und bleibt immer zu 100% bei der Wahrheit. Er würde doch nie übertreiben, oder?

Eine Entscheidung jagt die nächste

Schon ein bisschen verrückt. Als ich 2017 – ein paar Monate nach dem damaligen Release – über Reigns gestolpert bin, war ich ein paar Tage ganz gut unterhalten. Aber dass das kurzweilige Prinzip, das auf ständigen Entweder-Oder-Entscheidungen durch simples rechts-links Swipen basiert, es bis zu einem inzwischen sechsten (!) Teil geschafft hat, das hätte ich mir damals wirklich nicht ausmalen können. Gut, inzwischen kamen ein paar Facetten hier und da mehr dazu, aber das Grundprinzip, also dass wir uns von Entscheidung zu Entscheidung hangeln, das blieb stets gleich.

Diesmal allerdings ist der bekannte Gameplayloop in das Witcher-Universum eingebettet. Eine Franchise-Version ist dabei auch nichts Neues, wurde doch bereits 2018 mit Reigns: Game of Thrones ein Fantasyepos ins Kartenformat gepresst.

Diesmal ist es nun der Barde Dandelion, der in einer Taverne sein Talent zur Schau stellt. Gesungen wird von den kühnen Abenteuern des Witchers Geralt. Natürlich, von was auch sonst! Seine Geschichten werden zu unserem Spielplatz, wir navigieren uns Schritt für Schritt hindurch und lenken diese in unsere Bahnen. Wollen wir den Halblingen helfen sich zu verteidigen? Freunden wir uns mit einem Troll an oder soll er unser Silber zu spüren bekommen? Aber jede Geschichte muss früher oder später zu Ende gehen. Je nachdem, was wir so erlebt haben, wie lange Geralt überlebt hat, ob er neue Charaktere getroffen hat oder ein neues Schicksal erlitt – all diese Facetten entscheiden darüber, wie begeistert das Publikum von der Darbietung ist. Eine hohe Begeisterung sorgt dafür, dass Dandelions Barden-Level ansteigt und dabei kommt ihm auch die ein oder andere Inspiration, in welche Richtung Geralts Weg ihn noch so treiben könnte.

Screenshot aus dem Spiel "Reigns: The Witcher"
Komm, wir stoßen an, Yen!

Aber nach der Show, ist vor der Show. Denn kaum ist der Applaus verstummt, so beginnt direkt die nächste Geschichte. Aber zuvor werden immer drei Inspirationen ausgewählt, die für den aktuellen Durchgang besonders in den Fokus rücken. Ist die Aufgabe, wie zum Beispiel im obigen Screenshot zu sehen „Unmask shady merchants“, also zwielichtige Händler zu entlarven, dann macht es Sinn bei Begegnungen mit Händlern denen gegenüber besonders skeptisch eingestellt zu sein. Erfüllte Quests bringen dabei natürlich noch mehr Barden-Punkte und schalten so bald weitere Inspirationen frei.

Wähle deine Verbündeten weise

Gleichzeitig bieten Inpirationen oft auch Zusatzeffekte. Zum Beispiel kann es einfacher sein, dass Menschen dem Hexer schneller vertrauen und die Affinität langsamer absinkt. Denn wir müssen nicht nur uns durch eine ewige Kette an Ereignissen hangeln, sondern auch klug agieren und sich nicht zu sehr auf eine Bevölkerungsgruppe versteifen. Am oberen Bildschirmrand sind dabei die Affinitäten aufgelistet: Menschen, andere Spezies und Magier. Als letztes ist noch Kampfeslust zu sehen, ein guter Hexer muss ja schließlich stets bereit sein sein Schwert Monsterfleisch kosten zu lassen. Fällt einer dieser Werte allerdings zu hoch oder zu niedrig aus, dann ist die aktuelle Runde schneller vorbei als es einem lieb ist. Zu oft mit Zwergen gescherzt? Ihr werdet wegen Verrat gehängt. Ihr habt zu oft eine friedliche Lösung angestrebt? Na, dann ist das Witcher-Dasein vielleicht nicht das Richtige.

