Vor einigen Jahren brachte Bandai Namco Entertainment das Hardcore-Action-RPG Code Vein auf den Markt. Auch wenn es dort wie in manch anderem Genrevertreter eine Welt nach dem Zerfall und mit Monstrositäten gab, schaffte es sich eine eigene Identität. Der Charakterstil setzte auf Animelook statt Realismus und der Spieler hatte einige Möglichkeiten in der Charaktererstellung. Statt Level für Level Statuswerte auszuwählen, gab es zudem eine Art freieres Klassensystem mit Blood Codes. Blut spielte für die vampirähnlichen Revenants auch im Kampf eine Rolle als Ressource für Fertigkeiten. Nun ist mit Code Vein 2 endlich ein Nachfolger erschienen.
Trotz einiger Gemeinsamkeiten handelt es sich aber um eine eigenständige Erzählung und ist somit gut zum Einstieg geeignet.
In die Vergangenheit, um die Zukunft zu retten
Die Welt in Code Vein 2 ist vor vielen Jahren von einer Katastrophe heimgesucht worden. Die Resurgence hat Menschen und Tiere in Monstrositäten verwandelt, die Zivilisation ist zum großen Teil untergegangen. Während es Menschen schwierig hatten, traten die stärkeren, vampirähnlichen Revenants ans Licht der Weltgeschichte. Schließlich gelang es, die Resurgence zu versiegeln. Doch das Siegel hielt nicht ewig und musste nach 100 Jahren erneuert werden.

Nun sind weitere rund hundert Jahre vergangen und das Siegel wird schwach. Die Lebenskraft der Helden, die für das Siegel in Kokons gefangen sind, ist dem Ende nahe. Mit dem Tod wird jedoch gewaltige Energie zerstörerisch freigesetzt.
Der selbsterstellte Protagonist erwacht in dieser Situation. Die Vampirin Lou hat ihm ihr halbes Herz gegeben, um sein Leben zu retten. Lou ist auch die einzige Hoffnung für die Welt. Denn die Kokons lassen sich nicht einfach öffnen, um die Explosionen zu verhindern. Nötig sind „Schlüssel“ aus der Vergangenheit der Helden. Glücklicherweise verfügt Lou über die Fähigkeit, Portale durch die Zeit zu öffnen, solange ein starker verbleibender Wille die Zeiten verbindet.
Somit reist unser Protagonist in die Vergangenheit, trifft dort die Helden und sucht ihre „Schlüssel“. Um dann in der Gegenwart die Kokons zu öffnen und die transformierten Helden zu töten.
Nicht nur das bringt eine gewisse Tragik. Auch in der Vergangenheit läuft es nicht unbedingt glücklich ab. Lous Fähigkeit bringt die Chance, die Vergangenheit zu ändern, aber wie wirkt sich das auf die Gegenwart aus?

Die Geschichte und Charaktere wussten mich zu unterhalten, auch vereinzelte exzentrischere Züge mancher Personen. Eine gewisse Portion Tragik ist enthalten, ohne zu sehr runterzuziehen. Zumal Lous Kräfte einen Hoffnungsschimmer bringen. Die Szenen ziehen sich auch nicht in die Länge.
Offenere Welt
Nachdem Code Vein eine verwinkelte Welt mit engeren Gebieten und Querverbindungen hatte, verfolgt Code Vein 2 einen offeneren Ansatz. „Dungeons“ wie Gebäude, Höhlen und Anlagen mit engerem und teils verwinkeltem Aufbau finden sich noch immer. Eingebettet sind sie aber in weitläufigere Gebiete. Nach der Spieleinführung auf einer Insel kommt man aufs Festland, wo man mehrere Hauptziele in freier Reihenfolge verfolgen kann. Oder man erkundet erst mal gründlich. Freilich variiert die Gegnerstärke je nach Gebiet, anfangs ist die nächste Hauptquest schon die empfehlenswertere. Gegen Ende wird die Führung durch die Geschichte wieder linearer.
Für mehr Orientierung gibt es Markierungen auf der Karte und Questmarker. Nur in einem Gebiet war ich kurz verwirrt, da an der Markierung nicht der entsprechende Ort zu finden war. Ich hätte darauf hören sollen, den Aufzug deutlich früher zu nehmen, dann wäre ich gleich durch ein Höhlensystem zum Ziel gekommen. Abgesehen davon machen Höhenlevel auf der Oberwelt keine Orientierungsprobleme. In den „Dungeons“ dagegen sind mehrere Stockwerke etwas öfter aufzufinden. Die Karte wird erst durch Zerstören bestimmter „Jammer“ aufgedeckt, aber hat meiner Auffassung nach keine Option, zwischen Stockwerken zu wechseln. Räume und Wege werden in unterschiedlichen Graustufen je nach Höhe dargestellt. Glücklicherweise sind diese Gebiete in aller Regel nicht unnötig verworren aufgebaut (der ein oder andere erinnert sich vielleicht an ein gewisses Gebiet im Vorgänger). Deshalb ist das zwar etwas schade, aber kein nennenswertes Hindernis.

