Cozy Caravan (Review)

Manchmal, und das Gefühl kennt ihr sicherlich auch, manchmal kann ich ein „cozy game“ ganz gut gebrauchen in meinem Leben. Ihr wisst schon, eines dieser Spiele ganz ohne Hektik und der Frage nach „Skill“, eines, bei dem man einfach eine liebevolle Welt mit putzigen Figuren über sich spülen lässt. Eine Welt, die sich weder mit Grinding, Gegnern oder Geschicklichkeitsprüfungen beschäftigt, sondern ihre Spieler viel lieber in einen entspannenden, relativ herausforderungsfreien Game & Chill-Nachmittag entführt.

Animal Crossing statt Dark Souls.
Kuchen und Tee statt an die Wand geschmetterte Controller.

Cozy Caravan von 5Lives Studios gibt sich schon gleich zum Start sehr putzig. Ihr bastelt aus einer riesigen Tier-Auswahl von Katze bis Axolotl euren ganz persönlichen, knuffigen Charakter und erfreut euch an einer sehr niedlichen (und abschaltbaren) Stop-Motion Animationstechnik, die hervorragend zum Spiel passt. Danach reist ihr dann mit eurem titelgebenden Caravan, gezogen von einer kuschligen Riesenbiene namens Rigby und organisiert von eurem Froschkollegen Bubba, durch eine kleine, aber ebenso knuffige Welt namens Harvestvale. Nebenbei sammelt ihr Rezepte, die ihr verkochen könnt, erfüllt kleine und große Aufgaben, vervollständigt Sammlungen und lernt dabei nicht nur Harvestvale, sondern auch jede Menge seiner Einwohner kennen.

Dabei behaltet ihr jederzeit euren Kalender im Auge und freut euch schon mal auf das jeweils nächste Wochenende – denn dann ist bekanntlich Markttag! Und für irgendwas muss sich sowohl der Caravan als auch euer immer weiter gefülltes Rezeptbuch ja auszahlen. Und das meine ich durchaus wörtlich: Am Markttag könnt ihr euren Caravan irgendwo in Harvestvale parken und einen kleinen Verkaufsstand öffnen, bei dem ihr gesammelte Gegenstände, Gerichte und Selbstgebackenes verkaufen könnt und so ein wenig Geld sammelt. Und damit habt ihr auch schon den hauptsächlichen Game-Loop von Cozy Caravan verinnerlicht: Aufgaben, Rezepte, kochen, Markttag.

Während ihr nun die anfangs eher wenigen Straßen von Harvestvale rauf und runter karrt, findet ihr jederzeit wiederholbare Aushilfsjobs, in denen ihr beispielsweise den Kellner gebt um ein wenig Kleingeld zu verdienen, nehmt Anhalter im Tausch für Rezepte mit oder findet viele kleine und große Produktionsstätten, bei denen ihr gegen ein bisschen Feldarbeit euren eigenen Anteil an Obst, Hafer oder Kartoffeln mitnehmen dürft. Durch diese selbstlose Hilfe (und das weniger selbstlos eingenommene Geld) steigert ihr wiederum das Ansehen in eurer Verkaufsgilde, die euch ihrerseits erlaubt, neue Gegenstände, Ausrüstung und Optionen für den Caravan selbst freizuschalten, um damit wieder mehr Möglichkeiten für den Wochenendverkauf zu haben. Ihr seht schon, worauf das alles hinausläuft.

Und damit kommt dann auch der große Knackpunkt des Spieles: Eine Frage, mit dessen Antwort Cozy Caravan in eurer Gunst steigen wird wie ein bunter Luftballon, oder fallen wie ein Sack Kartoffeln. Diese Frage lautet: Wie viel „Cozy“ soll euer „Cozy Game“ haben?

Denn, um ehrlich zu sein, besonders gemütlich ist Cozy Caravan schon nach ein paar wenigen Spielstunden nicht mehr. Im Gegensatz zu Animal Crossing nächtelt es nicht in Echtzeit, sondern schon nach ein paar Minuten Spielzeit. Das Wochenende kommt also oft schneller als erwartet, und damit auch die Chance zum Verkauf. Und so wird auch die Zeit zwischen den Wochenenden knapp, vor allem da euch das Spiel regelmäßig abends ins Bettchen schickt. Somit wird aus dem entspannten Halbschlaf-Game schnell ein spielbarer Wochenplaner: Eigentlich wollt ihr ja noch Kartoffeln besorgen, aber die sind am anderen Ende der Map, also fahrt ihr besser schon mal los (und da der Caravan nicht automatisch fährt, müsst ihr auch die komplette Fahrt in Echtzeit bestreiten anstatt euch zurückzulehnen). Unterwegs möchte noch jemand in die gegensätzliche Richtung mitgenommen werden? Naja, dann gibt’s wohl einen Umweg. Und da eure Kutsche leider trotz Riesenhummel nicht allzu zügig von der Stelle kommt, sind damit gern schon wieder einige Echtzeit- und jede Menge Ingame-Minuten verbraten. Wenn ihr dann noch euren Kuchen backen möchtet, müsst ihr für jede Einzelzutat ein leicht unterschiedliches Minispiel pro Zutat (!) wiederholen, was auf Dauer leider auch nicht allzu aufregend ist. Außerdem wolltet ihr für andere Quests noch ein paar spezifische Fotos machen, und eigentlich braucht ihr ja auch das Upgrade für den Ofen, und, und, und.

So wird Cozy Caravan relativ fix relativ un-cozy, und leider passiert dies auch eher in der Breite anstatt in der Tiefe – die Aufgaben sind zwar teils aufwendig und zeitintensiv, aber bleiben jederzeit simpel und unspannend. Die kleinen Stories der Charaktere sind putzig, aber letztendlich fürchterlich uninteressant. Die Marktmechanik, in der ihr euer Angebot den Wünschen der Kunden anpasst ist in der Theorie witzig, in der Praxis aber komplett vernachlässigbar. Die Koch-Minispiele sind das Gegenteil von komplex, aber dennoch verlangen sie gleichzeitig zu viel Aufmerksamkeit. Mit dem Wagen herumzufahren ist nett, aber wenn die Fahrerei 80% eines Spieltages ausmacht, wird’s recht schnell eher anstrengend als spaßig.

Und das ist die Crux von Cozy Caravan. Wenn ihr komplett abschalten wollt, wird es das Spiel euch nicht erlauben. Wenn ihr euch hart konzentrieren möchtet und eure Marktkarriere in allen Details planen wollt, fehlt wiederum die Komplexität. Für lange Sessions ist es viel zu repetitiv und flach, für kurze Spielrunden erwartet es durch lange Wege und Minigames zu viel Zeitinvestition selbst für die kleinsten Aufgaben. Es ist sehr schwierig zu durchschauen, was für ein Spiel Cozy Caravan sein möchte, und welches Publikum es genau sucht.

Dennoch: Wenn ihr für Koch-Minispiele und knuffige Charaktere lebt, ist hier vielleicht etwas für euch zu finden. Ich kann es trotz aller persönlichen Kritik nicht übers Herz bringen, den Caravan als „schlecht“ zu bezeichnen, denn das ist er nicht. Man sieht die Liebe der Entwickler überall im Spiel, ja, der Sound ist langweilig, ja, das Gameplay ist nicht besonders abwechslungsreich, aber ansonsten ist Cozy Caravan so stilsicher und wunderhübsch wie nur wenige andere Genrespiele, und es hat definitiv etwas Besonderes an sich. Nur eben nicht das, was ich persönlich erhofft habe.

Lieben Dank an 5Lives Studios für das Testmuster.
Gespielt auf PC.