Lange durchzuhalten ist dabei wirklich gar nicht so einfach. Zu schnell navigiert man sich dann doch einmal wieder in eine Sackgasse. In den ersten drei Tagen hingegen schon das Zeitliche zu segnen… das hab ich öfter geschafft als ich jetzt gerne zugeben würde. Das macht aber überhaupt nichts: denn durch seine Kurzweiligkeit ist eine neue Runde schnell gestartet, selbst wenn man nur wenige Minuten zur Verfügung hat. Und durch die vielen Möglichkeiten, die der Geschichtsverlauf so bietet und all die Charaktere die wir treffen können – natürlich von Yennefer über Ciri bis zum Blutigen Baron auch jede Menge vertrauter Nasen – baumelt oft genug die sprichwörtliche Karotte vor der Nase. Das motiviert gekonnt weiterhin dran zu bleiben. Und hups. Schon wieder nicht drauf geachtet und ich hab’s mir mit den Menschen verscherzt.

Screenshot aus dem Kampfbildschirm des Spiels "Reigns: The Witcher"
Jede Kreatur gilt es zu erlegen.

Reichet Gold eurem Hexer…

Während mir also ein paar Mal ein Affinitätswert zum Verhältnis wurde, sah es in den tatsächlichen Kämpfen selten problematisch aus. Diese spielen sich auf einem simplen 6 x 5 – Feld ab, bei dem eigene und feindliche Angriffe Stück für Stück näher rücken. Mit jedem Taktschlag bewegt sich auch Geralt entweder nach links oder rechts. Die eigene Bewegungsrichtung ist dabei das einzige, was wir selbständig steuern können. Berührt man einen feindlichen Angriff, so verliert man Lebensenergie, sammelt man ein eigenes Angriffssymbol ein, so werden die Herzen des Feindes reduziert. Einzelne Feinde haben noch besondere Tricks auf Lager – die eigenen Schwertstreiche können geblockt werden, einzelne Angriffsfelder bewegen sich plötzlich schneller oder ein Gegner kann nicht ohne dass eine Rune gesprochen wurde getroffen werden. Das gesamte Prinzip bleibt simpel und einfach zu verstehen, und bietet zugleich durch die Gegnertypen auch ein bisschen mehr Abwechslung. Allzu spannend werden die Kämpfe aber dadurch trotzdem nicht.

Hin und wieder wird ein fähiger Barde auch in anderen Teilen des Kontinents gesucht. Zwischen den einzelnen Geschichten kann man sich also immer wieder umsehen, ob denn ein ganz besonderer Auftritt verfügbar ist. In der Regel schalten diese sich frei, wenn bestimmte Inspirationen verfügbar sind. Manchmal muss auch Geralt in Dandelions Liedern ein bestimmtes Ende gefunden hat. Dabei haben die Auftraggeber ganz konkrete Vorstellungen von der Vorführung. In einem kleinen Frage-Antwort-Spiel bei dem die entsprechende Inpiration ausgewählt wird, klickt man sich schrittweise durch den Dialog. Sind am Ende alle zufrieden, so fallen dem Barden gleich noch weitere Dinge ein. Und neue Storyideen sind geboren.

Einmal nach rechts geswiped

Auch der sechste Ausflug des Swipe-Spiels weiß wieder zu gefallen. Oft genug hab ich doch noch eine Runde dazwischengequetscht, obwohl ich eigentlich schon lange aufhören wollte. Zwar wird das Spiel nie allzu anspruchsvoll, aber es macht Spaß in die Welt des Hexers einzutauchen, Kämpfe gegen Drachen und Katzen (ja, wirklich!) auszutragen und sich einen Waschbären tätowieren zu lassen. Gespielt habe ich auf dem SteamDeck. Und auch wenn es sich da „richtig“ angefühlt hat, kann ich mir vorstellen, dass Reigns: The Witcher sich auf dem Smartphone oder Tablet nochmal besser passender anfühlt. Da sind wir schließlich endloses Wischen und Swipen eh schon gewohnt.

Herzlichen Dank an Devolver Digital für die Bereitstellung des Testmusters. Die vielen Leben des Geralt auf dem PC via SteamDeck besungen.