Für weniger Leerlauf gibt es ein Schnellreisesystem zwischen Misteln. Diese dienen als Rücksetzpunkt für Tode, zum Heilen, Aufleveln und mehr. Teilweise finden sich noch Wiederbelebungsmonumente, die aber nur als Rücksetzpunkt und für Heilung dienen. Ich empfinde die Verteilung als angemessen.
Aufmerksam im Kampf
Code Vein 2 ist ein Action-RPG, in dem man auch mal schnell besiegt werden kann. Gegnerische Angriffe fügen in der Regel ordentlich Schaden zu, Angriffe und defensive Aktionen benötigen Stamina. Die Heilitems einzusetzen schränkt kurzzeitig ein, was schnell zu gegnerischen Folgetreffern führen kann. Zudem ist die Heilung in der Regel nicht für jeden Schaden stark genug. Beim Tod verliert man an Ort und Stelle sein gesammeltes Haze, was Währung und Erfahrungspunkte in einem ist. Stirbt man auf dem Weg nochmal, ist das Haze verloren. Diese etwas mehr Aufmerksamkeit fordernde Art hat ihren Reiz.
Auch wenn Code Vein 2 teils Gegner neben Durchgängen platziert, bleibt es meiner Meinung nach im fairen Rahmen. Oft kann man Gegner schon vorher hören, und hat zudem Zeit zum Reagieren. Tödliche Abgründe spielen im Kampf zudem auch fast nie eine Rolle. Und auch außerhalb muss man sich schon ungeschickt oder unaufmerksam anstellen, um in den Tod zu stürzen.

Die richtige Ausstattung
Code Vein 2 gibt dem Spieler aber allerlei Werkzeuge an die Hand, um im Kampf erfolgreich zu sein. Ein paar Waffenarten stehen zur Auswahl. Manche ist schnell und wendig, manche kann mit aufgeladenen Angriffen ordentlich Schaden zufügen. Unterschiedliche Trefferbereiche und Reichweiten gibt es ebenfalls. Für jede Waffenart finden sich im Spielverlauf unterschiedliche Ausprägungen. Den Waffen kann man dann bis zu vier Fertigkeiten wie Waffenangriffe, Magie und Buffs zuordnen, um sie im Kampf einsetzen zu können. Die Waffe der Wahl sollte man zudem mit Materialien verstärken.
Der Einsatz der Fertigkeiten benötigt Ichor, Blut. Zwar wird Ichor auch an Misteln aufgefüllt, damit allein käme man aber nicht weit. Deshalb müssen gegner herhalten. Angriffe erhöhen deren Blutung, anschließend kann man per ausgerüstetem „Jail“ angreifen und entsprechend Ichor erhalten. Werden Gegner gestaggert, kann man sogar einen besonders starken Angriff per Jail einsetzen. Parieren und Angriffe von hinten sind dafür besonders geeignet. Letztere sind aber nicht mehr so mächtig wie im Vorgänger.
Parieren kann man leider nur mit bestimmter defensiver Ausrüstung oder einem bestimmten Jail, was zudem Ichor kostet. Mit Schilden kann man lediglich blocken. Allerdings sollte man auch hierbei auf den richtigen Zeitpunkt achten, um den Staminaverbrauch gering zu halten. Denn auch eine volle Staminaleiste hält sonst bei vielen Kombos nicht. Zudem kann der Block auch noch durchbrochen werden, einfach gedrückt halten ist also keine gute Idee. Zuletzt gibt es auch defensive Ausrüstung, die Ausweichbewegungen auslöst. Normales Ausweichen ist an sich auch eine Option, benötigt aber ebenfalls in der Regel Stamina. Im Idealfall würde man also oft den ersten Angriff des Gegners geschickt parieren, kontern und so fortfahren. Wenn man wie ich etwas ungeschickt mit dem Timing ist, ist der Versuch aber oft schmerzhaft.

Im Spielverlauf erhält man zudem verschiedene ichornutzende Spezialwaffen wie etwa einen Bogen, wovon man eine ausgerüstet haben kann.
Blood Codes, Booster und Belastung
Auch Code Vein 2 hat weder ein starres Klassensystem noch eine Statuswertauswahl beim Aufleveln. Wieder bestimmen flexibel wechselbare Blood Codes über Statuswerte, wobei man mit höherem Level natürlich dennoch stärker wird. Zudem haben sie noch zusätzliche Eigenschaften. Eine der interessanten war es zum Beispiel, schon durch Angriffe allein Ichor zu erhalten. Würde man das Maximum überschreiten, erleidet man dagegen Schaden. Ein anderer Blood Code ermöglicht es, beim knappen Ausweichen Stamina zurückzugewinnen, statt nur zu verbrauchen. Die Ausrichtungen und Eigenschaften sind vielfältig.
Mit genug Einsatz können Blood Codes gemeistert werden. Höherrangige benötigen auch stärkere Gegner, damit man nicht einfach im ersten Gebiet grindet. Zusätzlicher kann man für jeden gemeisterten Blood Code einen Booster erhalten. Einige lassen sich mit Materialien herstellen. Mehrere Booster lassen sich ausrüsten und geben kleinere und größere Boni.
Boni von Blood Codes und Boostern können aber auch Bedingungen haben, die mit der Belastung zusammenhängen. Die im wesentlichen von Blood Codes beeinflussten Statuswerte wie Stärke und Willenskraft sind neben Skalierung von Waffen- und Magieschaden auch zum Ermitteln der Belastung wichtig. Die meiste Ausrüstung hat sozusagen Kosten für einen oder mehrere Statuswerte. Man kann das Limit der Charakterwerte übersteigen, was einerseits natürlich Nachteile bringt. Gleichzeitig gibt es aber auch Vorteile. Eine überbelastete Stärke erhöht zum Beispiel den Nahkampfschaden, aber den Gegner zu Verfehlen kostet mehr Stamina. Je nach Spielstil kann man Überlastung also gezielt nutzen. Allerdings wirkt sich die Belastung auch auf das Ausweichen aus. Mit zwei oder mehr überlasteten Werten wird die Ausweichrolle schlechter.

Vertrauenswürdige Partner
Wie schon im Vorgänger kämpft man in Code Vein 2 in der Regel nicht allein. Revenants als Partner stehen hilfreich zur Seite. Einerseits greifen sie ebenfalls Gegner an und lenken mit Glück auch deren Aufmerksamkeit auf sich. Andererseits erhält man durch sie auch Buffs, solange man neben HP auch noch die zuerst bei Treffern sinkenden LP übrig hat. Diesmal sind die Partner unsterblich und teilen ein bisschen davon. So können sie den Spieler instantan wiederbeleben, sind dann aber eine Zeit lang nicht im Kampf und können währenddessen nicht wiederbeleben. Zudem wird der Effekt von mal zu mal in einem Kampf schwächer, um nicht zu mächtig zu sein. Auch beim ersten Mal wird man in der Regel noch heilen müssen. Eventuelle übermäßige Heilung beschleunigt jedoch auch die Rückkehr der Partner.
Wer keinen zweiten Kämpfer möchte, kann Partner auch assimilieren und somit etwas stärker werden. Manche Fertigkeiten können die Partner dann dennoch einsetzen. Vereinzelte Partner können sogar nur assimiliert helfen.
Fazit
Code Vein 2 hat mich auch mit seinem offeneren Ansatz des Weltaufbaus unterhalten können. Die offeneren Bereiche sind nicht übermäßig weitläufig gestaltet und laden zum Erkunden ein. Die Gebäudeanlagen und Höhlen haben den klassischeren engeren Aufbau mit mancher freischaltbaren Abkürzung, stehen aber jeweils einzeln für sich. Manche dieser Gebiete sind mehrstöckig aufgebaut, was die freischschaltbaren Karten leider nicht übersichtlich darstellen. Größere Orientierungsprobleme gab es für mich jedoch nicht. Oft ist es insgesamt eher linear mit kurzen Abzweigungen.

Das Kampfsystem und seine verschiedenen Build-Möglichkeiten gefallen mir, wenn auch mancher Gegner vielleicht etwas mehr Feinschliff in seinem Moveset gebrauchen könnte. Manche starke Gegner und einige Bosse lassen mit schnellen, wilden Angriffen kaum Luft zum Atmen. Auch Abstand zu schaffen ist teils schwer. Die Schwierigkeit hält sich angesichts der Möglichkeiten für den Spieler aber moderat. Manchmal hilft eine Anpassung der Herangehensweise schon aus.
Das Charakterdesign hat vielleicht etwas viel Gold, gefällt mir aber insgesamt. Die Gegner sind zu einem zu großen Teil menschenähnlich, dabei oft aber mit einem monströseren Design gestaltet. Ich habe mit japanischer Sprachausgabe gespielt, die mir gefällt. Auch die Musik kann sich hören lassen und unterstützt die Atmosphäre.
Die Geschichte ist durchaus unterhaltsam mit einer gewissen Portion an Tragik, schöpft die Zeitreisenthematik aber nicht aus.
Auf der schwächeren Xbox Series S kam es beim Durchqueren der Welt und auch vereinzelt von Innenräumen zu niedrigerer Framerate, in Kämpfen hatte ich aber keine Probleme damit. Dort hatte ich dagegen vereinzelt Kameraprobleme an Wänden, die bei dem Kampfsystem unglücklich sind. Positionierung ist eben wichtig?

Insgesamt ist Code Vein 2 für mich durchaus eine Empfehlung wert, auch wenn Potenzial nach oben offen ist. Das Welt- und Leveldesign könnte mehr Hochpunkte vertragen, gegnerische Movesets teils etwas weniger lange und zielgenaue Kombos auf den Spieler loslassen.

Vielen Dank an Bandai Namco Entertainment für die Bereitstellung des Testmusters. Getestet auf Xbox Series S.